„Die Sportler der BRD sind zu potentiellen Gefolgsleuten der BRD-Imperialisten geworden… Mit ihnen kann es keine Freundschaft, keine Gespräche, keinerlei Kontakte geben. Denn es ist nicht Aufgabe der Leistungssportler, den Klassenkampf mit Diskussionen zu führen. Ihre Aufgabe ist es, den Klassengegner mit hohen sportlichen Leistungen zu schlagen, um damit dem imperialistischen System der BRD eine politische Niederlage beizubringen. Die Klassenauseinandersetzung auf sportlichem Gebiet hat ein solches Ausmaß erreicht, daß prinzipiell kein Unterschied zur militärischen Ebene besteht. So wie der Soldat, der an der Staatsgrenze seinem imperialistischen Feind in der NATO-Bundeswehr gegenüber steht, so muß der DDR-Sportler in dem Sportler der BRD seinen politischen Gegner sehen. Unser Kampf ist so hart, daß er mit voller Konsequenz in der Abgrenzung, mit Haß gegen den Imperialismus und seine Abgesandten, auch gegen die Sportler der BRD, geführt werden muß. Für uns bedeutet das: es kann keine Verbindungen, keine Kontakte mehr zu Personen der BRD und anderer kapitalistischer Länder geben. Jeder Briefverkehr, jedes auch noch so freundschaftlich scheinende und teilweise vielleicht auch ehrlich gemeinte Gespräch muß von unseren Sportlern abgelehnt und verhindert werden… Jede Lücke in unserer Mannschaft muß geschlossen werden.”
Man mag kaum glauben, daß dieses von der Westkommission beim Politbüro des ZK der SED vorgelegte „Argumentationspapier für die weitere Vorbereitung der Olympiakandidaten” aus dem September 1971 stammt. Als hätte es im Jahr zuvor keine Treffen zwischen Willy Brandt und Michael Kohl in Kassel und Erfurt gegeben, keine neue Ostpolitik, keine Normalisierungsbestrebungen in den innerdeutschen Beziehungen! Wieviel Angst spricht aus diesen Zeilen! So sehr der erste Auftritt einer DDR-Mannschaft bei einer Olympiade mit eigener Flagge, eigener Hymne ein politisch erklärtes Ziel der SED-Führung gewesen war, er durfte auf keinen Fall in einem Fiasko enden – schon gar nicht auf dem Boden des Klassenfeindes. Nur ein einziger fahnenflüchtiger Sportler hätte jeden noch so großen sportlichen Erfolg der DDR-Equipe zunichte gemacht. Folglich hieß die Devise: Abgrenzung durch rigideste Kaderdisziplin!
In aller Drastik zeigt das Papier, wie sehr Idee und Anspruch der Ausrichter, der Welt heitere, unbeschwerte Spiele, ja ein großes, völkerverbindendes Fest zu bieten, eine Illusion waren. Schon die internationale Aufmerksamkeit, die eine solche Großveranstaltung zwangsläufig hervorrief, war ja kein kleines Politikum. Zumal man in München auch noch die “Nazi-Spiele” von 1936 vergessen machen wollte. Bekanntlich hatte Hitler seinerzeit in Berlin die Welt über seine wahren (Kriegs-)Ziele getäuscht, Schilder wie „Juden unerwünscht” kurzfristig abhängen und internationale Konzerne wie Coca-Cola den Erfrischungsdienst ausrichten lassen. Die deutschen Sportler hatten in dieser Inszenierung ihren Part zur vollsten Zufriedenheit ihres Führers abgeleistet, die Wettkämpfe beherrscht und 36 Goldmedaillen errungen, während die Amerikaner mit nur 25 ersten Plätzen nach Hause gehen mußten. Max Schmeling etwa, der kurz zuvor in seinem legendären Kampf gegen Joe Louis die Überlegenheit der weißen Rasse „bewiesen” hatte, verfolgte mit Hitler zusammen die Spiele aus dessen Ehrenloge. Und formulierte einem amerikanischen Reporter gegenüber artig die gewünschte politische Botschaft: “Wir haben in Deutschland keine Streiks. Fast alle haben Arbeit. Wir haben nur eine Gewerkschaft. Wir haben nur eine Partei. Alle sind einverstanden. Alle sind glücklich.”





