Der herausragende Anspruch dieses kostbarsten aller Berry-Stundenbücher äußert sich schon in der verschwenderischen Goldverwendung: In keinem anderen Horarium des Herzogs wurden derartige Mengen von Blattgold verar?beitet. Jede Text- und Bildseite ist von goldenen Dornblatt-Rankenbordüren gerahmt, die jeweils durch das Pergament hindurchgepaust wurden, so daß sie sich auf Vorder- und Rückseite spiegelbildlich entsprechen.
Die Ausstattung dieses Ausnahmewerks mit 172 Miniaturen vertraute Jean de Berry drei sehr jungen Künstlern an, den aus Limburg stammenden, zwischen 1385 und 1390 geborenen Brüdern Paul, einem Maler, sowie Jean und Hermann, die als Goldschmiede ausgebildet waren. Der alternde Herzog muß von der innovativen Kraft dieser Miniaturisten fasziniert gewesen sein, die sich den Bräuchen der Pariser Buchmalerei kaum beugten, dafür jedoch italienische und holländische Einflüsse aufnahmen und ihr Konzept einer bis dahin nie erreichten dreidimensionalen Figurenmalerei völlig eigenständig realisieren konnten, hat er sie doch wenig später mit der Ausmalung der „Très Riches Heures“ beauftragt, die sie jedoch, 1416 vermutlich von der Pest dahingerafft, nicht vollenden konnten. Eberhard König, der zur Zeit wohl beste Kenner französischer Buchmalerei, hat nun in einem vorzüglich bebilderten Band diesen Höhepunkt der abendländischen Buchkunst ebenso eindringlich wie einfühlsam vorgestellt.
Rezension: Ott, Norbert H.





