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Die Blutspur des Judenmörders Rintfleisch
Mindestens 3500 Juden wurden 1298 bei einer Welle von Pogromen im süddeutschen Raum ermordet. Diese sogenannte Rintfleisch-Verfolgung zählt zu den ersten flächendeckenden Pogromen seit dem Ersten Kreuzzug (1096–1099). Die instabile politische Lage im Reich machte es den „Judenschlägern“ leicht. Ihr Motiv war sehr…
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Adolf von Nassau, der von den Kurfürsten abgesetzte römisch-deutsche König, fiel am 2. Juli 1298 in der Schlacht bei Göllheim, unweit von Worms. Im Getümmel war Adolf früh sein Helm abhanden gekommen, dennoch gab er nicht auf. Umgeben von einigen Getreuen wurde er schließlich niedergemacht, „tapfer kämpfend“, wie es anerkennend in der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ von 1875 heißt. Am 23. Juni desselben Jahres hatten die Kurfürsten Adolf den Laufpass gegeben, weil der 1292 von ihnen gewählte, vermeintlich schwache Monarch aus der kleinen und unbedeutenden Grafschaft Nassau sie durch seine allzu selbstbewusste Politik verärgert hatte. Stattdessen wollten sie nun Albrecht von Habsburg inthronisieren, den sie 1292 – als entschieden zu mächtig – übergangen hatten.
Sicherheit gegen Steuern: Den Monarchen und die Juden verbindet eine besondere Beziehung
Wohl kaum hatte Adolf, als der seit Pfingsten dräuende Machtkampf dem Höhepunkt, dem militärischen Schlagabtausch, zusteuerte, auch nur einen Gedanken an die Sicherheit seiner jüdischen Untertanen verschwendet, obwohl diese mit dem von ihnen entrichteten Schutzzins substantiell zur Finanzierung des Herrschers beitrugen. Aber selbst wenn der Nassauer dafür den Kopf frei gehabt hätte, es hätte den Juden nichts genützt – im März hatte bereits der Truppenaufmarsch der Heere Adolfs und Albrechts begonnen, und am 20. April brach, mehrere Tagesritte von den Aufmarschgebieten am Rhein entfernt, das Unheil über die Juden in der fränkischen Stadt Röttingen herein. Es war der Auftakt der blutigen „Rintfleisch-Verfolgung“, die schon die Zeitgenossen nach ihrem Anführer, einem Mann namens Rintfleisch, bezeichneten.
Beginnend mit Karl dem Großen war die jüdische Bevölkerungsminderheit im deutschen Reich der persönlichen Obhut des Herrschers anempfohlen. Der jeweilige Monarch übernahm, wenn er den Thron bestieg, diese Funktion – im Gegenzug für hohe Geldleistungen der jüdischen Gemeinden. Unter Friedrich II. (reg. 1212–1250, Kaiser seit 1220) war dieses Privileg durch das Institut der kaiserlichen Kammerknechtschaft rechtlich ausgeformt worden; die Juden wurden somit als kaiserliche Knechte betrachtet, denen Schutz zustand, solange sie dafür zahlten. Auch Adolf agierte in der Rolle des Beschützers, die sich aber zunehmend auf den finanziellen Aspekt fokussierte, wie auch die Abschrift einer Urkunde Adolfs belegt. Danach erkaufte er sich 1295 die Treue des Edlen Albrecht von Barby, indem er diesem die von Juden zu entrichtende Steuer in der Herrschaft Barby (südöstlich von Magdeburg) im Gegenwert von 300 Mark Silber im Voraus verpfändete; der König brauchte dringend Unterstützung für seine kriegerischen Unternehmen.
Immer neue Legenden schüren den Hass auf die kleine Minderheit
1298 wurde das mit dem königlichen Privileg verbundene Schutzversprechen allerdings nicht eingehalten: Tausende Juden – Männer, Frauen, Kinder – fielen in diesem Jahr zwischen April und August der Serie von Pogromen im Süden Deutschlands zum Opfer. Keine Obrigkeit stand ihnen zur Seite. Denn auf beiden Seiten waren große Teile des Adels der von den Pogromen betroffenen Gebiete in den Machtkampf um den Königsthron eingebunden.
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„Judenschläger“, so sieht es die Forschung, nutzten das militärisch-politische Vakuum offenbar gezielt für ihre Zwecke aus. Diese bewaffneten Haufen massakrierten in mehr als 130 Städten und Dörfern geschätzt 4000 bis 5000 Menschen. Anhand des „Nürnberger Memorbuchs“ – das ist ein 1296 angelegtes Totengedenkbuch, in dessen „Martyrologium“ die Opfer antijüdischer Gewalt aufgelistet wurden – sind für insgesamt 44 Orte 3441 Opfer sicher belegt. Der Schwerpunkt der Gewalttaten lag im Gebiet des heutigen Franken und der Oberpfalz. Warum kochte der Hass auf die Bevölkerungsminderheit so hoch?
