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Die „fröhliche Apokalypse“
Während die autokratisch-katholische Habsburgermonarchie in ihren alten Strukturen verharrte, blühte die kaiserliche Residenzstadt Wien um 1900 zu einer modernen, europäischen Metropole auf. Sie war Geburtsstätte vieler politischer Strömungen und bekam jenes Gesicht, das heute alle Welt kennt.
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Die Frage, warum die österreichische Monarchie und ihre Reichshauptstadt derart krasse politische Gegenpole bildeten, beschäftigt Historiker noch heute. Eine etwas launige, gleichwohl pointierte Antwort darauf kann man in Robert Musils (1880 –1942) Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ nachlesen: „Kakanien“, wie er Österreich-Ungarn ironisch nannte (von k.u.k., kaiserlich und königlich), sei ein „Staat des Sowohl als auch und des Weder noch“ gewesen: „Er war nach seiner Verfassung liberal, aber es wurde klerikal regiert. Es wurde klerikal regiert, aber man lebte freisinnig. Vor dem Gesetz waren alle Bürger gleich, aber nicht alle waren eben Bürger. Man hatte ein Parlament, welches so gewaltigen Gebrauch von seiner Freiheit machte, dass man es gewöhnlich geschlossen hielt.“
Der Hof duldete den nahezu ungezügelten Erneuerungs- und Freigeist, weil die Wiener nicht daran dachten, den Kaiser zu stürzen, wie dies noch im Revolutionsjahr 1848 die Absicht gewesen war. Am Ende war Franz Joseph I. (1848 –1916) zu einer Vaterfigur ergraut, der man allein zutraute, das von Kriegen, Krisen und familiären Schicksalsschlägen erschütterte Reich – 1889 beging Kronprinz Rudolf Selbstmord, 1898 wurde Kaiserin Elisabeth Opfer eines Attentats – zusammenzuhalten.
„Er war mein Kaiser“, gestand mit etwas verklärtem Rückblick Joseph Roth (1894 –1939), der aus einer ostgalizischen jüdischen Familie stammende geniale Schriftsteller und Journalist, der in seinem Roman „Radetzkymarsch“ einen ebenso tiefgründigen wie melancholischen Abgesang auf das Habsburgerreich verfasste.
„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist …“
Bis zum Kriegsausbruch 1914 feierte Wien noch ausgiebig nach der Devise, die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. In Salons, Klubs und Tanzsälen gab es Privatfeste und rauschende Ballnächte am laufenden Band. Von einer „fröhlichen Apokalypse“ scherzte später der Schriftsteller Hermann Broch (1886 –1951) sarkastisch, wozu Walzerkönig Johann Strauss (1825 –1899) nicht nur die Musik, sondern auch das Überlebensmotto beisteuerte: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist …“, heißt es in der Operette „Die Fledermaus“ (1874). Strauss war eine Art Ersatzkaiser, bisweilen populärer als der echte.
Franz Joseph höchstselbst, als er noch jung war, hatte Mitte des 19. Jahrhunderts das Tor zur neuen Zeit aufgestoßen und damit ungewollt eine Dynamik der Modernisierung ausgelöst. Mit seinem Erlass, den mittelalterlichen Mauerwall, an dem selbst Türkenheere gescheitert waren, zu schleifen, wollte er ursprünglich Platz schaffen für „die Verschönerung Meiner kaiserlichen Residenz- und Reichsstadt“; ihr ein neues Gesicht geben, welches die Würde des Reichs widerspiegeln sollte.
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Wichtig war ihm freilich auch die militärische Absicherung seiner Macht, weshalb er eine Reihe neuer Stützpunkte und Kasernen an strategischen Plätzen der Stadt errichten ließ – die Erfahrungen aus dem Jahr 1848 wirkten noch nach.
