Konstantins Geburtsjahr kennen wir nicht, über seine Kindheit und Jugend, Bildung und Ausbildung wissen wir nichts. Als sich sein Biograph, der Bischof Eusebius (um 260–um 340), nach dem Tod des Kaisers daranmachte, das Leben seines Helden zu beschreiben, hatte er zu dessen Kindheit und Jugend bereits keinerlei Informationen mehr oder zumindest keine, die in sein Bild eines christlichen Kaisers passten. So skizzierte er holzschnittartig eine Entwicklung, die er den alttestamentlichen Erzählungen über Moses nachempfand. Erst zum Jahr 305, als Konstantin mit seinem Vater Constantius Chlorus nach Britannien ging, liegen uns glaubhafte Informationen vor. Konstantins Vater war vom Unterkaiser, davon gab es zwei, gerade zum Oberkaiser, auch davon gab es zwei , aufgestiegen, als er wenig später verstarb.
Eigentlich war für diesen Fall vorgesehen, dass einer der bisherigen Unterkaiser zum Oberkaiser aufrückte, doch die Truppen riefen Konstantin zum Nachfolger seines Vaters, also zum Oberkaiser, aus; damit kontrollierte er Britannien, Gallien und die Iberische Halbinsel. Das war Usurpation, das heißt, es wäre Usurpation gewesen, wenn Konstantin gescheitert wäre. Da er aber Erfolg hatte, war es der Beginn einer phantastischen Karriere. Zwar zerstörte Konstantins Griff zur Macht die Ordnung eines filigranen Systems, doch dessen Träger hatten keine Möglichkeit, etwas gegen ihn zu unternehmen. Sie erkannten ihn zwar nur als Unterkaiser an, aber damit war das Thema Usurpation vom Tisch.
Im Jahr 307 erhielt Konstantin ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte. Einer der beiden Oberkaiser, Maximian, bot ihm seine Tochter Fausta zur Frau und gleichzeitig den Titel eines Oberkaisers an. Konstantin entließ seine bisherige Ehefrau Minervina, mit der er den Sohn Crispus hatte, und heiratete Fausta, die ihm lange Zeit eine treue Ehefrau war: Sie schenkte drei Söhnen und zwei Töchtern das Leben. Im Jahr 310 bestand sie ferner eine politische Bewährungsprobe eigener Art. Ihr Vater hatte genug von seinem Schwiegersohn und wollte ihn umbringen. Er versprach seiner Tochter einen würdigeren Ehemann als Konstantin, wenn diese das Schlafzimmer offen lasse, damit er Konstantin nachts ermorden könne. Doch Fausta verriet dies ihrem Mann, und beide legten einen Eunuchen in Konstantins Bett, da man den Mörder in flagranti erwischen wollte. Dem bösen Schwiegervater gelang es, nachts in das Schlafzimmer einzudringen, weil er den Wachen erzählte, er habe gerade eine Vision gehabt, die er Konstantin sofort mitteilen müsse. Er brachte den Eunuchen um, und bald darauf war er selbst tot; angeblich soll ihm Konstantin die Chance zum Selbstmord gelassen haben.
Zwei Dinge werden an dieser Episode deutlich: Konstantin ist über Leichen gegangen, gleich, wie viele es waren und wie nahe er ihnen stand; ferner veranschaulicht sie die Bedeutung der Visionen und Träume in jener Zeit. 310 hatte Konstantin selbst eine wichtige Vision gehabt. Die Kaiser der damaligen Zeit waren mit persönlichen Schutzgöttern verbunden, und Konstantin hatte von seinem Vater den Sonnengott als Schutzgott übernommen. Sol, die Sonne, war bei den Römern männlichen Geschlechts. Er galt vielen als höchste, ja als einzige Gottheit, die allerdings unter unterschiedlichen Namen verehrt wurde. Dieser Sonnengott zeigte sich Konstantin und verkündete ihm nichts Geringeres als die Weltherrschaft…





