Die Felsenstadt der Weihrauchhändler - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Die Felsenstadt der Weihrauchhändler
Die Stämme der Nabatäer wählten im 2. Jahrhundert v. Chr. einen ungewöhnlichen Ort als Hauptsitz. Petra war von Felswänden eingeschlossen, ohne eigenes Trinkwasser, aber bei Regen von Sturzfluten bedroht. Doch die Mühen lohnten sich, und die Nabatäer schufen eine blühende Stadt.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
Ägyptische Texte aus der Bronzezeit sprechen von einem Volk halbnomadischer Stämme im Süden des heutigen Jordanien, das in Zelten lebte und Schafe züchtete. Die Ägypter nannten diese Stämme Shasu. Und obwohl die Archäologie bislang keine Hinweise auf eine Besiedlung dieser Region in der Bronzezeit liefert, kann man vermuten, dass das Leben der Stämme über Jahrhunderte weitgehend konstant bleiben konnte – denn auch über ein Jahrtausend später, zu Zeiten Alexanders des Großen (356 –323 v. Chr.), führten die dortigen Stämme ein halbnomadisches Leben.
Ein Siedlungsplatz, der in der Eisenzeit nachweisbar ist, wurde später im Griechischen „Petra“ (deutsch: Felsen) genannt. Auf dem zentralen, namensgebenden Felsen errichtete eine Großfamilie Häuser, betrieb Viehzucht, baute Gemüse und Oliven an und handelte möglicherweise mit handwerklichen Erzeugnissen. Ohne direkten Zugang zu Frischwasser waren diese frühen Bewohner Petras auf Regenwasser angewiesen, das sie in Zisternen sammelten. Höhensiedlungen dieser Art waren in der Region keine Seltenheit.
Wohlstand der Fernhändler weckt das Interesse der Makedonen
In der Bibel heißt das Land Edom, und die Edomiten, so ist dort zu lesen, lebten in erhabener Höhe in Felsklüften – ein Grund für ihren Hochmut (Obadja 3). Die Höhen mochten Schutz bieten, sie machten die Bewohner jedoch auch vom Tauschhandel abhängig, da sie keine großen Felder bebauen konnten. Einige von ihnen mochten sich wohl auch als Räuber betätigt haben.
Die erste Erwähnung der Ansiedlung könnte aus dem späten 4. Jahrhundert v. Chr. stammen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor beschreibt im 1. Jahrhundert v. Chr. in seiner Historischen Bibliothek den Überfall makedonischer Truppen auf die Stämme der Nabatäer, die hier erstmals in einer schriftlichen Quelle namentlich genannt werden. Der Angriff erfolgte im Zusammenhang mit den sogenannten Diadochenkriegen, in denen die Generäle des verstorbenen Alexander des Großen dessen riesiges Reich in einer langen Folge von Kriegen untereinander aufteilten. Im Frühling des Jahres 311 gelang es Antigonos Monophthalmos (um 382 –301 v. Chr.) schließlich, seinen Widersacher Ptolemaios I. Soter (367/66 – 283/82) aus Phönizien zu vertreiben; dann vereinigte der makedonische Feldherr seine Truppen mit denen seines Sohnes Demetrios Poliorketes (um 336 – 283 v. Chr.), um in Ägypten einzufallen. Vor dem Beginn der großen Invasion unterstellte er einem Gefolgsmann 4000 Fußsoldaten und 600 Reiter, um gegen die Nabatäer zu ziehen – entweder mit dem Ziel, sich zu bereichern oder um einer militärischen Einmischung der Nabatäer auf Seiten des Ptolemaios vorzubeugen. Diodor schreibt, der Zeitpunkt sei günstig gewesen, da die nabatäischen Krieger ihre Siedlungsplätze verlassen hätten, um eine Versammlung abzuhalten.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Nach drei Tagesmärschen hatten die makedonischen Truppen „den Felsen“ (Petra) erreicht. Obwohl das Plateau gut zu verteidigen war, nahmen es die Angreifer im Handstreich, da wenige oder keine Krieger zugegen waren und niemand mit der Attacke gerechnet hatte. Die Makedonen plünderten die Siedlung und erbeuteten große Mengen an Weihrauch und Myrrhe sowie 500 Talente Silber – ein großer Schatz, der zeigt, welche Reichtümer die Nabatäer dank des lukrativen Fernhandels angesammelt hatten. Nachdem die Angreifer abgezogen waren, erhielten die nabatäischen Krieger die Nachricht von der Attacke und machten sich umgehend an die Verfolgung. In der Nacht erreichten sie die Invasoren, die nicht mit einem Angriff rechneten und, Diodor zufolge, fast alle niedergemacht wurden. Die Nabatäer eroberten ihre Schätze zurück und waren von nun an wachsam. Einen zweiten Angriff, diesmal angeführt von Demetrios, konnten sie leicht abwehren, da sie ein System aus Wachposten etabliert hatten und den „Felsen“ gekonnt verteidigten.
