In der erfolgreichen Ausstellung über die «Pahari-Meister», die den grössten Malern der gleichnamigen nordindischen Region gewidmet war, beschritt das Museum Rietberg 1992 erstmals neue Wege: Die Künstler Indiens wurden damals aus ihrer vermeintlichen Anonymität gehoben und als künstlerische Individuen durch ihr Œuvre präsentiert.
2011 – rund zwanzig Jahre später – ist die Zeit mehr als reif, das Schaffen der indischen Maler aus sämtlichen Regionen des Subkontinents zu würdigen und dies über die Zeitspanne von acht Jahrhunderten. Bisher fokussierten grosse Ausstellungen zur indischen Malerei meist auf bestimmte Orte, Perioden oder Themen. Dieser gängige Ansatz zeigt, dass dem Produktionskontext indischer Bilder – wie Auftraggebern, ikonografischen, örtlichen und religiösen Traditionen – mehr Gewicht beigemessen wird als den einzelnen Malern.
Das Zustandekommen dieser Ausstellung ist jahrzehntelanger akribischer Forschungsarbeit zu verdanken. Zur Identifikation einzelner Künstler wurden mikroskopisch kleine Signaturen entdeckt, Land- und Pilgerregister nach Künstlernamen und -genealogien durchkämmt und systematisch stilistische Vergleiche unternommen. Einmal mehr leistet nun das Museum Rietberg Pionierarbeit und liefert zudem mit einer gewichtigen Publikation neue Grundlagen für die weitere Forschung.
Die bisherige Quellenlage erwies sich alles andere als ergiebig – so fehlen in der indischen Kunstgeschichte mit Vasaris Biografien über die europäischen Renaissance-Künstler vergleichbare Werke. Die Memoiren der Kaiser Akbar (reg. 1556–1605) und Jahangir (reg. 1605–1627), in denen Künstler aufgezählt und ihre Vorzüge genannt werden, sind dabei eine grosse Ausnahme – lückenhafte Informationen zu Künstlern und Künstlerfamilien die Regel. Trotzdem können daraus die künstlerischen Wege und Entwicklungen einzelner Meister rekonstruiert werden.
Diese Wege stehen im Zentrum der Ausstellung. Wechselnde Auftraggeber und andere künstlerische Impulse prägten die stilistische Entwicklung einer Künstlerhand und werden in dieser Auswahl sichtbar. Der Werdegang jedes einzelnen Künstlers ist mit je drei bis zehn repräsentativen Werken dokumentiert. Der Vergleich ganzer Künstlerfamilien oder zeitgleich arbeitender Künstler nimmt im Ausstellungskonzept eine zentrale Rolle ein.
Betrachtet man beispielsweise die Karrieren der beiden Brüder Manaku und Nainsukh, die beide an der väterlichen Werkstatt in Guler ausgebildet wurden, offenbaren sich interessante Unterschiede. Während Manaku dem traditionellen Malstil seines Vaters stärker verpflichtet blieb, liess sich Nainsukh an einem anderen Hof nieder und entwickelte dort eine unverkennbare eigene Bildsprache, die sich besonders durch den Einsatz neuer naturalistischer Elemente auszeichnet.





