Die Propaganda des Siegers Augustus sorgte dafür, dass Kleopatra der Nachwelt als die berechnende Schöne in Erinnerung blieb, die ihre Reize einsetzte, um mächtige Römer zu umgarnen. Auch in der bildenden Kunst und selbst im Kino fand dieses Bild seinen Nachklang.
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Die große Faszination für Kleopatra VII. und ihre Beziehungen zu Julius Caesar und Marcus Antonius ist seit Jahrhunderten ungebrochen. Die Bandbreite der Zuschreibungen reicht dabei von Femme fatale, kluger Politikerin bis hin zur skrupellosen Killerin. Um zu verstehen, wie das Bild der Ägypterin für die Nachwelt geprägt wurde, ist es wichtig, zwei Dinge zu erwähnen.
Zum einen gibt die historische Überlieferung zu Kleopatra meistens eine römische Perspektive wieder. Die ägyptische Sicht fehlt dagegen weitgehend, denn zeitgenössische ägyptische Quellen zu Kleopatra sind kaum erhalten. Insofern müssen wir uns das Bild, das man in Ägypten von ihr hatte, indirekt erschließen.
Zum anderen ist es wichtig, zwischen der Interpretation einer Überlieferung und der Überlieferung selbst zu unterscheiden. Einige antike Autoren beziehen ihre Informationen nicht aus eigener Anschauung, sondern von anderen Autoren. Das heißt, sie erhalten die Information quasi aus zweiter Hand, womit sie oft auch eine vorgefertigte Sicht auf die Ereignisse übernehmen.
Kleopatra als Akteurin im komplexen Machtgefüge des Nahen Ostens
Eine etwas andere, und zwar die jüdische, Perspektive der Ereignisse überliefert uns Flavius Josephus, ein jüdisch-römischer Historiker, der rund 100 Jahre nach Kleopatras Tod lebte. Er beschreibt die Komplexität der politischen und persönlichen Situation zwischen König Herodes, Kleopatra und Marcus Antonius – und erweitert die Agenda der ägyptischen Königin um einen regionalpolitischen Machtkampf im Nahen Osten.
Laut Josephus nahm Herodes aufgrund der ständig wechselnden Machtverhältnisse im Römischen Reich zwischen 44 und 30 v. Chr. eine abwartende Haltung ein. Seine Herrschaft war zu dieser Zeit alles andere als gefestigt, vielmehr war er als Klientelkönig und Verbündeter des Marcus Antonius von diesem abhängig. Dass sich die politischen Ambitionen von Marcus Antonius und Kleopatra (mit der Herodes über Kreuz lag) nicht deckten, machte die Lage für ihn noch komplizierter.
Kleopatras überstürzter Aufbruch bei Actium könnte dem Plan der Königin geschuldet gewesen sein, im Alleingang den von ihr verhassten Herodes aus Judäa zu vertreiben. Laut Josephus hatte sie ihn zuvor bereits in einen Krieg mit dem Nabatäerkönig Malichus I. (reg. um 59–nach 30 v. Chr.) gedrängt, wohl um ihn auszuschalten und selbst in Judäa zu herrschen. Doch Herodes gewann diesen Konflikt. Und auch nach Actium wurde aus Kleopatras Plänen nichts, da Marcus Antonius letztlich gemeinsam mit ihr die Seeschlacht verließ – und diese verloren ging.
Ein Happy End gab es für ihren Rivalen Herodes: Er konnte seinen Thron letztlich sichern, denn er schlug sich nach Actium auf die Seite des Siegers, und Oktavian belohnte dies, indem er ihn auf der Insel Rhodos als König von Judäa bestätigte.
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Cicero wiederum ist ein Beispiel für die zeitgenössische römische Einordnung Kleopatras. Auf seine Abneigung gegen die „Königin“, die er nie beim Namen nennt, wurde in einem vorangegangenen Artikeln bereits eingegangen. Cicero wollte über Kleopatra eine Beziehung zu Caesar aufbauen, um den damals mächtigsten Mann Roms in sein politisches Netzwerk einbauen zu können. Dazu bat Cicero Kleopatra um einige Werke aus der Bibliothek von Alexandria, doch zu seiner großen Enttäuschung ignorierte sie diesen Wunsch.