Es waren vor allem sich ausbreitende Erzählungen über angebliche Verbrechen von Juden, die dazu beitrugen, die unter Christen gängige Ablehnung der religiösen Minderheit weiter zu befeuern: So hatte von England aus über Frankreich um 1235 eine Legende Deutschland erreicht, die Juden pauschal unterstellte, Ritualmorde zu begehen. Vor diesem Hintergrund löste 1287 die Ermordung eines Jungen, des „guten Werner“, in Oberwesel, die umgehend Juden angelastet wurde, eine Verfolgungswelle aus. Diese erfasste das gesamte Gebiet von Mittelrhein und unterer Mosel.
Einige Jahre später verbreitete sich von Paris aus die Nachricht, Juden hätten gezielt Hostien geschändet; dieser angebliche Hostienfrevel stieß besonders in Deutschland auf ein breites Echo und mündete in die Gewaltexzesse des Jahres 1298. Die Mär von der Hostienschändung ging etwa so: Ein Jude beschaffe sich mithilfe einer christlichen Frau oder einer Magd eine Hostie. Diese martere er anschließend, indem er sie mit spitzen Gegenständen durchbohre, in kochendes Wasser oder ins Feuer werfe. Im Verständnis der Zeit konnte dieser Frevel nur mit dem Tod (meist auf dem Scheiterhaufen) gesühnt werden – und er traf neben dem vermeintlichen Schänder meist gleich die gesamte Gemeinde.
Die aus Frankreich stammende Erzählung von der Hostienschändung wies zudem eine Wendung auf, in der durch den Frevel auch ein „Blutwunder“ bewirkt worden sei. Das bedeutete, dass die gemarterte Hostie beispielsweise zu bluten begann und das Bild des Gekreuzigten sichtbar werden ließ. In anderen Versionen klagte sie vernehmlich.
Wie sich zeigen sollte, gab es ein weiteres Motiv, welches die Gewalt antrieb: Geld. Im Mittelalter wirkten oft Juden als Geldverleiher, denn solche Geschäfte galten allgemein als verpönt. Für Christen, die hoch verschuldet waren, boten antijüdische Ausschreitungen die Gelegenheit, die lästigen Kreditgeber loszuwerden.
Vielfach steht hinter den Pogromen ein handfestes finanzielles Motiv
Ende des 13. Jahrhunderts war es weit verbreitet, Juden damit zu erpressen, dass man sie des Ritualmords beschuldigen werde, falls sie nicht auf ihre Forderungen verzichteten. Papst Gregor X. sah sich 1272 sogar gezwungen, solche zwischenmenschlich verwerflichen Auswüchse in einem Erlass zu verurteilen. Das Machtwort scheint in der Praxis allerdings keine befriedende Wirkung entfaltet zu haben. Tatsache ist jedenfalls: Im fränkischen Rothenburg ob der Tauber, einem der Schwerpunkte der Pogrome von 1298, waren Christen nachweislich in größerem Umfang bei Juden verschuldet.
Die christlichen Quellen, die zeitnah von der Pogromwelle berichten, spiegeln die Ermordung der Juden großenteils in den zeitgenössischen Begründungszusammenhängen wider – als berechtigte Strafe für den angeblichen Hostienfrevel. Ein Beispiel dafür sind die „Historiae memorabiles“ eines elsässischen Dominikaners. Noch in einer um 1700 aufgezeichneten Legende über die „Hostienfrevel“ heißt es, die Juden seien „in wohlverdienter Straff mit dem Schwert vom Leben zum Tod hingerichtet worden“. Als verlässliche Quellen gelten aus Sicht der Forschung dagegen die jüdischen Memorbücher.
So lässt sich der Ablauf der Pogromserie mithilfe des „Nürnberger Memorbuchs“ relativ gut nachzeichnen. Bei 21 der insgesamt 44 darin erwähnten „Blutstädte“ sind die Gewalttaten datiert. Danach bestand die Serie aus drei Wellen: Sie begann am 20. April 1298 in Röttingen (südlich von Würzburg) und Umgebung; etwa vom 23. bis 30. Juni wurde der Bereich des Mainknies und des Steigerwalds heimgesucht; vom 18. Juli bis zum 1. August wüteten die Judenhasser in den Räumen Jagsttal, Kochertal, mittlerer Neckar und fränkische Alb. Außerdem zählten zu den betroffenen Städten dieser dritten Welle Rothenburg, Würzburg, Nürnberg und Bamberg.
