Als die Vandalen im Mai 429 in das römische Nordafrika übersetzten, waren sie ihrem einstigen Leben als Ackerbauern und Viehzüchter längst entwöhnt. Pferd und Wagen, Kampf, Plünderung, Sieg und Niederlage bestimmten den Alltag. Wie viele andere germanische Gruppen im ostmitteleuropäischen Barbaricum waren die Vandalen (= die Beweglichen, die Raschen) einem Prozess der „Verreiterung“ anheimgefallen. In Nordafrika trafen die Vandalen auf eine von rund zwei Millionen Provinzialrömern getragene Zivilisation, die geprägt war durch eine arbeitsteilige, hochgradig organisierte Gesellschaft, durch Stadtkultur mit allem erdenklichen Luxus, durch wirtschaftliche Produktivität auf vielen Sektoren, durch Fernhandel und Weltoffenheit. Auf diese auch nach zwei Jahrzehnten Aufenthalt im römischen Spanien immer noch weitgehend fremde Welt musste sich der barbarische Kriegerverband einstellen.
An der Spitze der landnehmenden Vandalen standen der König, seine Familie und ein zahlenmäßig zunächst kaum ins Gewicht fallender Geburtsadel, der zunehmend von einem mit staatlichen Funktionen betrauten Hofadel ersetzt wurde bzw. in ihm aufging. Es folgte eine Kriegerschicht zu Pferd, die ihren Unterhalt aus dem bestritt, was die ihnen zugewiesenen Landlose in der fruchtbarsten Region Nordafrikas im heutigen nördlichen Tunesien, die sortes Vandalorum, an Erträgen abwarfen. An die Seite von Aristokratie und Kriegerschicht trat gleichberechtigt der Klerus der homöischen Kirche, dem Geiserich umfangreichen Landbesitz zugewiesen hatte.
Die soziale Schichtung der provinzialrömi-schen Bevölkerung blieb unter der Herrschaft der Vandalen weitgehend erhalten. Deren traditionelle Führungsschicht, aristokratische Großgrundbesitzer mit umfangreichen Latifundien und großen Residenzen in den Städten, war allerdings zahlenmäßig erheblich durch Enteignungen und Vertreibungen geschwächt und erholte sich erst langsam in der Endphase der Vandalenherrschaft. Die Träger der städtischen Selbstverwaltung hingegen waren und blieben unverzichtbar, übten sie doch traditionell ihre Amtstätigkeit ohne Entgelt aus, so wie es den Grundsätzen der römischen Honoratiorenverwaltung entsprach. Deren wirtschaftliche Grundlage beruhte einerseits auf Landbesitz, andererseits – und dies wohl zunehmend – auf geschäftlicher Tätigkeit, besonders auf dem Fernhandel. Einer unteren Mittelschicht würde man die Träger des Binnenhandels und der produzierenden Gewerbe zuordnen.
In den untersten Bereich der sozialen Skala schließlich gehörten einfache Bauern, Landarbeiter und Sklaven. Wie in der römischen Zeit Nordafrikas lagen Bodenbearbeitung und die Ernte der Feld- und Baumfrüchte überwiegend in den Händen von Pächtern, den coloni, die sich in ganz unterschiedlichen persönlichen Rechtsverhältnissen befanden. Am System der Bodenpacht, wie sie sich bereits im 2. Jahrhundert ausgebildet hatte, hat sich in der Vandalenzeit nichts Wesentliches geändert.





