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Die rätselhafte Besucherin Salomos
Laut dem Alten Testament suchte die Königin von Saba nach Weisheit und fand sie bei König Salomo. Die Überlieferung dieser legendären Begegnung bildete im Lauf der Jahrhunderte jedoch ein verzweigtes Netz aus sehr unterschiedlichen Geschichten. Die Königin wurde darin zur Hexe, zum Dämonen oder zum Sexobjekt…
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von DAVID NEUHÄUSER
Im 1. Buch der Könige wird eine außergewöhnliche Begegnung zweier Herrscher geschildert, die Künstler und Geschichtenerzähler bis zum heutigen Tag inspiriert: Die Königin von Saba stattet Salomo, dem König Israels, einen Besuch ab. An der Spitze einer Karawane nimmt sie die lange Reise nach Jerusalem auf sich, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Sie bringt dem König viele Geschenke mit – Balsamöle, kostbare Steine und Unmengen an Gold. Neben den fürstlichen Gaben hat sie allerdings noch etwas anderes im Gepäck: Rätselfragen. Der eigentliche Grund ihrer Reise ist, dass sie von Salomos legendärer Weisheit gehört hat. Ihr Ziel ist es nun, diese Weisheit auf die Probe zu stellen.
In Jerusalem findet sie alles bestätigt, was sie gehört hat. Salomo kann alle Fragen beantworten. Überwältigt, nicht nur von seiner Weisheit, sondern auch von seinem Palast, seinem Hofstaat und seiner Religiosität, preist die Königin Salomo und das Glück seines Gefolges. Der König habe alle ihre Vorstellungen bei weitem übertroffen. Zum Abschluss beschenken sich König und Königin gegenseitig. Damit trennen sich ihre Wege wieder. Die Königin von Saba kehrt zurück in ihr Reich.
Der Reichtum ihres Königreichs gründet auf dem Handel mit Weihrauch
Ob die Geschichte dieser Begegnung einen historischen Kern hat – und wenn ja, welchen – ist eine Frage, die bislang nicht beantwortet werden konnte. Schon die Historizität der Akteure, wie sie das Alte Testament schildert, ist nicht gesichert. Saba – das Reich der Sabäer – gab es mit Sicherheit; das belegen archäologische Funde. Gegründet wurde es zwischen dem 10. und 8. Jahrhundert v. Chr. im nordwestlichen Jemen. Hauptstadt war zu Beginn womöglich Sirwah. Die schriftlichen Quellen, die einen Blick auf das sabäische Reich seit der Regierungszeit Karib’il I. erlauben, nennen allerdings bereits die Oasenstadt Ma’rib als politisches und wirtschaftliches Zentrum. Schon früh wurde dort ein Staudamm errichtet, der das Land fruchtbar machte und dafür sorgte, dass die Landwirtschaft das Reich ernähren konnte.
Reich wurde Saba mit dem See- und Fernhandel. Die Sabäer befuhren die ostafrikanische Küste und brachten ihre Waren bis in die Mittelmeerregion. Ihr begehrtestes Gut war Weihrauch. Weit jenseits ihrer Heimat waren die Sabäer also als Händler bekannt. Und so kommt es, dass die erste schriftliche Erwähnung Sabas, verfasst im 8. Jahrhundert v. Chr. in Haditha (im heutigen Irak), den Überfall auf eine sabäische Karawane durch den Statthalter von Suchu und Mari zum Inhalt hat.
Sabäische Könige erscheinen auf neuassyrischen Tributlisten. 715 v. Chr. ist von Itamra von Saba zu lesen, und 685 v. Chr. von Karibilu. Im Abgleich mit sabäischen Quellen liegt nahe, dass es sich bei Itamra um Yitha’amar Watar I. handelt, und bei Karibilu um Karib’il Watar I.
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Unter diesen beiden Königen vollzog sich der Aufstieg Sabas durch Siege über Qataban, Kaminahu, Naschq, Naschan und Ausan. Zu dieser Zeit etablierte sich die vollständige Kontrolle des sabäischen Reiches über den Weihrauchhandel. Der Arm der Könige Sabas reichte weit. Im heutigen Eritrea und in Äthiopien wurden Kolonien gegründet.
