Als König Georg VI. in der Nacht des 6. Februar 1952 in Schloss Sandringham, dem Landsitz der Windsors in der Grafschaft Norfolk, an Herzversagen starb, traf das den Hof und die Regierung nicht unvorbereitet. Schon seit längerem kränkelte der König. Er litt an Arteriosklerose; das Verstehen komplizierter Sachverhalte machte ihm zunehmend Schwierigkeiten. Im Jahr zuvor hatten ihm, der zeitlebens ein starker Raucher gewesen war, die Ärzte einen Lungenflügel entfernt. Seine Auftritte in der Öffentlichkeit waren selten geworden. Im Dezember 1951 hatte er in aller Stille seinen 56. Geburtstag gefeiert.
Die Frage, wann die 25-jährige Prinzessin über den Tod des Vaters informiert wurde, ist nicht ganz geklärt. „Sie wurde Königin“, notierte der Diplomat Harold Nicolson in seinem Tagebuch, „während sie hoch oben in einem Baum in Afrika saß und die Nashörner beobachtete, die zum nahen Wassertümpel kamen.“ Vielleicht eine erfundene Geschichte, vielleicht nahe an der Wirklichkeit, mittlerweile ist sie zur Legende geronnen.
Offensichtlich erfuhren Mitarbeiter im Begleittross der Kronprinzessin die Nachricht aus London über den Rundfunk. Sie gaben sie an den Herzog von Edinburgh weiter, als das Paar in die Safari Lodge, etwa 150 Kilometer nördlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi, zurückkehrte. Der Herzog informierte seine Gemahlin. Zu diesem Zeitpunkt hatte ein Thronrat in London die Thronbesteigung Elisabeths II. bereits öffentlich proklamiert – zum ersten Mal seit dem Hannoveraner Georg I. im frühen 18. Jahrhundert in Abwesenheit des Monarchen. Ähnliche Proklamationen wurden überall im Commonwealth und in den Kolonien verlesen, von Ottawa bis Hongkong. Tod und Neubeginn, Trauer und Hoffnung fallen in der erblichen Monarchie zusammen.
Unverzüglich traten die Königin und der Herzog die Heimreise an. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow erwarteten sie am 7. Februar 1952 Premierminister Winston Churchill, weitere Kabinettsmitglieder und Oppositionsführer Clement Attlee. Den 78-jährigen Premierminister hatte der Tod Georgs VI., mit dem er befreundet gewesen war, schockiert. Er kenne die neue Königin gar nicht, klagte er gegenüber seinem Privatsekretär; sie sei ja noch ein Kind. Gelegentlich liebte Churchill das Understatement. Natürlich kannte er die älteste Tochter des verstorbenen Monarchen. Und ein naives Kind war die zweifache Mutter bei der Thronbesteigung auch nicht mehr.
Im Gegenteil: Die Eltern der jungen Prinzessin hatten Wert darauf gelegt, dass sie früh auf ihre künftige Rolle vorbereitet wurde. Bei Besuchen wichtiger Gäste des Königs im Buckingham-Palast oder auf Schloss Windsor war die Tochter häufig anwesend. Im Alter von 18 Jahren wurde sie „Staatsrat“ und übernahm damit zum ersten Mal eine öffentliche, wenngleich unbedeutende Funktion. Sie erhielt den Zugang zu Telegrammen des Außenministeriums und Einsicht in Kabinettsprotokolle. In Vertretung des erkrankten Vaters übernahm sie seit 1950 immer häufiger repräsentative Aufgaben des Monarchen. Viele Jahre später bekannte die Königin: „In mancherlei Hinsicht hatte ich keine Lehrzeit. Mein Vater starb viel zu früh. Es geschah alles sehr plötzlich: Ich musste antreten und dann die Aufgabe so gut wie möglich erfüllen. Es ist eine Frage des Hineinwachsens in das, was man tun muss. Man muss es akzeptieren: Hier steht man und kann seinem Schicksal nicht entgehen.“





