Seit ihrer Ankunft in Berlin 1793 genoss Luise enorme Popularität; bei Staatsbanketten wurde die schöne Mecklenburgerin mitunter so durchdringend angestarrt, dass ihr der Appetit verging. Die allerneueste „griechische Mode“ trug ihren Teil dazu bei: weit ausgeschnittene, hauchdünne Gewänder, über die schon mancher Zeitgenosse die Nase rümpfte: „Ich kann nicht begreifen, wie der König seiner koketten Frau erlauben kann, sich so anzuziehen“, schrieb etwa die Gräfin Brühl. Deutlichere Worte fand 1929 Marie von Bunsen in Erinnerung an die Wilhelminische Ära: „So hüllenlos wie Königin Luise, das hätten in meiner Zeit nur Kokotten getan.“
Luises ungekünstelte Volksnähe und ihre „Liebesheirat“ brachten ihr viel Sympathie ein, vor allem beim Bürgertum. Wie anders hatte dagegen das Leben am Hof ihres Schwiegervaters Friedrich Wilhelm II., dem „dicken Lüderjahn“, ausgesehen: „Ganz Potsdam war wie ein Bordell“, erinnerte sich der Bildhauer Schadow. Die junge Königin besaß darum von Anfang an politische Bedeutung. Luise wurde zum Inbegriff der „neuen Frau“, der guten Mutter, was sie als Mittlerin zwischen Bürgertum und Krone stärkte. Jede Frau solle ihr Bild im Zimmer haben, begeisterte sich der Dichter Novalis. Und so war es vor allem die Lebensweise, die das Königspaar zur politischen Führung legitimierte – ein solches Paar konnte kein Gegner im Kampf um Freiheit und politische Rechte sein, sondern stand für eine gemeinsame, bürgerliche Zukunft.
Vergessen wurde, dass die Langschläferin Luise zur Verschwendung neigte und der immer zögerliche Friedrich Wilhelm nur den Bürger mimte, weil ihm seine Königswürde eine Bürde war. „Sie ist keine edle Frau“, schrieb der Freiherr vom Stein, der sie oberflächlich und gefallsüchtig fand, während der spätere Generalfeldmarschall Gneisenau sie auch als Mutter „nicht achtungswürdig“ nannte: „Selbst ihr Herz war ihrem Gemahl nicht immer zugewandt“. Doch das Bild der idealen Königin sollte dies nicht trüben. Ihre Kinder dankten ihr die zwanglose Erziehung mit inniger Liebe, und während Frankreich unter den Nachwehen der Revolution zu leiden hatte, verkörperte Luise die Hoffnung auf Erneuerung der Monarchie auf nicht-revolutionärem Wege.
Luise wurde umso wichtiger, als sich nach 1806 der Wunsch nach einer moralischen Instanz immer mehr auf sie konzentrierte. Denn die Niederlage gegen Napoleon hatte viele Probleme offengelegt: die veraltete Organisation des Militärs, die geringe Bindung des Volkes an den Staat, die schwerfällige Kabinettsregierung und die Unfähigkeit des Königs. Während dieser gar die Abdankung erwog, sah man seine Gattin „einen wahrhaft königlichen Charakter entwickeln“, so Heinrich von Kleist.
Luises Hoffnung lag auf den Staatsreformern Stein und Hardenberg, die das Fundament für das moderne Preußen legten. Hardenbergs Berufung zum Staatskanzler 1810 war nicht zuletzt Luises Werk (siehe Seite 28). Zahlreiche Neuerungen wie die allgemeine Wehrpflicht und die Gewerbefreiheit, die Judenemanzipation, die Bauernbefreiung und die Städteordnung sollten die Identifikation der Bevölkerung mit dem Staat verbessern. Hatte nicht das revolutionäre Frankreich gezeigt, welche Kräfte eine von Verfassung und Zivilgesetzbuch geschützte Nation besaß – und zugleich in Preußen ein neues Gemeinschaftsgefühl im Kampf gegen die Besatzer erzeugt?