Drei Jahrzehnte lang war Wien eine einzige Baustelle, und danach, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, kaum wiederzuerkennen: Die Stadt hatte sich von einer mittelalterlichen, von Seuchen geplagten und aus allen Nähten platzenden Festung zu einer offenen, modernen, europäischen Metropole gewandelt, die zu den fünf größten Europas zählte. Die neue, vier Kilometer lange Ringstraße, erbaut auf den Gründen der alten Stadtmauer, hatte sich als Motor der Stadterneuerung erwiesen.
Die allgemeine Wohnungsnot war damit noch nicht überwunden, die neuen Palais’ und die Mieten in den protzigen Wohnbauten, auch „Zinspaläste“ genannt, konnten sich nur Adlige und das neureiche Bürgertum leisten. „Nicht der Nutzen beherrschte die Ringstraße, sondern die kulturelle Selbstdarstellung“ der Auftraggeber und Besitzer, schreibt Carl E. Schorske (1915 –2015), US-Historiker mit deutsch-jüdischen Wurzeln und einer der besten Kenner des Wiener Fin de Siècle.
Der Kaiser bekam seine standesgemäße Reichshauptstadt, der ausufernde Historismus auf der Ringstraße ließ die Monarchie noch einmal strahlender leuchten, als es ihrem Zustand entsprochen hätte: Neue Hofburg, Hofoper, Hofburgtheater, Natur- und Kunsthistorisches Museum (für die kaiserlichen Sammlungen) glänzten in Neorenaissance. Aber auch das erstarkte liberale Bürgertum ließ es architektonisch funkeln: das Parlament klassisch-griechisch, das Rathaus neugotisch und die Universität wiederum in Neorenaissance.
Schauplatz verschiedenster politischer Strömungen
Wie ein Magnet zog das neue Wien Arbeitskräfte aus allen Teilen des Reichs an. Die Eingemeindung der Vororte sowie die Massen von Zuwanderern vor allem aus dem Osten ließen laut amtlicher Statistik die Einwohnerzahl von 1860 bis 1900 mit knapp 1,8 Millionen auf mehr als das Doppelte ansteigen; die Zwei-Millionen-Grenze wurde 1910 überschritten.
1848 konnte der gerade einmal 18-jährige Franz Joseph die Revolution noch blutig niederschlagen, aber „die Saat des Liberalismus, des Nationalismus und des Sozialismus war gestreut“, wie die Wiener Kulturgeschichtsautorin Hilde Spiel (1911–1990) in ihrem Buch „Glanz und Untergang“ schreibt. Der restaurierte Absolutismus war von Beginn an brüchig und gefährdete wiederholt den Zusammenhalt der Monarchie.
Die Verfassungsreform von 1867 entschärfte zunächst die politischen Spannungen – um den Preis, dass der Hof Macht abtreten musste: So wurde endlich der Reichsrat, das Parlament, eröffnet, die kommunale Verwaltung erhielt für die Stadterneuerung weitreichende Autonomie; als Draufgabe gab es ein noch streng auf die vermögende Schicht beschränktes Wahlrecht.
Um die Jahrhundertwende war Wien schließlich zum offenen Schauplatz politischer Strömungen geworden, zur Geburtsstätte des Zionismus und politischen Antisemitismus, des Austromarxismus und Nationalismus. Politische Parteien sowie eine Fülle von zivilen Organisationen trotzten den erstarrten, stockkonservativen, von der katholischen Kirche beeinflussten Machtstrukturen und höfischen Traditionen sowie dem hofnahen Hochadel immer mehr Freiräume ab.
Die Liberalen modernisieren die Hauptstadt des Habsburgerreichs
Die politischen Debatten verlagerten sich aus den Salons und Kaffeehäusern auf die Straße. Das Parlament spielte eher eine Nebenrolle; das Sprachengewirr der Völker und die wechselseitig eher feindselige, unkooperative Streitkultur legten es immer wieder lahm.
