Einen Gegenentwurf zu dieser fast schon mythischen Tradition amerikanischer Geschichtsschreibung erarbeiten dieser Tage der Amerikanist Dr. Volker Depkat (Regensburg) und der Historiker Prof. Dr. Johannes Burkhardt (Augsburg) in enger Abstimmung mit dem amerikanischen Politologen Prof. Dr. Alan Houston (San Diego). In ihren jüngsten Nachforschungen zur transatlantischen Geschichte der frühen Neuzeit betonen die Wissenschaftler, dass der moderne Bundesstaat keinesfalls ein hausgemachtes amerikanisches Produkt ist, sondern das Ergebnis einer Verfassungsdiskussion, die auf beiden Seiten des Atlantiks und dann im Austausch der Ideen auch über den großen Ozean hinweg geführt wurde.
Insbesondere die Analyse der Schriften von Benjamin Franklin, Alexander Hamilton, Thomas Jefferson oder James Madison zeigt, in welch erstaunlichem Umfang die founding fathers der USA nicht nur die politische Konstitution der Schweizer Eid-genossenschaft und der Vereinigten Niederlande studierten und gründlich ausloteten, sondern auch das Wesen der föderativen deutschen Reichsverfassung. Offenbar kamen sie beim Verfertigen ihrer eigenen Bundesstaatsarchitektur nicht ohne Verweis auf diese europäischen politischen Referenzsysteme aus.
Das frühneuzeitliche deutsche Reich, das sie als Germanic Confederation oder auch als Confederate Republic of Germany bezeichneten, hatte es den nach Europa blickenden amerikanischen Föderalisten dabei in besonderer Weise angetan. Und das nicht erst seit der amerikanischen Revolution. Schon Ende des 17. Jahrhunderts verwiesen amerikanische Politiker oder politische Philosophen, die sich einen engeren Zusammenschluss der doch häufig miteinander zerstrittenen englischen Kolonien Nordamerikas wünschten, auf die föderativen Züge der Reichsverfassung.
William Penn, der Gründer Pennsylvanias, hob zu Beginn der 1690er Jahre hervor, dass die Existenz des Reichs – das er 1677 bereist hatte – deutlich zeige, auf welche Weise mehrere weitgehend souveräne Gemeinwesen, „a Number of Soveraignties“, wie Bayern, Württemberg oder Anhalt-Dessau in einem „Empire“ vereint sein konnten, ohne ihre Eigenständigkeit aufgeben zu müssen. Dieses Begründungsmuster machte sich im Jahr 1698 auch der Ökonom Charles D’Avenant zu eigen, als er die Einberufung eines nordamerikanischen Parlaments for-derte und die Kolonien, die dadurch auf neue Weise miteinander verbunden sein würden, mit den verschiedenen „states of Germany“ verglich.
Auch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts blieb in Amerika das Interesse an der Reichsverfassung lebendig. 1739, kurz vor Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740 –1748), der ja auch in Nordamerika ausgetragen wurde, regte der Kolonialbeamte Martin Bladen einen Zusammenschluss der Kolonien zum gegenseitigen Schutz gegen französische Übergriffe an. Ein solches föderatives System, so Bladen, funktioniere aber nur dann, wenn man einen gesamtamerikanischen Kongress etabliere, der „analogous to the Publick Diets of the German Empire“ aufgebaut sei, also in genauer Entsprechung zum deutschen Reichstag in Regensburg.