Ob dieser „Felsen“ tatsächlich jener Felsen ist, der als „Petra“ Jahrhunderte später im ganzen Mittelmeerraum bekannt werden sollte, ist allerdings nicht sicher. Die Dauer des makedonischen Marsches weckt Zweifel daran. Dennoch beschreibt der Text Diodors das Leben der Nabatäer wohl weitgehend akkurat, auch wenn er von Übertreibungen lebt. Die Nabatäer waren, wie die Edomiter vor
ihnen, eine Gemeinschaft halbnomadischer Stämme, und sie schufen wichtige, wenn auch kleine Herrschafts- und Handelszentren auf hohen Felsplateaus und häuften ein wachsendes Vermögen an. Petra wurde zu ihrem Hauptstammessitz, zum Zentrum eines sich ausdehnenden, blühenden Reichs, an dessen Spitze spätestens seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. ein König stand.
Eine ausgeklügelte Wasserversorgung und rege Bautätigkeit lassen Petra aufblühen
Petra war eigentlich nur bedingt für den Bau einer größeren Siedlung geeignet. Das Tal am Fuß des großen Felsens war von steilen Felsen umschlossen, Sturzfluten konnten bei Regenfall jederzeit eine Katastrophe auslösen. Um das Tal nutzen zu können, waren deshalb umfangreiche Bauprojekte nötig: Zunächst mussten Schluchten von Schutt und Geröll befreit werden. In steinernen Rinnen und Röhren sollte das Wasser aus entfernten Bergquellen herbeiströmen. Kanäle und Staudämme hatten den Lauf des Wassers zu kontrollieren, auch nach sturzflutartigen Regenfällen; Zisternen erlaubten die Bebauung und Bewirtschaftung höher gelegener Terrassen. Schließlich sollten Wachtürme hoch über der Stadt Überraschungsangriffe wie den der Makedonen zwei Jahrhunderte zuvor verhindern. Besonders seit dem ausgehenden 2. Jahrhundert v. Chr. gingen beachtliche bauliche Veränderungen in Petra vor sich: Auf den unteren Felsterrassen entstanden öffentliche Gebäude und Monumente. Darüber wurden Villen nach griechisch-römischem Vorbild gebaut. Der jüdische Historiker Flavius Josephus (37/38 – um 100) schreibt von einem Palastviertel, das archäologischen Funden zufolge vermutlich im Nordwesten der Stadt lag. Etwas höher gelegen als der Rest der Stadt hatte man dort eine großartige Sicht über ganz Petra. Hochherrschaftliche Häuser wechselten sich hier mit Gärten und Wasserbecken ab.
Die sogenannten Königsgräber, die in die hohen Felswände geschlagen wurden, waren, wie man heute weiß, Teil großer Anlagen mit Banketträumen, die für die Stämme eine hohe Bedeutung gehabt haben dürften. Dazu entstanden Tempel, in denen die Nabatäer in erster Linie dem Gott Duschara huldigten, der als Herr über das hiesige Gebirge zum Schutzgott Petras und der Königsdynastie aufstieg. Neben weiteren nabatäischen Gottheiten wurde in Petra aber auch die ägyptische Isis verehrt – sowohl von der einfachen Bevölkerung als auch von den Mitgliedern des Königshauses.
Der Reichtum der Nabatäer gründet auf Handel mit Aromata
Die beste Aussicht über die Stadt hatte man vom Plateau des „Felsens“ aus. Dort gab es nicht nur eine große Anzahl von Zisternen, wie der spätere Name Umm al-Biyara (Mutter der Zisternen) verrät, sondern auch Palastgebäude – eine prachtvolle Residenz, in der man die Königsfamilie vermuten kann. Die Gebäude waren von der Stadt aus gut zu sehen. So dienten sie vielleicht als tägliche Erinnerung, wer in Petra herrschte. Der Felsen war auch der einzige Ort, von dem aus man alle Wachtürme sehen konnte. Näherte sich eine Gefahr, so wusste man auf dem Felsen umgehend davon.