Die Massaker in den Gebieten des oberen Altmühl- und Wörnitztals mit Dinkelsbühl und Nördlingen, im oberen Maintal, in Forchheim, der fränkischen Saale und dem oberen Werratal sind dagegen nicht näher zu datieren. Vereinzelte Aktionen wurden noch bis in den Oktober hinein verzeichnet.
Ein mutmaßlicher Metzger setzt sich an die Spitze des Mobs
Wer waren die Menschen, die gnadenlos jüdische Männer, Frauen und Kinder erschlugen oder verbrannten? In einer von mehreren überlieferten Versionen des sogenannten Hostienfrevels, der als Anlass für die Bluttat von Röttingen diente, tritt erstmals der Mann auf, nach dem die Pogrome benannt sind. Diese Erzählung lässt sich so zusammenfassen: Mehrere Juden hätten gemeinsam eine Hostie gemartert; diese habe gejammert wie ein dreijähriger Knabe. Frauen aus der Nachbarschaft hätten dies gehört und angenommen, die Juden würden ein Kind ermorden. Der Metzger Rintfleisch sei hinzugekommen, man habe das Haus aufgebrochen und die Juden vor den Richter geschleppt. Dieser verurteilte sie zum Tod. Unterdessen hätten die Nachbarn die Häuser der Juden geplündert und zerstört – und in den benachbarten Orten hätten die Bauern ebenso gehandelt und dabei alle Juden getötet.
In den meisten Quellen wird „Rintfleisch“ als carnifex bezeichnet. Dieses Wort kann Fleischer oder Metzger, aber auch Scharfrichter oder Henker bedeuten. Für die erste Deutung spricht der Name Rintfleisch, für die zweite die Tatsache, dass mehrfach Amtsträger, zum Beispiel die Ratsherren von Würzburg oder der Schultheiß von Möckmühl (nahe Heilbronn), Rintfleisch mit der Tötung der Juden beauftragten.
Offenbar war Rintfleisch kein Adliger, obwohl er in den Quellen gelegentlich als „König“ auftritt. Er wurde von den „Judenschlägern“ zum Anführer gewählt. Diese sich zusammenfindenden Heerhaufen rekrutierten sich aus einfachem Volk – vor allem aus Bauern und den städtischen Unterschichten. Und im fränkischen Raum wurden Führer solcher Bewaffneten aus einfachem Volk mehrfach als „Könige“ bezeichnet.
Rintfleisch und seine Anhänger waren durchaus der Ansicht, im Auftrag Gottes zu handeln. Nachdem sie in Röttingen die Juden getötet hatten, nahmen sie ein hölzernes Kreuz aus der Pfarrkirche mit, das fortan als Feldzeichen der marodierenden Truppe vorangetragen wurde.
Nach dem Sieg Albrechts in der Schlacht bei Göllheim legten die „Judenschläger“ eine Pause ein. Dies wird in der Forschung vielfach so interpretiert, dass sie zunächst einmal abwarten wollten, ob der neue Monarch ihnen Einhalt gebieten würde. Albrecht aber zog weiter zur Krönung nach Aachen – und mit ihm der Großteil des fränkischen Adels.
Hohe Opferzahlen: Die Juden geraten in ausweglose Situationen
Am 18. Juli schlugen die Judenverfolger in Rothenburg zu. Dort hatten sie bereits am 25. Juni mit zunächst noch relativ schwachen Kräften das Judenviertel angegriffen – vergeblich. Als der verstärkte Haufen erneut anrückte, flüchteten sich die meisten Juden in die Burg, die am 22. Juli erstürmt wurde: 370 Juden wurden erschlagen.
Die höchste Opferzahl verzeichnete Würzburg: Dort starben am 23. Juli 841 jüdische Einwohner sowie rund 100 Flüchtlinge aus umliegenden Orten. Wie auch andernorts töteten in diesem Fall in auswegloser Situation jüdische Männer ihre Frauen und Kinder – auch stürzten sich ganze Familien aus Verzweiflung in die Flammen ihrer brennenden Häuser.
In Würzburg hatte der Rat im Jahr 1288 mit den Juden vereinbart, sie für die Summe von 1500 Mark Silber zu beschützen – auch gegen Anfeindungen höhergestellter kirchlicher oder weltlicher Persönlichkeiten. Im Vorfeld der Pogrome verschlechterte sich allerdings die Situation für die jüdische Bevölkerung: Denn seit 1296 lag der Rat mit König Adolf und dem Bischof von Würzburg, Manegold von Neuenburg, in einem ständigen Konflikt über die Herrschaft in der Stadt. In dieser Situation gerieten die Juden zwischen die Fronten: Nicht nur half der Rat ihnen nicht, sondern, wie die „Historiae memorabiles“ berichten, die Stadtoberen ließen sogar die ansässigen Juden verhaften und lieferten sie Rintfleisch und seinen Folterknechten aus. Nicht zuletzt sollen sich verschiedene Ratsherren auf diese schändliche Weise ihrer Schulden entledigt haben.