Die Liberalen, die in der Kommune Wien von 1861 bis 1895 regierten, trieben die Modernisierung der Kaiserstadt zügig voran, doch ist diese historische Leistung heute im kollektiven Bewusstsein der Wiener kaum noch präsent. Eine der großen Leitfiguren war Bürgermeister Cajetan Felder (1814 –1894), in dessen Amtszeit (1868 –1878) die Realisierung mehrerer Großprojekte fiel, von denen die Stadt noch heute profitiert: die Regulierung der Donau, die Wien seither vor Überschwemmungskatastrophen schützt; der Bau der Ringstraße, gegenwärtig die zentrale Verkehrsachse; die Hochquellenwasserleitung, die Wien seit rund 150 Jahren mit gesundem Wasser aus den Voralpen versorgt.
Auch die Weltausstellung 1873, mit der Wien zu Paris, London und Berlin aufschließen wollte, zählt dazu. Doch fiel das internationale Großereignis der letzten Cholera-Epidemie und einem von Spekulanten ausgelösten, gewaltigen Börsenkrach zum Opfer.
Damit begann auch der langwierige Abstieg der Liberalen. Kleinbürger und Sozialdemokraten warfen ihnen vor, sie verträten lediglich die reiche Bourgeoisie, der auch das jüdische Großbürgertum angehörte. Antisemitisches Verschwörungsgerede brandmarkte den Liberalismus als Ideologie des „jüdischen Geistes“. Letztlich schmälerte die Einführung des allgemeinen Wahlrechts die Chancen der Liberalen beträchtlich.
1897 eroberte erstmals die Christlichsoziale Union, die acht Jahre zuvor gegründet worden war, das Wiener Rathaus. Deren Anführer Karl Lueger (1844 –1910) könnte gut das Urvorbild für zeitgenössische Rechtspopulisten abgeben: Er präsentierte sich als Beschützer des Wiener Kleinbürgertums und redete Kleinunternehmern, Handwerkern und Angestellten ein, das „jüdische Großkapital“ gefährde ihre Existenz.
Die zugewanderten Juden aus dem Osten, diese „völlig fremdartigen, archaisch wirkenden Gestalten in ihren Kaftans, Filzhüten, Bärten und Ringellöckchen“, so die Autorin Hilde Spiel, boten Antisemiten das ideale Feindbild. Zumal sie sich konzentriert im ärmlichen 2. Wiener Gemeindebezirk niederließen. In diesem „Judengrätzl“ lebte damals auch ein gewisser Adolf Hitler.
Juden genießen den Schutz des Kaisers
Das assimilierte jüdische Großbürgertum hatte sich im 1. Bezirk, im Zentrum Wiens, längst etabliert. Es verdankt seinen Aufstieg der Verfassungsreform von 1867, die Juden mit der übrigen Bevölkerung gleichstellte. Damit erkor sich der Kaiser selbst zu deren oberstem Beschützer, nicht zuletzt, weil jüdische Unternehmer als kapitalkräftige Investoren für die Modernisierung der Residenzstadt unentbehrlich waren.
Das war auch dem akademisch gebildeten Lueger bewusst, der nicht nur ein Demagoge und Rattenfänger, sondern auch ein pragmatischer Kommunalpolitiker war. Bei allen antisemitischen Schmähungen in öffentlichen Reden – jüdisches Kapital für prestigeträchtige, gemeindeeigene Investitionen verschmähte er nicht. Kritik der Opposition, weshalb jüdische Bankiers und Geschäftsleute seinem engsten Bekanntenkreis angehören, parierte Lueger mit einem legendär gewordenen Spruch, der charakteristisch für sein Macht-Ego war: „Wer a Jud is, bestimm i.“
Luegers Doppelmoral führte zu dem Kuriosum, dass er zunächst beim Kaiser in Ungnade fiel, nicht aber beim Papst. Zweimal verweigerte Franz Joseph Lueger die Ernennung zum Wiener Bürgermeister. Sigmund Freud (1856 –1939), der auf Anraten seines Arztes Mitte der 1890er Jahre eine Zeitlang auf das Rauchen verzichtete, schrieb an einen Freund: „Nur am Tage an Luegers Nichternennung habe ich aus Freude exzediert“, soll heißen, sich ausnahmsweise wieder eine Zigarre angezündet.