Der Reichtum, der Invasoren wie einst Antigonos anlocken mochte und der die Errichtung einer prunkvollen Stadt im Kampf gegen Wasser und Gestein ermöglichte, speiste sich aus der sogenannten Weihrauchstraße. Der Handel mit Aromata machte Könige, Händler und Stammesobere sehr wohlhabend – und das schon seit langer Zeit. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. fand der Transport von Duftharzen in akkadischen Texten Erwähnung. Der Handel auf den transarabischen Routen ist dann seit dem Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. nachweisbar. Über die Jahrhunderte gewann er stetig an Bedeutung.
Der griechische Historiker Herodot (490/80 – 430/20 v. Chr.) schreibt: „Im Süden ist das äußerste Land der Erde Arabien. Und in keinem anderen Lande als in Arabien wachsen Weihrauch und Myrrhen, Kasia, Kinamomon und Ledanon. Alle diese Dinge mit Ausnahme der Myrrhen werden von den Arabern nicht ohne Mühe gewonnen. Um den Weihrauch zu gewinnen, verbrennen sie Storax, der von den Phoinikern nach Hellas eingeführt wird. Die Weihrauchbäume nämlich werden von geflügelten Schlangen bewacht, die klein und buntfarbig sind und sich in Mengen in der Nähe jedes einzelnen Baumes aufhalten. […] Nichts anderes vertreibt sie von den Bäumen als der Rauch des Storax.“
Das sagenhafte Reich der „Herren der Weihrauchstraße“ fällt an Rom
So durchmischt mit Sagen und Legenden die Geschichten jener Tage auch waren, sie gaben doch zutreffend wieder, dass die arabischen Stämme gewissermaßen ein Monopol auf gewisse Luxusprodukte hatten, deren Herstellung irgendwo am Rand der bekannten Welt stattfand. Der Transport der teuren Aromata oblag den nomadischen Stämmen. Auf beschwerlichen Pfaden, gesäumt von Handelsstationen, deren Bewohner und Betreiber von dem Handelsweg lebten, wurden Weihrauch und Myrrhe auf dem Rücken von Dromedaren nach Norden transportiert. Dabei wurden sie von Zwischenhändler zu Zwischenhändler immer teurer. Das Reich der Nabatäer bildete den nördlichsten Punkt der Weihrauchstraße – und für Griechen und Römer waren sie die Weihrauchhändler schlechthin.
Gerade Rom sollte auf dem Höhepunkt seiner Macht phantastische Summen für Aromata ausgeben. Das wiederum ließ schließlich den Plan reifen, Teile der profitablen Weihrauchstraße unter römische Kontrolle zu bringen. Augustus, Roms erster Kaiser, schickte zu diesem Zweck eine Armee aus. Die Legionäre sollten nicht etwa die Nabatäer unterwerfen – tatsächlich stellten die Nabatäer sogar Hilfstruppen zur Verfügung –, sondern die Herrscher Südarabiens, zu denen auch die Sabäer zählten. Der Feldzug entpuppte sich jedoch als Fehlschlag. Doch die Römer gaben sich nicht geschlagen: Sie nutzten nunmehr Ägypten, das zur römischen Provinz geworden war, um alternative Handelsrouten aufzubauen. Weihrauch wurde nun per Schiff transportiert.
Ähnliche Versuche seitens der Ptolemäer waren von den Nabatäern mit Piraterie bekämpft worden, aber der Dominanz Roms hatten sie nichts entgegenzusetzen. Trotzdem litt der Reichtum Petras offenkundig nicht darunter. Das lag vor allem daran, dass die Nachfrage in dieser Zeit massiv anstieg. Das Ende der römischen Republik brachte eine lange Epoche des Friedens mit sich, der Fernhändlern wachsende Profite bescherte. So stark stieg die Nachfrage, dass die Flotten, die durch den Persischen Golf fuhren, den Bedarf an Aromata nicht decken konnten. Die Karawanen der Nomaden büßten ihre Bedeutung somit nicht ein. Und die Nabatäer blieben wohlhabend.
In Petra setzte eine Phase besonders beeindruckender Bauaktivität ein – scheinbar auch in Konkurrenz zu den gewaltigen Bauprojekten des Herodes im benachbarten Königreich Judäa. Petra war zu einem Knotenpunkt der griechisch-römisch geprägten Welt geworden, orientierte sich stilistisch an Antiochia, Alexandria und Rom und entwickelte sich mehr und mehr zu einem herausragenden Beispiel des zeitgenössischen Bauideals, das die Unterordnung, die Bezwingung der Natur forderte. Wer Petra besuchte, sollte in Erstaunen darüber geraten, wie die Architekten und Ingenieure das Gebirge beschnitten und die Gewässer gebändigt hatten.
