Davíd Carrasco, Religionswissenschaftler an der Harvard-Universität, entwirft ein Mosaik der Welt der Azteken. Seine Sicht auf diese vor fast 500 Jahren von spanischen Eroberern und Missionaren zerstörte Kultur wird von populären Fragen und Themen gesteuert: Waren die Azteken gewohnheitsmäßige Kannibalen? Carrasco bejaht das zwar, versucht aber das negative Urteil über die Azteken dadurch abzumildern, dass er archäologisch untaugliche „Evidenz“ anführt und aus ihr schließt, dass die Zahl der Menschenopfer sehr viel geringer gewesen sein muss als bisher angenommen.
Eine andere populäre Frage ist: Wie und warum ist das „Reich“ der Azteken untergegangen? Hierzu referiert Carrasco die Berichte des spanischen Soldaten Díaz del Castillo und stellt ergänzend fest, dass auch indianische Verbündete der Spanier, vor allem Tlaxcalteken, substantiell zu deren Sieg beigetragen haben. Indianer der unterlegenen Gegenseite kommen nicht zu Wort. Dass die Frau bei den Azteken eine untergeordnete Rolle spielte, kann auch Carrasco nicht bestreiten, doch bemüht er sich durch eigenwillige Gewichtung von Tatsachen, ihre Bedeutung in der aztekischen Gesellschaft zu heben. Dabei versteigt er sich dazu, den Sonnengott Tonatiuh, dem die meisten Blutopfer dargebracht wurden, eine weibliche Identität zuzusprechen.
Schließlich geht es Carrasco um die Wirkungsgeschichte der Azteken: Als Esoteriker kommt Erich von Däniken mit seinen Thesen über außerirdische Wurzeln altamerikanischer Kulturen zu neuem Ansehen, wie auch der Abenteurer Thor Heyerdahl, der die Besiedlung der pazifischen Inselwelt von Amerika aus propagiert hat. Im aktuellen inter‧nationalen Diskurs bedeutender ist da schon das Aufgreifen (vermeintlicher) altaztekischer Glaubensinhalte und Feste unter der mexikanischstämmigen Chicano-Bevölkerung in den USA. Es ist faszinierend zu hören, dass der von den Azteken verehrte Kulturheros Quetzalcoatl, die frühkoloniale Marienerscheinung am Tepeyacac nördlich von Mexiko-Stadt und der expressive Totenkult am „Día de los Muertos“ unter ihnen heute noch oder wieder lebendig sind.
Außer diesen Themen werden eine Einführung in die den Azteken vorangegangenen Kulturen von Teotihuacán, Tollan und Cholullan und in die mythische Stammesgeschichte der Azteken selbst, die im Jahr 1064 mit ihrem Auszug aus der Urheimat Chicomoztoc („sieben Höhlen“) ansetzt, sowie ein knapper Abriss der Herrschaftsgeschichte von Acamapichtli bis Moctezuma gegeben. Eroberungen, Handel, Weltbild und Menschenopfer mit dem Ritus des „Menschenschindens“ sind weitere Themen. Ein letztes, auf die Azteken direkt bezogenes Kapitel „Wortspiel, Philosophie, Bildhauerei“ versucht ihre Geisteskultur und Kunst darzustellen. All das wird kenntnisreich, wenn auch zuweilen kontrovers und nicht frei von sachlichen Fehlern, ausgebreitet.





