…Doch auch wenn fremde Vorbilder übernommen wurden – es dauerte nicht lang, dann gelang es, auch diesen den eigenen Atem einzuhauchen. Gut erkennbar ist das an Bronzefiguren, die zusammen mit gallorömischen Statuetten bereits im 19. Jahrhundert in einem Hortfund bei Neuvy-en-Sullias (Loire) entdeckt wurden (siehe Abbildung). Ohne Rücksicht auf griechische Idealmaße scheint die „Große Tänzerin“ der Realität entrückt graziös über den Boden zu schweben. Hier hatte der keltische Formwille auch in der Plastik seinen schöpferischen Ausdruck gefunden… Ihren letzten Höhepunkt verdankt die keltische Kunst zweifellos der Abgeschiedenheit irischer Klöster. Hier entstanden Buchmalereien mit keltischen Motiven, die eher von Engeln als von Menschen geschaffen schienen (siehe dazu DAMALS 5–2002). Aber auch auf den gleichzeitig entstandenen Bronzearbeiten kommen der Hang zu Tüfteleien und die einmalige Virtuosität im Umgang mit dem Ornament vortrefflich zum Ausdruck. Die keltische Kunst hatte ihre letzte und höchste Stufe erreicht.
Seit sich die keltische Kultur in die mediterranen Hochkulturen einzugliedern begann, bewegte sie sich jahrhundertelang über enorme geographische Distanzen hinweg gleichmäßig in die gleiche Richtung. Zeugt dies nicht von einer sehr einheitlichen Denkweise der Träger dieser Kultur? Die heutige Forschung steht dem Gedanken, es handele sich bei den Kelten um eine eigene Ethnie, sehr skeptisch gegenüber. Aber zeugt nicht gerade die Kunst von einem frühen und dann sehr nachhaltig wirksamen Gemeinschaftsverständnis? …
Literatur: Bernhard Maier, Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 2003. Felix Müller/Geneviève Lüscher, Die Kelten in der Schweiz. Stuttgart 2004. Sabine Rieckhoff/Jörg Biel, Die Kelten in Deutschland. Stuttgart 2001.
Kunst der Kelten Historisches Museum Bern 18. Juni bis 18. Oktober 2009
Zum ersten Mal widmet sich eine Ausstellung der Kunst der Kelten von ihren Anfängen in Mitteleuropa bis zu ihrem Ausklang in Irland um 700 n. Chr. Im neuen Erweiterungsbau des Historischen Museums Bern zeigt die Ausstellung auf über 1200 Quadratmetern eine Auswahl von rund 450 Kunstschätzen aus ganz Europa. Prachtvoller Schmuck und reichverzierte Gebrauchsgegenstände aus Bronze, Eisen, Silber und Gold, kostbare Grabbeigaben und kultische Objekte mit komplizierten Mustern oder Darstellungen von Fabelwesen zeugen vom meisterlichen Kunstschaffen der Kelten. Modernste Ausstellungstechnik macht den Aufbau der oft rätselhaften Ornamentik verständlich.
Zum ersten Mal werden kürzlich entdeckte spektakuläre Funde aus Frankreich öffentlich gezeigt. Als besonderer Glanzpunkt ist zudem erstmals außerhalb Deutschlands der Grabschatz des Keltenfürsten von Hochdorf zu sehen, eine Leihgabe des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, das Kooperationspartner dieser Ausstellung ist. Und im Museumspark demonstriert eine Keltenschmiede die historischen Arbeitsvorgänge.





