Ein Großteil des Reichtums, den die britischen Kolonien in Nordamerika und später die USA erwirtschafteten, wurde auf dem Rücken von Sklaven gewonnen. Schon mit Beginn des 16. Jahrhunderts begannen vor allem Plantagenbesitzer, in großem Maße Sklaven für die Feldarbeit, aber auch andere niedere Dienste aus Afrika zu ordern. Bis zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 wurden hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern aus Afrika verschleppt und in die Neue Welt gebracht. Mehr als 40.000 Schiffspassagen sorgten in dieser Zeit für ständigen Nachschub.
Das letzte Sklavenschiff
Das letzte Sklavenschiff, das Afrikaner in die USA transportierte, war die Clotilda, ein Zweimastschoner, der mit bis zu 160 Sklaven an Bord im Juli 1860 in Mobile, Alabama festmachte. Viele der damals auf diesem Schiff in die USA gebrachten Männer, Frauen und Kinder wurden noch als Sklaven verkauft und beschäftigt, bis sie dann nach dem US-Bürgerkrieg freigelassen werden mussten. Ein Teil der ehemaligen Sklaven von der Clotilda gründete nördlich von Mobile Africatown – eine Siedlung, in der afrikanischstämmige Amerikaner die Kultur ihrer alten Heimat pflegten. Lange galten der 1936 gestorbene Sprecher dieser Gemeinschaft, Cudjo Kazoola Lewis und die 1937 gestorbene ehemalige Sklavin Sally Redoshi Smith als die letzten Überlebenden der Clotilde.
Doch nun hat die Historikerin Hannah Durkin von der Newcastle University die Geschichte einer weiteren Überlebenden dieses Sklavenschiffs aufgedeckt. Mithilfe historischer Dokumente, Zensusunterlagen und einem alten Zeitungsinterview hat sie das Leben von Matilda McCrear rekonstruiert – einer Frau die als zweijähriges Kind mit einem Teil ihrer Familie auf der Clotilda in die USA gebracht wurde. Ihre Geschichte die bisher vollständigste Biografie einer Frau, die mit dem transatlantischen Sklavenhandel nach Nordamerika gelangte und es ist das erste Porträt der Erlebnisse einer ganzen Familie in dieser Spätzeit der Sklaverei.
Von Schwestern getrennt, als Kind verkauft
Wie Durkin herausfand, wurde die damals zweijährige Matilda gemeinsam mit ihrer Mutter Gracie, ihren drei älteren Schwestern und ihrem späteren Stiefvater auf der Clotilda in die USA gebracht. Ihre beiden Brüder blieben in Westafrika zurück und Matilda sollte nie erfahren, was aus ihnen wurde. Bei ihrer Ankunft in Mobile wurde Matilde gemeinsam mit ihrer zehnjährigen Schwester Sallie und ihrer Mutter an Walker Creagh verkauft, ihre beiden anderen Schwestern kamen zu einem anderen Sklavenbesitzer und wurden nie mehr wieder gesehen, wie die Historikerin berichtet.
“In mancher Hinsicht war Matilda besser dran als die große Mehrheit der Überlebenden dieser Passage, denn sie konnte bei ihrer Mutter und einer Schwester bleiben”, erklärt Durkin. “Aber ihr Leben war dennoch unglaublich hart.” Zwar war Matilda noch ein junges Mädchen, als die Sklaverei verboten und die Sklaven freigelassen wurden, aber auch danach war das Leben der Schwarzen in den Südstaaten der USA alles andere als leicht. “Die Geschichte von Matilda und ihrer Familie unterstreicht den Horror der Sklaverei, den Missbrauch im Pächtersystem der US-Südstaaten, die Ungerechtigkeiten der Segregation und auch das Leiden der schwarzen Farmer in der Zeit der Großen Depression”, sagt Durkin.