In Ma’rib wurde der bereits bestehende Staudamm durch ein noch ambitionierteres Projekt ersetzt. Neue Landstriche wurden urbar gemacht. Das Reich blühte auf. Und weitere Nachbarn wurden unterworfen. Zwar kam es im 5. und 4. Jahrhundert auch zu Rückschlägen, als Vasallen sich erhoben und Saba vorübergehend die Kontrolle über den Weihrauchhandel entglitt. Dennoch war ein Niedergang des Reiches nicht in Sicht. Der Reichtum Sabas hatte Bestand und weckte sogar Begehrlichkeiten im fernen Rom, wo Kaiser Augustus (31 v. Chr.–14 n. Chr.) ein Auge auf den Seeweg nach Indien geworfen hatte. Unter Führung des Feldherrn Aelius Gallus setzte Rom zu einer Unterwerfung Sabas an, musste das Unternehmen aber wegen fehlender Landeskenntnisse abbrechen.
Die historische Identität der Herrscherin bleibt weitgehend im Dunkeln
Die Jahrhunderte sabäischer Herrschaft sind reich an Geschichten von Eroberungen und großem Reichtum, aber keine von ihnen handelt von einer Königin. So ist es zumindest vorstellbar, dass der Ursprung der biblischen Geschichte anderswo zu finden ist – in der kanaanäischen, chaldäischen oder sumerischen Mythologie etwa, oder aber in Berichten über arabische Königinnen, wie etwa Zabibe, die zu den Vasallen des assyrischen Königs Tiglat-Pileser III. (745 –727 v. Chr.) zählte. In der Bibel hätten sich diese Erzählungen dann mit der zunehmenden Idealisierung Salomos vereint – und eine beachtliche Ausstrahlungskraft entwickelt, denn das Treffen zwischen Salomo und der Königin von Saba sollte in drei Religionen zu einem wichtigen Bezugspunkt werden.
Der jüdische Historiker Flavius Josephus (37/38 –um 100) schildert die Begegnung im achten Buch seiner „Jüdischen Altertümer“, schmückt sie dabei etwas aus, fügt aber keine wesentlichen neuen Elemente hinzu. Dafür bekommt die bis dahin anonyme Königin bei ihm einen Namen: Sie heißt nun – mit Bezug auf den griechischen Historiker Herodot – Nikaule und beherrscht Ägypten und Äthiopien.
Im Alten Testament wie auch bei Josephus steht die Idealisierung Salomos im Vordergrund; die Königin von Saba nimmt im Verhältnis zu Salomo aber keinesfalls eine deutlich untergeordnete Rolle ein. Als Rätselstellerin ist sie diejenige, die über Salomos Antworten richtet. Ihr Urteil offenbart auch ihre eigene Weisheit, und die prächtigen Geschenke unterstreichen ihre Herrschertugenden. Diese Sichtweise ist auch der Hintergrund ihrer Erwähnung im Neuen Testament: In Lukas 11,31 und Matthäus 12,42 kündigt Jesus an, die Königin, die einst vom anderen Ende der Welt zum weisen Salomo gekommen sei, werde eines Tages über seine eigenen zweifelnden Zeitgenossen zu Gericht sitzen.
Diese Darstellung erhält sich bis in die Neuzeit, bleibt aber nicht ohne Gegenentwürfe. So stellt das sogenannte „Testament Salomos“, eine Schrift, die als erste christliche Dämonologie gilt, die Königin von Saba als Hexe dar, die Salomo hochmütig herausfordert und von ihm in die Schranken gewiesen wird. Wie die Dämonen, die Salomo sich untertan gemacht hat, muss er sie seiner Macht unterwerfen, bevor sich ihre Rolle wiederum ins Positive wandeln kann: Sie stellt ihren sagenumwobenen Reichtum zur Verfügung, um den Bau des Tempels zu finanzieren. Sicherlich war es kein Zufall, dass zur Zeit der Entstehung des Textes die Tugendhaftigkeit der Kaiserinmutter Helena (248/250–330) gelobt wurde, deren großzügige Spende dem Bau der Grabeskirche in Jerusalem zugute kam.
Schrittweise wird die Herrscherin dämonisiert
Im Lauf der Überlieferung wurde der Aspekt der Unterwerfung immer wichtiger. In der Koransure 27 versammelt Salomo (bzw. Süleyman) seine Heerscharen aus Dschinnen (Geistwesen), Vögeln und Menschen. Wer nicht auftaucht, ist der Wiedehopf, dem für dieses Versäumnis die Todesstrafe droht. Als er schließlich eintrifft, kann er Salomo beschwichtigen, denn er erzählt ihm von der Königin von Saba – einer Herrscherin, die nicht den einzig wahren Gott, sondern die Sonne anbete. Salomo schreibt ihr nun einen Brief, indem er sie auffordert, sich zum wahren Glauben zu bekehren und an seinen Hof zu kommen. Die Königin von Saba versucht, den König mit Geschenken zu beschwichtigen, doch Salomo schickt die Geschenke zurück und droht ihr: Er werde Heerscharen schicken, um sie zu erniedrigen und sie aus ihrer Stadt zu verjagen. Daraufhin lenkt die Königin ein.