Der Kuriositäten nicht genug: Auch die österreichischen Bischöfe appellierten an den Vatikan, die Wiener Katholiken zum Gehorsam zu ermahnen und Luegers Antisemitismus zu verurteilen. Leo XIII. entschied salomonisch: Dem ersten Begehr stimmte er zu, doch an Lueger schrieb er eine wohlwollende Grußbotschaft: „Der Führer der Christlichsozialen möge wissen, dass er in dem Papst einen wahren Freund besitze.“ Den Segen aus Rom konnte auch der Kaiser als gehorsamer Katholik nicht ignorieren, im dritten Anlauf ernannte er Lueger zum Bürgermeister.
Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts brachte Lueger den größten Triumph: 1907 eroberte er 57 Prozent der Stimmen, das antisemitische Klima war zu diesem Zeitpunkt schon deutlich gedämpfter als noch um die Jahrhundertwende. Die Christlichsozialen hatten sich zu einer konservativen Bürgerpartei gewandelt. Doch schon wenig später, mit Luegers Tod 1910, begann auch ihr Abstieg.
Den Aufstieg der Sozialdemokratie beförderte hauptsächlich die düstere Kehrseite des modernen Wien. Die schreiende Not im Schatten der monarchischen und neuerdings bürgerlichen Glanzfassaden auf der Ringstraße kümmerte weder den Hof noch die reiche Oberschicht. Die Tausende Zuwanderer, darunter viele Juden, waren mit großen Hoffnungen nach Wien gekommen, doch die überwiegende Mehrheit musste täglich bis zu elf Stunden für einen Hungerlohn schuften und in Elendsquartieren hausen – Männer wie Frauen, auch Kinderarbeit war keine Seltenheit.
Der Bau der Ringstraße hat auch seine Schattenseiten
Traurige Berühmtheit erlangten „die Ziegelböhm’“, die Arbeiter des Baustoff-Monopolisten „Wienerberger“, der sie wie Leibeigene behandelte. Weil sie tagein, tagaus Lehmziegel für die Baustellen der Ringstraße produzierten, kursierte schon damals das bitterböse Bonmot, letztlich habe den Prachtboulevard das Lumpenproletariat erbaut.
Die Sozialdemokratie versuchte seit 1868, die arbeitende Bevölkerung aus ihrer Rechtlosigkeit zu befreien, für sie gerechte Löhne, humane Arbeitszeiten und -bedingungen sowie eine Gesundheits- und Altersvorsorge zu erwirken. Zunächst mit wenig Erfolg: Ihre Anführer waren in Reformisten und Marxisten gespalten, deren jeweilige Anhänger als Radaubrüder verrufen.
Erst Ende 1889 konnte Parteigründer Victor Adler (1852 –1918), der von großbürgerlicher Herkunft war und als „Arzt der Armen“ hohes Ansehen genoss, beim Gründungskongress in Hainfeld westlich von Wien die Einheit verkünden: „Wir sind von einer Sekte zu einer politischen Partei avanciert …, mit der man rechnet“.
Die Großkundgebung am 1. Mai 1890 geriet zu einer Machtdemonstration, als 100 000 Arbeiter Richtung Prater marschierten. Der Ort war bewusst gewählt: In der Prater-Hauptallee feierte alljährlich an diesem Tag die feine Wiener Gesellschaft einen opulenten Blumenkorso. Nun war der 1. Mai zum „Tag der Arbeit“ geworden. Die Presse prophezeite Schlimmes, doch die Kundgebung verlief friedlich.