Nach der Ermordung Caesars war Kleopatra für Cicero wertlos geworden. Er kommentierte ihre Abreise sinngemäß übersetzt: Es sei ihm ganz recht, dass sich die Königin davongemacht habe. Aus Ciceros Äußerungen sprechen auch kulturelle Vorurteile gegenüber einer selbstbewussten und hochgebildeten Königin, die sich in vielen Dingen sicher anders verhielt, als Cicero dies von den Frauen seiner Umgebung gewohnt war.
Die dritte Überlieferungsschiene geht auf Oktavian bzw. Kaiser Augustus zurück. Auch hier erhalten wir die Informationen nicht aus zeitgenössischen Quellen, sondern aus späteren Überlieferungen, wie etwa von Sueton, Cassius Dio, Plutarch oder Lukan.
Sie stützen ihre Schriften letztlich auf das Propagandakonzept, das Oktavian nach dem endgültigen Bruch mit Marcus Antonius entwickelte, um die römische Öffentlichkeit auf den Krieg gegen Kleopatra – und ihren Geliebten – vorzubereiten. Diese mediale Hetzkampagne, wie man heute sagen würde, war vermutlich auch im Senat abgesegnet worden.
Als Beispiel, wie diese Propaganda wirkte, kann Horaz (65–8 v. Chr.), ein Zeitgenosse Oktavians, dienen. Er besingt Kleopatra in seinen „Carmina“ („Oden“) als „fatale monstrum“ („todbringendes Monster“), das Antonius verhext habe und nach der Macht in Rom strebe.
Bereits die erste Begegnung mit Caesar nutzen die Chronisten zur Diskreditierung der Königin
Auch in den Berichten der nachfolgenden römischen und griechischen Chronisten findet man diese verzerrte Perspektive wieder. Schauen wir uns etwa die Episode mit dem heimlichen Besuch der Königin bei Caesar in den Schriften dreier Autoren an, die mindestens eine Generation nach den Ereignissen lebten.
Plutarch berichtet, wie Kleopatra nachts den königlichen Palast aufsuchte, obwohl sie für den nächsten Tag gemeinsam mit ihrem Bruder ohnehin bei Caesar einbestellt worden war: „Da es keine Möglichkeit gab, unentdeckt hineinzukommen, legte sie sich der Länge nach in einen Bettsack, Apollodoros schnürte ihn mit Riemen zusammen und trug das Bündel durch die Tore zu Caesar hinein. Schon dieser listige Einfall, der Kleopatras entschlossenes Wesen verriet, gewann Caesars Herz, und vollends erlag er ihrer Anmut und dem Reiz ihres Umgangs.“
Bei Lukan klingt die gleiche Episode so: „[Sie] betrat die Emathischen Häuser [= den Palast], ohne dass Caesar davon wusste – sie, die Schande Ägyptens, die grässliche Erynie Italiens, nicht unschuldig am römischen Übel.“
Cassius Dio schreibt: „Daher fand sie es wünschenswert, Caesar zu begegnen, und setzte alle Thronansprüche auf ihre Schönheit.“
In allen drei Versionen wird Kleopatra jeglicher strategischer oder politischer Sachverstand abgesprochen, und auch Caesars Interesse an ihr wird auf rein körperliche und sexuelle Aspekte reduziert. Die Liebesbeziehung, die ja tatsächlich zwischen den beiden bestand, unterstützt natürlich diese Interpretation.
Aus ägyptischer Perspektive hatte Kleopatra jedoch durchaus berechtigte und zugkräftige politische Argumente für ihren Machtanspruch – ihre Herkunft aus einer alten Königsdynastie, ihre Legitimation als Herrscherin, für die ihr Geschlecht nach ägyptischer Königsideologie keine Rolle spielte, das Testament ihres Vaters, in dem sie einen Teil der Herrschaft zugesprochen bekommen und auch bereits angetreten hatte. Um diese Ansprüche durchzusetzen, begab sich sie unter Caesars Schutz und bot ihm nichts weniger als die Herrschaft über Ägypten inklusive des Zugriffs auf die ägyptischen Ressourcen an.
Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Kaisarion band Kleopatra diesen entsprechend der ptolemäischen Herrschaftstradition konsequent in ein gezieltes Bild- und Textprogramm in Tempeln wie etwa Dendera ein. Neben Kleopatra als Isis wurde ihr Sohn Kaisarion hier in Gestalt des Göttersohnes Horus als ihr legitimer Nachfolger auf dem ägyptischen Thron aufgebaut.