Während sie nach Jerusalem reist, ist Salomo nicht untätig: Von den Dschinnen lässt er den Thron der Königin aus Saba holen und in seinen Palast bringen. Außerdem wird ein Palast mit Glas ausgelegt. Bei der Ankunft der Königin wird ihr nun der Thron vorgeführt, den sie in ihrer fernen Heimat wähnt. Außerdem muss sie über das Glas gehen, das sie für Wasser hält; sie lüftet deshalb ihr Kleid und muss kurz darauf feststellen, dass sie getäuscht wurde. Beschämt und verunsichert gibt sie ihren Widerstand auf und ist bekehrt.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem jüdischen „Targum Scheni“ – wie die Koransure im 7./8. Jahrhundert entstanden. Hier ist es nicht der Wiedehopf, sondern der Auerhahn, der Salomo von der Königin berichtet. Salomo sendet daraufhin ein Vogelheer gegen Saba aus, das die Sonne verdunkelt und auf diese Weise die Unterlegenheit des Sonnengottes demonstriert. Der Auerhahn übergibt der entsetzten Königin den Brief Salomos, in dem dieser mit Krieg und Vernichtung droht. So zur Reise gezwungen, reist die Königin nach Jerusalem, wo sie erst dadurch verunsichert wird, dass Salomo ihr einen seiner Gefolgsleute entgegenschickt, den sie für Salomo hält. Anschließend folgt auch hier die Szene mit dem gläsernen Boden, den die irritierte Sabäerin für Wasser hält. Ihre behaarten Beine werden sichtbar, über die sich Salomo abfällig äußert. Trotz dieser Demütigung bleibt die Königin standhaft. Erst nachdem sie ihre Rätselfragen gestellt und Salomo sie zufriedenstellend beantwortet hat, nimmt sie seinen Glauben an.
Zum ersten Mal wird nun auch beschrieben, welche Rätsel die Königin stellt. Es sind keine tiefgreifenden philosophischen Fragen, sondern einfache Knobelaufgaben. In jüdischer, christlicher und islamischer Überlieferung erweitert sich der Fragenkatalog im Lauf der folgenden Jahrhunderte immer weiter.
Verführerin Salomos und Objekt sexueller Begierde
Die vollständige Dämonisierung der Königin erfolgt dann im 11. Jahrhundert in einem Text der rabbinischen Tradition, dem „Alphabet des Ben Sira“. Schon „Salomos Testament“ hatte aus ihr eine Hexe gemacht. Ihre behaarten Beine, die im „Targum Scheni“ geschildert werden, waren ein erster Schritt hin zu dämonischen Esels- oder Gänsefüßen. Das „Alphabet des Ben Sira“ führt diese Interpretation fort. Geschildert wird die Geschichte im Kontext einer Unterhaltung zwischen Ben Sira und König Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.). Ben Sira sagt dem König auf den Kopf zu, Nebukadnezar sei der Sohn von Salomo und der Königin von Saba. Nachdem Salomo die behaarten Beine der Königin gesehen habe, sei ihr ein Mittel zur Enthaarung gegeben worden, damit sie den Ansprüchen des Königs entsprochen habe. So zufriedengestellt, habe Salomo Sex mit ihr gehabt. Das Resultat der Verbindung sei Nebukadnezar.
Die Königin ist nun also keine nach Weisheit suchende Herrscherin mehr, die dank ihrer eigenen Qualitäten Salomos Weisheit beurteilen kann, sondern sie ist zum Objekt seiner Begierden geworden. Ihre überlieferte Lobpreisung, seine Fähigkeiten überträfen alles, was sie über ihn gehört habe, beziehen sich jetzt nicht mehr auf seine Weisheit, sondern auf seine Qualitäten als Liebhaber. Sie wird jetzt als Verführerin dargestellt. Und ihr Sohn Nebukadnezar ist es, der Salomos Reich vernichtet.
