Kanonen sind aus historischen Berichten über Seeschlachten und Piraten kaum wegzudenken, doch wann begann man, Schiffe mit solchen Waffen auszurüsten? Bisher gibt es dazu nur wenige Informationen. “Unser Wissen über die frühesten Formen von Schießpulver-Waffen und ihre Nutzung in Europa ist überraschend mager”, erklären Staffan von Arbin und seine Kollegen von der Universität Göteborg. Die bisher frühesten datierbaren Schiffswracks mit Kanonen sind das 1440 vor Sizilien gesunkene “Cavoli”-Wrack und das dänische Flaggschiff “Gribshunden” aus dem Jahr 1495. Auch bei den historischen Berichten über Schiffskanonen stammen die meisten Zeugnisse erst aus dem 15. Jahrhundert.
Kanonenrohr samt Resten des Pulversäckchens
Ein vor der westschwedischen Insel Marstrand von einem Hobbytaucher entdecktes Relikt ändert dies nun: Ein Hobbytaucher stieß dort auf eine kleine, nur rund 50 Zentimeter lange Kanone, die allein, ohne umgebendes Schiffswrack oder andere Trümmerteile, in rund 20 Meter Tiefe am Meeresgrund lag. Nach der Bergung des Funds gelangte dieser zur weiteren Untersuchung an das Schifffahrtsmuseum der Universität Göteborg. Dort analysierten von Arbin und seine Kollegen die kleine Kanone näher. Dabei zeigte sich, dass in der Pulverkammer am hinteren Ende der Kanone noch Reste eines Stoffsäckchens steckten. “Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die Relikte einer Kartusche, einer Stoffhülle, die die Pulverladung für die Kanone enthielt”, berichten die Archäologen. “Dies spricht dafür, dass diese Kanone Teil der Schiffsbewaffnung war und nicht bloß ein Frachtstück.”
Doch die Stoffreste waren noch aus einem anderen Grund hilfreich: Sie ermöglichten es den Forschern, die Kanone mittels Radiokarbondatierung zu datieren. Diese ergab, dass die Schiffskanone aus der Zeit zwischen 1285 und 1399 stammen muss. “Damit ist die Marstrand-Kanone nicht nur älter als jeder andere Fund von Schiffsartillerie in Europa, sie ist auch das älteste Stück Artillerie, das jemals entdeckt wurde”, berichten von Arbin und seine Kollegen. Der Fund belege zudem, dass Pulverkartuschen früher in Gebrauch waren als zuvor angenommen.
Einblick in die Frühzeit der Schiffsartillerie
Die am Meeresgrund entdeckte Kanone liefert damit wertvolle Einblicke in die Frühzeit der Schiffsartillerie: “Der Marstrand-Fund repräsentiert einen großen Sprung nach vorn in unserem Wissen über frühe Schießpulverwaffen, ihre Nutzung und Entwicklung”, konstatieren von Arbin und sein Team. So bestätigt die vergleichsweise geringe Größe der Schiffskanone, dass Seeschlachten im 14. Jahrhundert noch deutlich anders abliefen als später: Statt sich aus der Ferne mit Kanonen zu beschießen, wurde die Artillerie primär aus der Nähe als Waffe gegen die Besatzung des gegnerischen Schiffs eingesetzt. “Damals wurden feindliche Schiffe noch ähnlich angegriffen wie Burgen und andere Befestigungen an Land”, erklären die Archäologen.