Da wir außer solchen Darstellungen kaum ägyptische Texte zu Kleopatra haben, sind es vor allem die römischen Schriftzeugnisse, die am gesprächigsten sind und daher auch am meisten für ein einseitiges Bild der ägyptischen Herrscherin sorgen.
Dieser Umstand erschwert es bis heute, der Person Kleopatra gerecht zu werden. Man sollte sie als eine relevante politische Akteurin im komplexen Machtspiel am Ende der römischen Republik sehen und ihre Handlungen entsprechend eigenständig interpretieren.
Generationen von Künstlern arbeiten sich am Mythos ab
Kleopatra hat wie kaum eine andere historische Frauenfigur die Künstler nachfolgender Jahrhunderte inspiriert. Es gibt zahlreiche Romane, Opern und Theaterstücke, die meist auf die historischen Texte zurückgriffen, was wiederum dafür sorgte, dass sich Kleopatras Image als Ehebrecherin, Giftmischerin und Mörderin verfestigte.
So beschreibt Giovanni Boccaccio (1313–1375) sie in seinem Werk „Von berühmten Frauen“ als schön, aber von schlechtem Charakter. Sie sei eine „von Natur aus böse Frau“ gewesen. Boccaccio dehnt den vermeintlich von Kleopatra praktizierten Handel Sex gegen Macht sogar auf Herodes aus, den König von Judäa.
Im deutschen Sprachraum dramatisierte Hans Sachs (1494–1576) als Erster das Leben der berühmten Ägypterin: Auch in „Die Königin Cleopatra aus Egipten mit Antonio, dem Römer“ (1560) kommt die Hauptfigur nicht gut weg. Ein Herold beschreibt sie: „Die königin abr durch hinderlist / Zu Antonio kommen ist, / Mit solchem Pracht gezieret frey, / Und reitzet in zu Bulerey, / Und fing in auch mit strenger lieb, / Dass er mit ihr zug, bey ir blib, / Verließ sein gmahl Octavia / Und henckt sich an Cleopatra.“
William Shakespeares (1564–1616) Drama „Antony and Cleopatra“, das 1608 uraufgeführt wurde, erwies sich als einer der nachhaltigsten neuzeitlichen Einflüsse auf die Erinnerung an Kleopatra. Wie Hans Sachs orientierte sich auch Shakespeare an Plutarch. Doch dadurch, dass Shakespeare die Königin als eine von Liebe getriebene Person darstellte, polierte er ihr Image etwas auf. In einer Szene nach ihrem Selbstmord lässt er Oktavian sagen: „Kein Grab der Erde schließt je wieder ein / Solch hohes Paar“.
Die jeweilige Rezeption war immer auch von den zeitgenössischen Ereignissen geprägt. So sah August von Kotzebue (1761–1819) in seinem Trauerspiel „Octavia“, in dem die gleichnamige römische Gattin des Marcus Antonius im Mittelpunkt steht, angesichts der Französischen Revolution Kleopatra als eine Vertreterin des Ancien Régime. Octavia wird dagegen zu einer idealen Bürgerin sowie einer tugendhaften Ehefrau und Mutter stilisiert, die stets zu ihrem Mann steht, selbst wenn dieser sich in eine ausweglose Situation gebracht hat.
Die bildenden Künstler stellten die Königin seit der Renaissance oft als Akt dar. Als Vorlage diente ihnen die römische Kopie einer Statue des Hellenismus: eine liegende Frau mit entblößter Brust, an deren Arm sich eine Schlange windet. Man hielt dies für eine antike Darstellung von Kleopatras Selbstmord. Die Künstler nachfolgender Jahrhunderte nutzten den Deckmantel der vermeintlichen Authentizität auch, um mit ihren erotischen Entwürfen die Grenzen der jeweils zeitgenössischen Moralvorstellungen auszutesten.
Allerdings stellte sich heraus, dass die weibliche Statue, die Teil der Sammlung der Vatikanischen Museen ist, lediglich einen schlangenförmigen Reif am Oberarm trägt – und auch nicht Kleopatra zeigt. Heute ist das Kunstwerk unter dem Namen „Schlafende Ariadne“ bekannt.
