Dazu gehören etwa die von Adorno koordinierten sozialpsychologischen Studien zum autoritären Charakter, die von Leo Löwenthal und Norbert Guterman durchgeführten Untersuchungen über die antisemitische Agitation in den USA in den 1940er Jahren oder die von Paul W. Massing vorgelegte geschichtswissenschaftliche Abhandlung über die Entstehung des politischen Antisemitismus im deutschen Kaiserreich. Darüber hinaus richtet sich das neue Interesse vor allem auf die Frühgeschichte des Instituts für Sozialforschung. Weniger Beachtung hatte bisher die Entwicklung der Frankfurter Schule nach dem Tod von Theodor W. Adorno gefunden.
Dieser Geschichte hat sich nun der Historiker Jörg Später gewidmet. Nach einem kurzen Blick auf die Entstehung des Instituts für Sozialforschung schildert der Autor Adornos Rückkehr aus dem Exil nach Frankfurt am Main und betont die Bedeutung von dessen Reden und Vorträgen für die westdeutsche Öffentlichkeit. Sodann beschreibt er die von geschichtsblindem Aktivismus und selbstverschuldeter Verblendung gezeichnete studentische Agitation am Institut im Wintersemester 1968/69, die sich auch gegen Adorno richtete, der dann im August 1969 starb.
Und damit tritt Später in seinen Hauptteil ein: die Entwicklung des Instituts von den 1970er bis zu den 1990er Jahren. Dabei folgte er den Wegen des weiterhin am Frankfurter Institut lehrenden Alfred Schmidt, dem Wechsel von Jürgen Habermas nach Bayern, ferner der Entwicklung der Lüneburger und Hannoveraner „Nester der Kritischen Theorie“ von Hermann Schweppenhäuser und Oskar Negt. Auch bezieht Später den philosophierenden „Eremiten“ Karl Heinz Haag oder den Ausgestoßenen Herbert Schnädelbach ebenso ein wie die feministischen Varianten, für die Elisabeth Lenk und Helge Pross stehen. Am Ende dieser Geschichte steht der Historikerstreit, der nicht von Historikern ausging, sondern von Jürgen Habermas. Mit ihm wurde Adornos „Nie wieder“ zur Grundlage einer neuen Erinnerungspolitik in Deutschland.
Paradoxerweise ist aber keiner der unmittelbaren Erben Adornos, wie Später betont, auf die umfassenden Studien des Instituts zum Antisemitismus aus der Zeit des Exils oder auf die Rolle von Adorno als öffentlichem Philosophen im Kampf gegen den aktuellen Antisemitismus eingegangen. Erst ein Schüler der dritten Generation, Detlev Claussen, hat dieses Thema mit seiner Studie zur gesellschaftlichen Geschichte des modernen Antisemitismus aufgegriffen.
Der Autor hat die philosophischen Kontroversen und intellektuellen Konflikte unter Adornos Erben präzise rekonstruiert; darauf, dass die Geschichtswissenschaften in der Frankfurter Schule eher geringe Reputation genossen hatten, ist der Historiker Später indes nicht eingegangen. Die Geschichte, die Später aus der alten Bundesrepublik erzählt, macht deutlich, dass wir heute, am Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts, in einem neuen turbulenten Zeitalter leben. Das Bedürfnis nach einer Kritischen Theorie der Gegenwart ist umso dringlicher.