Das Reich der Nabatäer geriet schon zu Zeiten der späten römischen Republik in zunehmende politische Abhängigkeit von Rom und wurde im Lauf des folgenden Jahrhunderts immer fester an das Imperium gebunden – bis es im Jahr 106 unter ungeklärten Umständen annektiert wurde. Es lässt sich vermuten, dass politische Instabilität in Petra diesem Wechsel vorausging. Vielleicht kam es zu Gewalt. Merkwürdig ist, dass die Römer die Übernahme erst Jahre später offiziell machten. Die nabatäische Königsfamilie verschwand vollständig von der politischen Bühne. Und auch die Aristokratie büßte beträchtlich an Einfluss ein; offenbar blieb ihren Mitgliedern die Möglichkeit einer senatorischen Karriere verwehrt.
Für Petra bedeutete die Herrschaftsübernahme Roms jedoch nicht den Niedergang. Die Blütezeit setzte sich vielmehr ungebrochen fort, besonders unter Kaiser Trajan. Die zentrale Kolonnadenstraße Petras wurde in diesen Jahren mehr denn je zum Dreh- und Angelpunkt der Stadt, gesäumt von Säulenreihen und einer Vielzahl von Geschäften. Die mit Kalkstein gepflasterte Straße zeigt keine Reifenspuren, was darauf schließen lässt, dass das Stadtzentrum, ganz wie in Rom, den Fußgängern vorbehalten war. Der Bau neuer Monumentalbauten unterstrich die Romanisierung der Stadt: Das öffentliche Leben stand, dem römischen Ideal entsprechend, im Mittelpunkt des neuen Petra.
Ein Niedergang in Raten: Petra endet als Strafkolonie
Der Wohlstand hielt lange vor – aber er hielt nicht ewig. Ein Jahrhundert später geht die Nennung von Petra in den Quellen deutlich zurück. Man kann annehmen, dass römisch-persische Kriege, Usurpationen und die Besetzung der Region durch die palmyrenische Königin Zenobia nicht spurlos an der Stadt vorbeigingen. Roms politische Krisen schadeten dem Fernhandel und brachten ihn zeitweise zum Erliegen. Die Nachfrage nach Aromata ging zurück. Und in Petra konnte man erste Zeichen des einsetzenden Verfalls sehen: Der „Große Tempel“ wurde in Teilen aufgegeben oder sogar als Lager für Schutt missbraucht. Es kam zu Plünderungen. Ein prunkvolles Bassin in einem einst prächtigen Park wurde als Wasserreservoir genutzt. Verlassene Wohnquartiere verfielen.
Ein großes Erdbeben im Jahr 363 versetzte der Stadt schließlich einen schweren Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte. Viele der zerstörten Gebäude wurden nie wieder aufgebaut, Flutschutzmaßnahmen von nun an vernachlässigt, Teile der Stadt letztlich ganz aufgegeben.
Zwischen den Trümmern formierte sich indes eine neue soziale Ordnung. Der Primat der Öffentlichkeit trat in den Hintergrund, Klan- und Familienstrukturen traten stärker hervor. Der Schutt auf der Kolonnadenstraße, dem einstigen Herzen der Stadt, wurde nie gänzlich entfernt; dazwischen öffnete eine Vielzahl kleiner Läden. Außerdem wuchsen prunkvolle Kirchen in die Höhe, deren Erbauer die Ruinen als Steinbrüche nutzten. Die Christianisierung verhalf Petra zu einer Wiedergeburt – seit Mitte des 5. Jahrhunderts gab es hier auch einen Bischof –, aber sie sollte zu keiner neuen Größe führen. In byzantinischer Zeit hatte Petra einen schlechten Ruf. Dorthin verbannte man unbequeme Kleriker und Verbrecher. Persische und islamische Invasionen bereiteten Petra schließlich ein Ende. Die Natur holte sich das Tal zurück, und es sollte über ein Jahrtausend dauern, bis man die Überreste der Stadt wiederentdeckte.
11. Juni 2026
Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Aber warum eigentlich gerade dort? Bis dahin hatten die großen europäischen…
Geschichte & Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Geschichte & Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…