1905 demonstrierten sogar 200 000 Sozialdemokraten für das allgemeine Wahlrecht, das 1907 tatsächlich eingeführt wurde; allerdings waren Frauen davon noch immer ausgeschlossen. Der Kriegsbeginn 1914 stoppte vorerst den Aufstieg, doch das Fundament für das heute noch rot regierte Wien war gelegt.
Von eher geringer Bedeutung blieben die Deutschnationalen. Deren Anführer Georg von Schönerer (1842 – 1921), ein pathologischer Juden- und Slawenhasser, den der US-Historiker Carl E. Schorske als „seltsame Mischung aus Gangster, Philister und Aristokrat“ charakterisierte. Im Reichsrat blieben die „Schönerer-Germanen“, ungeachtet ständiger Straßenkrawalle, eine Minderheit. Der Völkerschmelztiegel Wien ließ sich schlicht nicht zu einer großdeutschen Bastion deformieren, und die deutschsprachigen katholischen Österreicher wollten zu diesem Zeitpunkt weder mit dem Deutschen Reich vereinigt noch zum Luthertum bekehrt werden. Auch Lueger, der bis 1910 im Amt war, hielt von einem Anschluss nichts, er war ohnehin schon „Kaiser von Wien“.
Als Hochburg des Antisemitismus wurde Wien fast zwangsläufig Geburtsstätte des Zionismus. Dessen Begründer, der Publizist und Schriftsteller Theodor Herzl (1860 –1904), war im Grunde Kosmopolit. Als Tausende zugewanderte Schtetl-Juden aus dem Osten den Antisemitismus der Wiener immer stärker befeuerten, war er überzeugt, dass nur ein eigener Staat den Juden genügend Schutz bieten könne. Der Schauprozess um die Dreyfus-Affäre, den Herzl 1895 in Paris als Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ beobachtete, nahm ihm endgültig den Glauben, Juden könnten sich jemals vollständig assimilieren. „Wir sind ein Volk“, protestierte Herzl gegen die Gewohnheit, bloß als Religionsgemeinschaft wahrgenommen zu werden.
Jedoch verlief der Gründungskongress in Basel enttäuschend, für einen eigenen Judenstaat fand Herzl kaum Zustimmung. Die zugewanderten Ostjuden, die ihre tiefe Religiosität und die jiddische Sprache in Wien beibehielten, lehnten ihn aus Glaubensgründen ab; begeistern dafür ließen sich allenfalls junge Juden.
Die überwiegende Mehrheit der ansässigen Juden wiederum wähnte sich, allen Anfeindungen zum Trotz, im liberalen Wiener Großbürgertum sicher und in der Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Kultur tief verwurzelt. Da erschien ihnen die ungewisse Zukunft in Palästina wenig verlockend.
„Ohne Juden wäre Wien nicht, was es ist“
Wien und die assimilierten Juden waren sogar wesensverwandt geworden. „Jüdisches und wienerisches Wesen verfließt zu einer aus beiden Sphären gespeisten Einheit – Wienertum, das jüdisch, Judentum, das wienerisch ist“, konstatierte der in Prag geborene Kunsthistoriker Hans Tietze (1880 – 1954) und zog daraus den treffenden Schluss: „Ohne Juden wäre Wien nicht, was es ist.“
Die verfassungsrechtliche Gleichstellung hatte assimilierten Juden den Aufstieg in das Großbürgertum ermöglicht, ihr Anteil an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Wiens ist beträchtlich. Jüdische Unternehmer waren die Ersten, die Parzellen an der Ringstraße aufkauften. Die Wohnpalais’ und Bürobauten der Ephrussi, Epstein, Todesco, Henckel-Donnersmarck, Klein, Wittgenstein und anderer prägten maßgeblich das architektonische Bild der Ringstraße, so dass der Volksmund mit antisemitischem Unterton über den „jüdischen Boulevard“ oder die „Zionstraße von Neu-Jerusalem“ lästerte.
