Es ist eine faszinierende Welt, die sich dem Leser in dem mit hervorragenden Abbildungen opulent ausgestatteten Band darbietet, faszinierend gerade in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit. Denn die Befunde der Grabungen verdeutlichen, wie wenig präzise die Jenseitsvorstellungen der heidnischen Antike waren. Nimmt man die Vielzahl der in der Spätantike auftretenden neuen Kulte hinzu, so wird das bunte Nebeneinander höchst unterschiedlicher Erinnerungsformen an die Verstorbenen verständlich. Das Christentum, das als jenseitsbezogene Erlösungsreligion ursprünglich nur wenig Interesse an einer irdischen Erinnerung an die Vorfahren besaß, brauchte lange, um aus den zunächst ganz selbstverständlich übernommenen heidnischen MemoriaMotiven eine eigene Formensprache zu entwickeln – erstin der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts finden sich Ansätze dazu.
Wie diese aussahen, und in welch selbstverständlich-friedlicher Nachbarschaft mit anderen Erinnerungskulturen sie sich dem spätantiken Besucher der Totenstädte präsentierten, davon wird der Leser anschaulich unterrichtet. Sehr viel weniger erfährt er leider von den geistesgeschichtlichen Hintergründen des Totengedenkens, die im Gegensatz zu den peniblen Bestandsaufnahmen der Grabungsbefunde kaum in Ansätzen, geschweige denn in einem einführenden oder abschließend-zusammenfassenden Essay vorgestellt werden.
So fällt das Urteil über den Band zwiespältig aus: Gerade weil er so eindrucksvolles Quellenmaterial kompetent und ausführlich präsentiert, vermisst man schmerzlich die erklärende Deutung, die dem Publikum die Zusammenhänge zwischen Jenseitsvorstellungen und Erinnerungskultur, zwischen der Welt der Toten und jener der Lebenden, kurz: die Relevanz eines zentralen Themas der Kulturgeschichte erläutert.
Rezension: Prof. Dr. Arne Karsten





