Am 17. August 1477 feierten die Herzogin Maria von Burgund und der Erzherzog Maximilian von Österreich ihre Hochzeit in Gent. Ein glückliches Ehepaar. Nie hätte er Ruhe und Freude gefunden, er sei denn bei seiner Frau gewesen, klagte Maximilian, als Maria 1482 tödlich verunglückte. Und Maria gefiel der kräftige Mann, mit dem sie sich gut verstand. Diese Liebesheirat war das Ergebnis eines politischen Kalküls.
Lange Zeit hatte Karl der Kühne gebraucht, um die Lösung dieses Problems zu finden. Maria war sein einziges Kind. Sie galt als „die reichste Erbin der Christenheit“. Ein solcher Trumpf durfte nicht leichtfertig ausgespielt werden. Viele Möglichkeiten waren ins Auge gefasst worden, so der Kronprinz von Aragón und der Herzog von Guyenne, der Bruder des französischen Königs Ludwig XI. Auch an den Herzog von Lothringen hatte man gedacht. So schlug Karl das Anerbieten Friedrichs III. 1463 denn auch zunächst aus, dessen zehnjährigen Sohn Maximilian mit Maria zu verheiraten. Auch der Vorschlag Erzherzog Siegmunds von Tirol, Karl zum König zu krönen, wenn er Marias Hand Maximilian gebe, fand kein Gehör; dazu war Friedrich III. damals nicht bereit.
An der Königswürde hing Karl so sehr, dass er 1473 selbst die Initiative ergriff. Seinen Verhandlungspartner ließ er wissen, allein sein niederländicher Besitz brächte dreimal so viel ein wie die österreichischen Erblande. Eine solche Partie schien es dem Kaiser wert, eine Krone zu finden, und so trafen sich Karl und Friedrich in Trier. Der Inhalt ihres Abkommens lässt sich nicht eruieren. Sollte Karl römischer König, König von Burgund oder gar von Friesland werden? Verkündet wurde nichts, denn der Kaiser verließ Trier überstürzt. Damit war der dritte Versuch, Maria mit Maximilian zu vermählen, gescheitert.
Karl, dem „Großherzog des Abendlands“, glitt das Glück aus der Hand. Das Oberelsass, das ihm Siegmund von Tirol verpfändet hatte, entrissen ihm die mit Österreich und den elsässischen Städten verbündeten Schweizer 1474. Als Ersatz für die Landbrücke zwischen seinen südlichen und nördlichen Besitzungen eroberte er Lothringen, sah sich aber gezwungen, mit der Schweiz abzurechnen, was ihm zum Verhängnis wurde (siehe Seite 22). Zwar nahm er die Verhandlungen mit Friedrich III. wieder auf, und ihr positiver Abschluss war vorgesehen. Doch am 5. Januar 1477 fiel Karl in der Nähe von Nancy.
Die Lage seiner 19-jährigen Tochter war dramatisch. Der französische König war entschlossen, sich für die Verluste zu revanchieren, die ihm Karl bereitet hatte. Marias Stellung war aber nicht nur von außen bedroht. Die Vereinheitlichung, welche die burgundischen Herzöge in den Niederlanden unternommen hatten, ertrugen die auf ihre eigenen Gesetze und Bräuche stolzen Städte und Herrschaften nur widerwillig (siehe Seite 30). Die Stunde, ihre Autonomie zurückzugewinnen, schien geschlagen zu haben. Sofort schaffte man den zentralen Gerichtshof von Mecheln ab und zwang der Herzogin das „Große Privileg“ auf, das die einstigen Landrechte restaurierte. Um Marias Willen zu brechen, wurden die engsten Berater ihres Vaters des Hochverrats bezichtigt und hingerichtet. In ihrer Not brauchte die „reichste Erbin“ einen Retter. Sie wandte sich an Maximi‧lian, der unverzüglich reagierte. Auch die Generalstaaten billigten diese Entscheidung. Am 27. April wurde die Ehe per procuratorem (in Abwesenheit des Bräutigams durch einen Stellvertreter) geschlossen. Als Maximi‧lian einritt, wurde er umjubelt, die Umstände rückten die am 17. August gefeierte Hochzeit aber in ein trübes Licht. Die Freudenschreie klangen wie Hilferufe.