Viele Juden waren akademisch gebildet, förderten als Mäzene Kunst und Wissenschaft. „Sie waren das eigentliche Publikum, sie füllten die Theater, die Konzerte, sie kauften die Bücher, die Bilder, sie besuchten die Ausstellungen“, schreibt Stefan Zweig (1881–1942) in „Die Welt von Gestern“. Ihre Salons und schmucken Villen waren Treffpunkte der geistigen Elite und Netzwerker.
Die Stadt wird zum Labor der Moderne
Auf ihre Art waren Zentren der Moderne auch London, Paris und Berlin. Doch in keiner anderen Stadt konzentrierte sich eine höhere Anzahl an hochkarätigen Intellektuellen, Künstlern und Wissenschaftlern als in Wien um 1900. Viele davon kamen aus ganz Europa.
Ob Literatur und Musik, Malerei und Architektur, Medizin und Mathematik, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften – es gab kaum ein Feld, auf dem nicht Neues blühte, Traditionelles und Revolutionäres sich begegnete und kreuzte. Historiker prägten später das Schlagwort von Wien als „Labor der Moderne“.
Die Voraussetzungen dafür waren günstig. Seit der schweren Niederlage gegen Preußen in Königgrätz 1866 führte Österreich-Ungarn keine Kriege mehr. Die lange Friedenszeit und das kontinuierliche Wirtschaftswachstum brachten ein wohlhabendes Bürgertum hervor, das es sich leisten konnte, seinen Lebensstil mit Kunst und Kultur zu veredeln und beides großzügig zu fördern. Vielleicht, spekulierte Stefan Zweig, war „der Drang zum Kulturellen“ deshalb in Wien leidenschaftlicher als anderswo, „gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders erfolgreich gewesen“ sei.
Der nicht mehr ganz so absolutistische Staat verzichtete im öffentlichen Leben weitgehend auf Kontrolle und Vorschriften, die bereits in der liberalen Ära davor spürbar gelockert worden waren, und mischte sich auch nicht in das Leben und Wirken einzelner Künstler und Wissenschaftler ein. Weniger aus herrschaftlicher Güte als vielmehr Machtkalkül: Die Förderung von Kunst, Kultur und Wissenschaft erhöhte das Ansehen des Hofs in der Bevölkerung.
So kam der Kaiser 1897 zur Eröffnung des kubusförmigen Ausstellungsgebäudes der „Wiener Secession“ am Wiener Naschmarkt, das große Empörung ausgelöst hatte, weil es mit seiner provokanten Nüchternheit den gewohnten, ornamentreichen Historismus geradezu verhöhnte. Franz Joseph fehlte jeder Bezug zu den Secessionisten, ihn schien auch deren aufmüpfiger Leitsatz nicht zu stören, der in vergoldeten Lettern über dem Eingangstor verkündet: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“.
„Traum und Wirklichkeit“ war der Titel einer Ausstellung 1985, die erstmals nach Jahrzehnten wieder an das Wien der Jahrhundertwende erinnerte. Die Wiener waren überrascht von der Faszination und Vielfalt dieser Glanzzeit. Das Leopold-Museum etablierte das Thema „Wien um 1900“ als Dauerausstellung, die jährlich Tausende Besucher zählt und besonders bei Touristen gut ankommt.
Das Magische an diesem Zeitabschnitt war, dass sich die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten und damit auch grenzenlose Freiräume für Ideen entstanden. Die Realität wurde erst wieder wahrnehmbar, als 1914 der Traum im Kriegslärm versank. Das Ende des Wiener Fin de Siècle war wie von unsichtbarer Hand inszeniert: Vier der Größen dieser Zeit – der Architekt Otto Wagner, der das Stadtbild Wiens nachhaltig prägte, sowie die Malergenies Gustav Klimt, Koloman Moser und Egon Schiele – starben 1918, im Todesjahr der Habsburgermonarchie.
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