Dies ist ein guter Ort, um etwas über die Brutalität des Krieges zu lernen, genauer: darüber, was geschieht, wenn die schwächere Seite den Kampf fanatisch fortsetzt, obwohl er längst verloren ist. Exakt das ereignete sich im Frühjahr 1945. Denn obwohl die auf Berlin vordringenden Kräfte der Roten Armee den dezimierten deutschen Truppen in allen Belangen haushoch überlegen waren, ließen sich die verantwortlichen Generäle von Hitler auf einen chancenlosen Verteidigungskampf verpflichten.
Angetrieben von ihrem obersten Kriegsherrn Stalin hatte die Rote Armee für die Eroberung Berlins rund 70 Kilometer von der Hauptstadt entfernt eine gewaltige Streitmacht zusammengezogen. Die Verbände verteilten sich über eine Front von etwa 300 Kilometern Länge, die von der Odermündung bei Stettin bis zur Lausitzer Neiße bei Rothenburg reichte. Oberbefehlshaber dieser etwa 2,5 Millionen Soldaten war Marschall Georgi Schukow. Ihnen entgegen standen rund eine Million deutscher Soldaten, ein großer Teil davon allerdings unerfahrene Rekruten. Die Russen verfügten über die vierfache Anzahl an Geschützen und Panzern sowie mehr als doppelt so viele Flugzeuge.
Die Rote Armee hatte nur ein Problem: Im Zentrum der Front musste sie das Oderbruch – das flache, keine Deckung bietende Flusstal – überqueren, das bis zu 15 Kilometer breit ist. Und eine bis zu 70 Meter hohe Hügelkette zwischen Seelow und Wriezen bot den Verteidigern ein hervorragendes Schussfeld. Im Oderbruch trafen etwa eine Million sowjetische Kämpfer auf rund 190 000 Wehrmachtssoldaten.
Am 16. April begann um 3.30 Uhr der Angriff mit einem massiven Trommelfeuer. Rund 9000 Geschütze hatte Marschall Schukow in diesem Hauptangriffsstreifen platzieren lassen, eines alle drei Meter. In seinem Tagesbefehl stachelte er seine Männer zur Gnadenlosigkeit an: „Sowjetsoldat, räche dich. Verhalte dich so, dass der Einbruch unserer Armeen nicht nur den heutigen Deutschen, sondern auch ihren fernen Enkeln in Erinnerung bleibt … Sowjetsoldat, habe kein Mitleid im Herzen!“
Generaloberst Gotthard Heinrici, Oberbefehlshaber auf deutscher Seite, nutzte eine im Ersten Weltkrieg entwickelte Verteidigungstechnik, das sogenannte Großkampfverfahren, um die Übermacht abzuwehren. Mit Beginn des gegnerischen Artilleriefeuers zogen sich die Verteidiger der ersten Linie auf die weiter hinten liegende Hauptverteidigungslinie zurück, sodass der Beschuss der Angreifer ins Leere ging, diese beim Vorstürmen nach Ende der Kanonade nun aber den deutschen Geschützen ausgesetzt waren.
Erst am 19. April konnten Schukows Truppen die deutsche Front bei Seelow durchbrechen – damit war der Weg für den endgültigen Vorstoß nach Berlin geebnet. Der Blutzoll war allerdings hoch: Auf beiden Seiten starben in diesen vier Tagen insgesamt mehr als 50 000 Soldaten.





