Im Fokus des Sammelbandes stehen zumeist die großen europäischen Mittelmächte und die Triple Entente. Deren bekanntesten und auflagenstärksten Zeitungen werden vom Zeitpunkt des Attentats von Sarajevo (28. Juni 1914) bis zum Kriegsbeginn Anfang August untersucht. Die Autoren geben dabei meist der jeweiligen Hauptstadtpresse den Vorzug, und sie versuchen, eine möglichst große Bandbreite von politisch unterschiedlich ausgerichteten Presseorganen zu erforschen. Im Artikel zu England wird dagegen nur die Londoner „Times“ und für Deutschland nur die „Vossische Zeitung“ und die „Freiburger Zeitung“ analysiert. Gerade für Deutschland scheint dies nicht verständlich, da zusätzlich betont wird, dass beide Zeitungen dieselbe Leserschaft, das (Bildungs-) Bürgertum, hatten.
Inhaltlich ist es vor allem die anfängliche Gleichgültigkeit der englischen und französischen Presse gegenüber dem Vorfall in Serbien und dem sich daraus ergebenen Konfliktpotential, die überrascht. In beiden Ländern beherrschten Ende Juli andere Themen die Presse, wie z. B. die Aufstände in Irland oder der „Caillaux-Prozess“ (Prozess gegen die Frau des ehemaligen französischen Premierministers, die Gaston Calmette, den Chefredakteur des „Figaro“, erschoss). In den deutschen und österreichisch-ungarischen Zeitungen war dagegen von Vergeltung, Härte, Patriotismus und Zusammenhalt die Rede. Die russische Presse beschwor die slawische Einigkeit und stellte die „Germanen“ als Feind des Slawentums dar. Im Allgemeinen sind jedoch besonders die Abhängigkeiten der Staaten von der Presse bzw. der Presse von den Regierungen sowie die beginnenden länderübergreifenden Pressekriege und die angewandten Pressetricks zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung interessant.
Doch erst die letzten Artikel bilden das Besondere des Werkes. Hier werden zunächst die Wege des Osmanischen Reiches und der USA in den Ersten Weltkrieg skizziert. Die zeitliche Fixierung auf die „Juli-Krise“ wird dabei überschritten. Zuletzt wird die Presse der neutralen Schweiz und deren Stellungnahme zur Julikrise und zum Kriegsausbruch betrachtet. Die neutrale Stimme sorgt für Abwechslung und lässt bereits die nach Kriegsende heftig umstrittene Kriegsschuldfrage vorausahnen. So wird zwar nur auf die „Neue Zürcher Zeitung“ eingegangen, aber auch diese war in zwei „Kriegslager“ gespalten, wobei vorerst das Verständnis für die deutschsprachigen Nachbarn überwog.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Buch mit der „Juli-Krise“ zwar ein beliebtes und bereits häufig bearbeitetes Thema behandelt, dies aber aus einer neuen, oft vernachlässigten Sicht tut. Als Manko bleibt festzuhalten, dass ein Literaturverzeichnis fehlt. Dazu hätte es der Übersichtlichkeit gedient, wenn die Anmerkungen zu den jeweiligen Artikeln unterhalb der einzelnen Seiten oder zumindest hinter den jeweiligen Artikeln anstatt im Anhang der Publikation platziert worden wären.