Im Klassizismus wird die Antike authentischer rekonstruiert
Die Gemälde orientierten sich vielfach auch an den aktuellen literarischen Interpretationen. So lässt sich etwa im Klassizismus durch das wachsende Interesse an antiken Kulturen ein Wandel beobachten, der für ein korrekteres Bild sorgte. Die Werke versuchten nicht nur den historischen Persönlichkeiten gerecht zu werden, sondern ein authentisches Ambiente abzubilden.
Ein Beispiel dafür sind die Werke von Anton Raphael Mengs (1728– 1779) zu diesem Sujet. Er war ein Freund des berühmten Archäologen Johann Joachim Winckelmann (1717– 1768) und vermutlich deshalb an einer realistischeren Darstellung der Antike interessiert.
Kleopatra stand seit dem 20. Jahrhundert natürlich auch im Fokus von zahlreichen Filmen. Gerade im Film wäre es möglich, ein vielschichtiges Bild der Kleopatra zu zeichnen. Dies ist jedoch nur bedingt gelungen. In den meisten der über 100 Verfilmungen bleibt die Figur der Kleopatra eindimensional und flach. Häufig wird nur der Name der Königin als Zugpferd benutzt, ohne dass der Film mit der eigentlichen Geschichte viel zu tun hätte.
Das berühmteste Werk ist immer noch die ambitionierte Verfilmung „Cleopatra“ von Joseph L. Mankiewicz von 1963. Der Regisseur plante zwei jeweils dreistündige Filme und las zur Vorbereitung nächtelang Plutarch und Cassius Dio, um ein historisch korrektes Drehbuch schreiben zu können.
Der Film wurde jedoch um ein Vielfaches teurer als geplant. Um den Ruin der Produktionsfirma 20th Century Fox zu verhindern, musste Mankiewicz sein Filmmaterial von sechs auf drei Stunden reduzieren. Dadurch setzt der Film nun eine Menge Hintergrundwissen voraus. Zudem weist die Handlung große Lücken auf und ist auch nicht mehr schlüssig. Dennoch bleibt der Film mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle aufgrund seiner geistreichen und ironischen Dialoge am dichtesten am historischen Material.
Im Comic wird die Tragödie mit Humor gewürzt
Was vielen Menschen als Erstes beim Namen Kleopatra einfällt, ist der Comic „Asterix und Kleopatra“ von Albert Uderzo und Rene Goscinny, der im französischen Original 1963 erschien. Er zeichnet ein facettenreiches Bild der ägyptischen Königin und verbindet gründlich recherchierte historische Elemente mit humorvollen Übertreibungen und fantastischen Passagen. Vor allem ihre Nase spielt dabei eine zentrale Rolle – als Running Gag zieht sich die Hervorhebung dieses Körperteils durch die gesamte Geschichte.
Doch wurde sie zeitgenössisch tatsächlich als schön wahrgenommen? Betrachtet man Kleopatras überlieferte Bildnisse auf Münzen, zeigt ihr markantes Profil jedenfalls tatsächlich eine stattliche Nase.
Für Plutarch steht fest, dass sie keineswegs so attraktiv war, wie es oft kolportiert wurde: „Denn ihre Schönheit, wie man sagt, war für sich genommen insgesamt nicht so unvergleichlich und von der Art, dass sie beim Anblick erstaunte, aber im Umgang hatte sie einen unwiderstehlichen Reiz, und ihre Gestalt zusammen mit der gewinnenden Art ihrer Unterhaltung war sehr überzeugend.“
Als Fazit kann man sagen: Das Handeln und die Eigenschaften der ägyptischen Königin wurden vor allem durch die Brille ihrer Feinde interpretiert. So wurde aus Reichtum Dekadenz, aus Göttlichkeit Hybris und aus ihrem politischen Ehrgeiz Despotie. Vor allem aber wurde sie zum Sinnbild für Unmoral und Verführung.
Kleopatras eigene Inszenierung als Göttin, Pharaonin und Hohepriesterin in ägyptischen Tempeln, ihre hervorragende Bildung, ihre legitimen politischen Ambitionen und ihr kultureller Hintergrund erschließen sich zwar nur mittelbar, sollten aber immer mitberücksichtigt werden.
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