Auch in Rothenburg waren viele Christen bei Juden verschuldet. Das ist dem kaiserlichen Achtbuch zu entnehmen. Darin waren die vom kaiserlichen Amtsgericht ausgesprochenen Ächtungen aufgelistet. Zwischen 1274 und 1298 gab es eine zunehmende Zahl von Achturteilen, die jüdische Gläubiger gegen ihre christlichen Schuldner erwirkten. Es ist davon auszugehen, dass dies zumindest beim davon betroffenen Teil der Einwohnerschaft zunehmenden Hass auf die Juden erzeugte.
728 Jüdinnen und Juden wurden am 1. August 1298 in Nürnberg ermordet, nach Würzburg und vor Rothenburg (412) die Stadt mit den meisten Opfern. Akribisch listet das Nürnberger Memorbuch die Getöteten auf – die namentlich bekannten Opfer und Angehörige: „Der Rabbiner R. Jechiel, Sohn R. Menachems hakohen, seine Frau Hanna und seine drei Kinder. Der gelehrte R. Abraham hakohen aus Frankfurt und sein Schwiegersohn. Der Knabe Samuel, Sohn R. Abrahams hakohen. Der Gemeindevorsteher R. Abraham hakohen, seine Frau Bonlin, seine Tochter Frau Susa und deren zwei Kinder. R. Pessach, Sohn R. Jechiels hakohen, seine Frau Brunlin und ein Knabe …“
In einigen Städten gibt es Unterstützung für die Verfolgten
In Nürnberg halfen christliche Einwohner den Juden, die in der Burg Zuflucht gesucht hatten, bei der Verteidigung. Kurz nach dem Pogrom verhängte der Rat über 19 Bürger die Verbannung, weil sie den Aufruhr gegen die Juden geschürt hätten. Sieben der Verbannten wurden ausdrücklich als Handwerker bezeichnet. In Regensburg und Augsburg verhinderten die Bürgerschaften Gewalt gegen Juden. So verbot in Regensburg der Rat die Tötung und Verfolgung von Juden ohne Gerichtsurteil. Und in Augsburg verpflichtete sich die Bürgerschaft, ihre jüdischen Mitbewohner gegen Unrecht und Gewalt zu verteidigen.
Aus den Angaben des „Nürnberger Memorbuchs“ ist abzulesen, dass der Heerhaufen des „Königs Rintfleisch“ nicht für alle Massaker verantwortlich gewesen sein kann. Das ergibt sich, wenn man die Entfernungen zwischen den einzelnen Orten der Pogrome und die Zeit, die man unter damaligen Umständen für die Überwindung der Distanz benötigte, in ein Verhältnis setzt. Strecken von beispielsweise 65 bis 100 Kilometern waren nicht innerhalb eines Tages zu bewältigen. Das heißt: Während Rintfleischs Haufen irgendwo wütete, fanden zur gleichen Zeit an entfernten Orten weitere Pogrome statt. Ausgeführt wurden sie offenbar von der ortsansässigen Bevölkerung, die aufgrund von Nachrichten über die angeblichen Hostienfrevel selbst zur Tat schritt.
Über das Schicksal des Judenmörders Rintfleisch nach dem Ende der Verfolgungen ist wenig bekannt. Der Verfasser der „Continuatio Vindobonensis“ (in Wien entstanden; Berichtszeit 1267 bis 1327) vermerkte, dass Rintfleisch sowie zahlreiche andere Schuldige von König Albrecht zur Strafe für ihre Taten verbannt wurden. Der Augustiner Leopold Stainreuther notierte rund 100 Jahre später in der „Österreichischen Chronik“, der Herrscher habe den Anstiftern des Judenmords „Leib und Gut“ genommen. Dies gilt allerdings als unsicher.
Für die überlebenden Juden waren die Jahrzehnte danach nur eine Atempause. Die nächste – noch umfassendere – Verfolgungswelle brach mit dem Einzug der Pest über sie herein. Als 1348 der „Schwarze Tod“ in Mitteleuropa Einzug hielt und Hunderttausende dahinraffte, richteten sich Angst und Wut der Menschen erneut gegen die Juden: Man warf ihnen vor, Trinkwasser in den Brunnen vergiftet und so die Pest hervorgerufen zu haben. Bis 1352 ging ein großer Teil der Judengemeinden in einer Welle der Gewalt unter.
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