Am 18. Juli 1782 brannte die Weser bei Bremen. Martin Berschitz, seinerzeit ein berühmter Schausteller, inszenierte mit Hilfe elektrischer Fernzündungen ein eindrucksvolles Explosionsspektakel mitten im Fluss, wie die „Augsburger Ordinari Post-Zeitung“ berichtete: „Erstlich steckte er einen 40 Fuß hohen, und 3. Schuh im Durchschnitt habenden Mastbaum nebst einem Schiff zu gleicher Zeit in Brand“ (ein Fuß bzw. Schuh entspricht etwa 30 Zentimetern). Dann jagte Berschitz 24 auf Pfähle montierte Holzhäuser 50 Fuß, also über 15 Meter hoch in die Luft. Und „zum Beschluß riß er das Wasser mitten aus dem Haven, mitten im Strohm, heraus, daß es bey 100. Fuß in die Höhe fuhr und mitten dar‧innen sich der schönste Regenbogen präsentirte“. Angeblich genossen „2 mal 70000“ Menschen das Spektakel, was sicherlich mehr als übertrieben ist und sich wohl am besten mit „sehr viele Zuschauer“ übersetzen lässt.
Physik gilt heute als das am wenigsten beliebte Schulfach überhaupt, was Bildungspolitikern tiefe Sorgenfalten in die Stirn schneidet. Immer weniger junge Menschen studieren Physik, in vielen Bundesländern herrscht akuter Lehrermangel in diesem Fach. Auch die Forschung wird die mangelnde Begeisterung für die Naturwissenschaften bald zu spüren bekommen: Laut Prognosen werden der EU bald Zehntausende Forscher fehlen. Im 18. Jahrhundert galten die Naturwissenschaften dagegen nicht als dröge und schwierig. Ganz im Gegenteil: In der Aufklärung war die Naturkunde der letzte Schrei, und wer etwas auf sich hielt, experimentierte mit einer Elektrisiermaschine oder einer Laterna magica, sammelte Muscheln und Mineralien oder hielt sich zumindest über die neuesten Entdeckungen in der Gaschemie auf dem Laufenden – und sei es nur, um bei der nächsten Abendgesellschaft mitreden zu können.
Richtig ist, dass Naturwissenschaft im 18. Jahrhundert etwas ganz anderes war als heute. Die einzelnen Fachdisziplinen hatten sich noch nicht herausgebildet, professionelle Wissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt wurden, gab es kaum, der naturkundliche Unterricht an Schulen und Universitäten war allenfalls rudimentär vorhanden. Nicht zuletzt hatten Naturwissenschaft und Technik den Alltag der Menschen noch kaum umgestaltet, geschweige denn völlig durchdrungen, wie dies heute der Fall ist. Zwar betonten die Naturforscher der Aufklärung stets die Nützlichkeit ihrer Arbeit – dies diente aber mehr der Legitimation des eigenen Tuns, als dass es sich tatsächlich schon in praktikablen Erfindungen niedergeschlagen hätte. Die Naturkunde war im 18. Jahrhundert vor allem eines: unterhaltsam. Berschitz’ Explosionsorgie auf der Weser ist hierfür nur ein spektakuläres Beispiel.
Die Modewissenschaft der Zeit war die Elektrizitätslehre. Bereits seit der Antike wusste man, dass Bernstein (griechisch elektron) Gegenstände anzieht, wenn man ihn reibt. Aber erst in den ersten vier Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts definierten die Engländer Francis Hauksbee und Stephen Gray sowie der Franzose Charles Dufay die ersten Grundbegriffe der Elektrizitätslehre wie Leiter und Nichtleiter. Was zunächst nur eine Eigenschaft war – elektrisch –, wurde eine Kraft, ein „Stoff “, ein „Fluidum“: die Elektrizität.