Dieser Aspekt wird in einem Teil der Überlieferung fortgeführt, bis aus der Königin von Saba Lilith geworden ist, der weibliche Dämon, der in der Wüste lauert – eine Geschichte, die wiederum auf den über 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos zurückgeht.
Ein Mythos, der Kulturen und Zeiten überspannt
Im Islam entstehen zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert zahlreiche arabische, türkische und persische Geschichten, die dem Treffen zwischen Salomo und der Königin von Saba eine Vor- und Nachgeschichte hinzudichten. Die Königin bekommt darin neue Namen: Bilqis, Balqis, Balqama oder Balmaqa. Ihr Großvater erscheint als König der Dschinne; ihre Mutter heiratet einen Menschenkönig, der vom Dschinnenkönig dafür das Land zwischen Hormuz bis Aden als Mitgift erhält. Nach dem Tod des Königs erbt Bilqis aber nicht den Thron, sondern wird von einem Usurpator entmachtet. Indem sie diesem Liebe vorgaukelt und seine Frau wird, gelangt sie wieder in den Palast. Sie tötet ihren Gatten und wird so selbst Königin von Saba.
Es folgt das Treffen mit Salomo, wobei es nun, im Gegensatz zum Koran, die Dämonen sind, die den gläsernen Palast ohne Salomos Wissen errichten. Sie wollen, dass Salomo die behaarten Beine der Königin zu sehen bekommt, damit seine Begierde erlischt. Sie fürchten sich vor möglichem Nachwuchs aus einer Verbindung der beiden Herrscher, denn ein Nachfolger Salomos werde sie weiter als Sklaven halten, so wie Salomo dies bereits tut. Das Enthaarungsmittel durchkreuzt die Pläne der Dämonen jedoch. Salomo und die Königin heiraten. Die Königin geht ein in den Harem Salomos.
In der Version des persischen Historikers und Gelehrten at-Tabari (839–923) will Salomo die Königin jedoch gar nicht heiraten, sondern sie mit einem seiner Vasallen vermählen. Die Königin weigert sich, doch Salomo erklärt ihr, dass der einzig wahre Gott es so verlangt. Sie fügt sich schließlich, heiratet und tritt ihre Herrschaft an ihren Gemahl ab. Weite Verbreitung findet allerdings auch die Version, nach der die Königin in ihr Reich Saba zurückkehrt und Salomo regelmäßig als Geliebte wiedertrifft – in Jerusalem, Palmyra und Ma’rib – und zwar drei Tage pro Monat.
In Geschichten aus der christlichen Überlieferung, die zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert entstehen, bekommt die Königin von Saba eine weitere Rolle: die als Prophetin. In der „Legenda Aurea“, der Traktatsammlung des Jacobus de Voragine (1228/29–1298), kommt die Königin von Saba auf ihrer Reise zu Salomo an einem hölzernen Steg vorbei, der über ein Gewässer führt. Da erkennt sie, dass das Holz des Steges eines Tages dafür genutzt werden wird, den Heiland zu kreuzigen. Sie geht deshalb nicht über den Steg, sondern betet das Holz an. Mit dieser Geschichte wird eine christliche Interpretation unterstrichen, der zufolge die Königin von Saba zu den Sibyllen, den Seherinnen der Antike, gehört.
Eine weitere Wendung erhält die Geschichte der Königin schließlich im „Kebra Negast“, dem äthiopischen Nationalepos – niedergeschrieben im 14. Jahrhundert. In dieser Chronologie des äthiopischen Königshauses bildet die Geschichte der Königin von Saba, die hier Makeda heißt, das Herzstück. Salomo bringt Makeda mit einer List dazu, Sex mit ihm zu haben. Als sie ihn verlässt und nach Saba zurückkehrt, träumt er von einer strahlenden Sonne, die den Himmel über Israel verlässt und gen Saba davonzieht. Dieses Vorzeichen deutet auf den Verlust der Bundeslade hin, die der gemeinsame Sohn Salomos und Makedas namens Menelik schließlich ins Reich seiner Mutter holt, um dort die Dynastie Salomos fortzusetzen. Noch Haile Selassie, der letzte Kaiser Äthiopiens, der 1974 zur Abdankung gezwungen wurde, führte seine Herrschaft auf die Königin zurück. Er bezeichnete sich als ihren 225. Nachfolger. Ob es die Königin von Saba wirklich gab oder nicht – ihr Einfluss war beträchtlich und überdauerte Jahrtausende.
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