Die ersten Meilensteine setzten Egon Corti (1927/28) und Bertrand Gille (1965/1967). Einen weiteren Glanzpunkt stellt das zweibändige Werk von Niall Ferguson dar. Seine monumentale Biographie der Familie Rothschild und ihrer europäischen Banken ist 1998 zum 200jährigen Jubiläum der Londoner Bank N.M. Rothschild & Sons erschienen und liegt nun in deutscher Übersetzung vor.
An der Studie ist zum einen die Breite des Quellenfundaments besonders hervorzuheben. Der Autor stützt sich auf Materialien aus über 20 Archiven und Bibliotheken. Herausragende Bedeutung kommt den umfangreichen Beständen des Londoner Rothschild-Archivs zu, zu denen der Oxforder Historiker als erster für den Zeitraum bis 1918 uneingeschränkten Zugang erhielt. Als einzigartige Fundgrube entpuppte sich die Privatkorrespondenz.
Die zumeist in Judendeutsch, das heißt in einem deutschen Dialekt mit hebräischen Zeichen, abgefaßten Briefe der Teilhaber gewähren ganz neue Einblicke in das Geschäftsgebaren Mayer Amschel Rothschilds und seiner Söhne und Enkel, in die familiären Angelegenheiten und in die politischen Hintergründe mancher finanzieller Transaktionen und sonstiger wirtschaftlicher Entscheidungen.
Eindrucksvoll wie der Materialreichtum ist zum anderen der weite Horizont der Darstellung. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt zwar auf dem Bankgeschäft. Insofern handelt es sich bei dem Buch von Ferguson um eine Unternehmens-, Finanz- und Wirtschaftsgeschichte. Aber es bleibt genügend Raum für andere Aspekte. So verbindet sich die Banken- aufs engste mit der Familiengeschichte. Heiratsverhalten und Eheführung kommen ebenso ausführlich zur Sprache wie Kindererziehung und Berufswahl oder das Verhältnis zu Kunst, Kultur und Wissenschaft, das Mäzenatentum und die soziale Einstellung der Rothschilds. Auch die politische Geschichte erhält den ihr gebührenden Stellenwert. Auf sie fällt aus der Perspektive der Rothschilds interessantes und oft ganz neues Licht.
Schließlich leistet die Rothschild-Biographie einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Judentums. Es geht, um wenigstens einige Beispiele anzuführen, um die Einstellung der Familie zur jüdischen Religion, zur Emanzipation und zum Zionismus, um ihren Kampf gegen die Judenverfolgungen und ihre Hilfe für bedrängte Glaubensgenossen. Die chronologisch gegliederte Darstellung beginnt mit Mayer Amschel Rothschild, dem Gründungsvater, wendet sich dann den fünf Söhnen zu und widmet sich schließlich der dritten und der vierten Generation. Während die Analyse des Geschehens bis zum Ersten Weltkrieg auf Quellenstudien beruht, umreißt der Epilog die folgenden Ereignisse bis in die Gegenwart hinein nur schemenhaft. Nicht mehr epische Breite und Liebe zum Detail kennzeichnen diesen Ausblick, wohl aber die von Anfang bis zum Ende durchgehaltene kunstvolle und elegante Darstellungsweise voller geistreicher Aperçus. Leider erreicht die deutsche Fassung nicht immer die sprachliche Prägnanz des englischen Originals.





