Antiimperialistisch und antikolonialistisch
“Brot, Frieden und Freiheit” – das war das Versprechen, das Lenin und seine Bolschewiki dem russischen Volk gaben. Ihre Revolution sollte den russischen Zaren und die Regierung stürzen und für mehr Gerechtigkeit und Wohlstand auch für die Arbeiter und Bauern sorgen. Der Erste Weltkrieg und die Vernachlässigung der sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bevölkerung durch die herrschenden Eliten ließen die Ideen der Bolschewiki auf fruchtbaren Boden fallen.
Doch Lenins Vorstellungen von einer gerechteren, sozialistischen Gesellschaft blieben auch außerhalb Russlands nicht ungehört. “Lenin erklärte, dass die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte geteilt sei – und bezog dabei ausdrücklich auch die Kolonialherrschaft mit ein”, erklärt Kalim Siddiqui von der University of Huddersfield. Für Lenin sei auch die Kolonialherrschaft eine Spielart der Ausbeutung und Unterdrückung durch den Imperialismus gewesen.
“Seine antiimperialistischen Schriften über Kolonial-Themen wurden auch in Indien damals immer populärer”, berichtet Siddiqui. Aus Zeitdokumenten gehe zudem hervor, dass Lenin damals in Briefen und Schriften die in Kolonien lebenden Menschen unterstützte und sogar Vertreter von Unabhängigkeitsbewegungen zu sich nach Moskau einlud. Nach Ansicht von Lenin hatte die Kolonialherrschaft den Ländern Asiens genauso wenig eine Modernisierung und Verbesserung der Lage gebracht wie die Zarenherrschaft dem russischen Volk.
Deutliche Parallelen
“Für diejenigen, die unter Kolonialherrschaft lebten, war die bolschewistische Revolution in Russland ein positives Vorbild in ihrem Kampf um die Unabhängigkeit”, so der Historiker. Tatsächlich gab es durchaus Parallelen zwischen den Zuständen in Russland und denen im unter britischer Herrschaft stehenden Indien. “Die britischen Machthaber waren nur daran interessiert, die Reichtümer Indiens abzuschöpfen, um damit den Kapitalismus und die Industrialisierung in Großbritannien zu unterstützen”, sagt Siddiqui.
Für das indische Volk hatte dies fatale Folgen: “Die Kolonialpolitik führte zu einem Niedergang der heimischen Wirtschaft, die aber dann nicht durch moderne Industrien ersetzt wurden”, erklärt der Historiker. “Dadurch kam es zu einer De-Industrialisierung Indiens unter der Kolonialherrschaft.” Den Menschen fehlte es nicht nur an Arbeit und Einkommen, hohe Pachtpreise für Land und der stetige Abzug von Geldern und Gütern verstärkten die Armut der Bevölkerung noch.
Ermutigendes Vorbild
Als sich das unter ähnlichen Bedingungen lebende russische Volk in der Oktoberrevolution erfolgreich gegen die herrschende Klasse erhob, war dies auch für die Unabhängigkeitsbestrebungen Indiens ein ermutigender Impuls. Die Ideen von Marx und Lenin und das erfolgreiche Vorbild dieser Revolution lieferten den Gegnern der Kolonialherrschaft nach Ansicht von Siddiqui die ideologische Inspiration, die sie für ihren Kampf um die Unabhängigkeit benötigten.





