Die englische Ausgabe ist Teil einer Reihe „Schlüsselkonflikte des klassischen Altertums“, die immer zugleich die methodischen Grundlagen des jeweiligen historischen Themas vermitteln will. Entsprechend kritikfreudig gibt sich Kulikowski. Leider überzeugt er nicht überall, zumal er eher deklariert als analysiert.
Seine Kritik gilt vor allem den antiken Quellen. An dem spätantiken Historiker Jordanes, der uns von der skandinavischen Heimat und der Wanderung der Goten berichtet, lässt er kein gutes Haar, und natürlich auch nicht an denen, die aus seiner Darstellung den historischen Kern herausgearbeitet haben. „Die Goten sind das Produkt der römischen Grenze“, lautet Kulikowskis Credo. Die Römer seien es gewesen, die den Goten, mit denen sie im 3. Jahrhundert erstmals zusammenstießen, ihre Identität gegeben hätten.
Also auch – wovon der Verfasser in diesem Zusammenhang schweigt – ihr wichtigstes Identifikationsmerkmal, ihre germanische Sprache? Die Sprache ist für den besten Kenner des Gotischen, Piergiuseppe Scardigli, der Beweis, dass die Goten ursprünglich aus Skandinavien gekommen sind. Kulikowski scheint übrigens seine Theorie vergessen zu haben, wenn er später die Greutungen, die späteren Ostgoten, behandelt. Denn eine römisch-gotische „Diffusion“ bis zu den Wohnsitzen der Greutungen in der südrussischen Steppe auszudehnen und mithin die Urheimat ihrer Sprache ebenfalls dort zu lokalisieren – das wäre denn doch zu viel des Guten.
Auch den spätantiken Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus trifft die Skepsis des Verfassers gegenüber schriftlichen Quellen, obwohl er nicht umhinkann, die Gotenkriege des Kaisers Valens bis zur Katastrophe von Adrianopel in den Grundzügen von dessen Geschichtswerk zu behandeln. Der berühmte Hunnen-Exkurs des Ammian sei allerdings nur ein Flickenteppich aus ethnographischen Topoi. Haben die Reiternomaden folglich keinen absonderlichen Gang gehabt, keine Stutenmilch getrunken und kein Fleisch mürbe geritten?
Pauschalurteile des Autors schießen leicht über das Ziel hinaus. 16 ganze Militäreinheiten seien bei Adrianopel „spurlos verschwunden“, so schreibt Kulikowski. Nicht ganz: Als Ammian einige Jahre später das Schlachtfeld besuchte, sah er noch deren bleichende Gebeine.
Der Autor lehnt österreichische und deutsche Untersuchungen zur „Ethnogenese“ der Goten ab, hauptsächlich deshalb, weil er fürchtet, dass hier immer noch der Germanenkult aus unseliger Zeit fröhliche Urständ feiert. Ich kann ihn beruhigen: Seit vielen Jahren setzt sich kein ernsthafter deutschsprachiger Forscher mehr den zweige-hörnten braunen Helm auf.
Nicht immer aber ist es dem Verfasser anzukreiden, wenn man über schiefe oder unglückliche Formulierungen die Stirn runzelt: Manches geht auf das Konto der Übersetzerin. Aus dem oft eleganten Englisch ist ein hölzernes Deutsch geworden; manchmal wurden Sachverhalte missverstanden oder das Original ungenau, wenn nicht sogar falsch wiedergegeben.





