In ihrem Buch “Die letzten Zeugen” hat Swetlana Alexijewitsch 101 erschütternde Erinnerungen von Männern und Frauen zusammengetragen. Diese mußten den Zweiten Weltkrieg und die Zeit danach als Kinder miterleben und das Leid, das die deutschen Truppen bei ihrem Einmarsch über Weißrußland brachten. Noch 60 Jahre danach ist das Erlebte schwer in Worte zu fassen, und das Erinnern schmerzt die Betroffenen noch heute. Dennoch erinnern sie sich und geben den Schrecken ihrer Kindheit wieder. 13 Millionen Kinder starben während des Zweiten Weltkriegs. Unzählige verloren ihre Eltern und ihre Geschwister. Die Bilder des Erlebten versuchen sie noch heute zu verdrängen oder zu vergessen. Diese erschreckenden Erinnerungen haben die Kinderseelen geprägt und gezeichnet.
Vera Shdan war 14 Jahre alt als deutsche Soldaten kamen und sie, ihren Bruder und ihre Eltern auf eine Lichtung im Wald führten. An der schlammigsten Stelle blieben die Deutschen stehen und befahlen den Männern, eine Grube zu graben. Die 14jährige und ihre Mutter mußten mit ansehen, wie die Deutschen ihren Vater und ihren Bruder erschossen. Der 16jährige aber fiel nicht in die Grube und wurde von einem Soldaten hinein getreten. Die Toten blieben in der schlammigen und wäßrigen Grube zurück – ohne daß das “Grab” geschlossen wurde. Drei Tage später kamen die deutschen Soldaten wieder in das Haus der Frauen und trieben Tochter und Mutter an die gleiche Stelle im Wald. Die Grube war mittlerweile gefüllt mit Wasser, in dem die Leichen schwammen. Zwar durften die Frauen nun das “Grab” schließen, aber sie wurden gezwungen zu lächeln. Hätten sie geweint, wären sie erschossen worden. Nach diesem grausamen und unmenschlichen Verhalten der jungen Soldaten hat Vera Shdan ihr Angst und ihren Abscheu vor Männern nie verloren. Sie hat nie geheiratet.
Oft sind es nur Bruchstücke, die geschildert werden. Einzelne Fragmente, die die Angst und die Panik ausdrücken, und so zutiefst schockieren und unter die Haut gehen. Einfühlsam gibt die Autorin, die 1948 in Weißrußland geboren wurde und in Minsk lebt, die Schicksale jener wieder, “die damals am schwächsten waren”.
Rezension: Muth, Ilka





