Im kolonialen Brasilien waren es zwei katholische Orden, die der Geschichte und Kultur des Landes ihren Stempel besonders aufprägten: die Franziskaner und die Jesuiten. Ab 1500 widmeten sich die Franziskaner vor allem der Seelsorge der weißen Siedler, deren Lebenswandel wenig den christlichen Grundwerten entsprach. Erst danach begann man trotz des Widerstandes der Siedler mit der Katechese und Missionierung der Indigenen. 1584 wurde das Provinzialkapitel der Provinz Santo Antônio do Brasil gegründet. Damit begann der organisierte Aufbau franziskanischer Ordenskulturen in Brasilien. Es wurden erste Schulen für die Indigenen gebaut. So wollte man die Stämme befrieden und „zivilisieren“.
Daraus resultierten friedliche Beziehungen der indigenen Bevölkerung mit den Siedlern – die Voraussetzung für die weitere Kolonisierung und Erschließung des Landes. 1585 wurde schließlich das erste Kloster in Olinda (Bundesstaat Pernambuco) gegründet, einer der ältesten Städte Brasiliens, die bis heute europäisch und vom Barock geprägt ist. Es entstanden ab 1600 weitere Konvente, so dass im Laufe der Kolonialzeit mehr als 20 Klöster (unter anderem in Rio de Janeiro, Recife und Salvador) im Nordosten Brasiliens entstanden, von denen heute noch 14 erhalten sind.
Die Jesuiten wurden erst knapp 50 Jahre später aktiv – doch ihr Einfluss blieb im Gedächtnis der Nachwelt viel stärker verankert. Die Ordensbrüder pflegten ein wohldurchdachtes Berichts- und Kommunikationssystem und hinterließen damit viele schriftliche Quellen über ihr Wirken. Die Franziskaner agierten in dieser Hinsicht deutlich im Schatten der Jesuiten: Sie waren kaum daran interessiert, ihre Taten zu dokumentieren. „Trotzdem trug die franziskanische Glaubenspraxis viel dazu bei, in der brasilianischen Bevölkerung eine bestimmte religiöse Art auszubilden: mystisch und wenig dogmatisch, fröhlich und voller Verzauberung“, erklärt Dr. Peter Mainka, Historiker von der Universität Würzburg.
Wegen der schlechten Quellenlage hat die historische Forschung das Wirken der Franziskaner im kolonialen Brasilien bislang vergleichsweise wenig behandelt. Die wenigen Textzeugnisse stammen zudem aus den Federn der Jesuiten. „Diese Quellen zeichnen ein ungenaues, einseitiges und verzerrtes Bild“, ist sich Peter Mainka sicher, schließlich waren die beiden Orden regelrechte Gegner: Sie konkurrierten um die Gunst der weltlichen und geistlichen Obrigkeiten und wetteiferten bei der Missionierung der indigenen Bevölkerung Brasiliens.
Darum stehen nun die kritische Hinterfragung der Quellen und die Berichtigung des Zerrbildes der Franziskaner im Mittelpunkt des deutsch-brasilianischen Forschungsprojekts am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Würzburg. Beteiligt sind Professorin Anuschka Tischer und Dr. Peter Mainka; ihr Kooperationspartner in Brasilien ist Professor Cézar de Alencar Arnaut von der Universidade Estadual de Maringá.





