Da es keine persischen Quellen zum Krieg gegen die Griechen gibt, sind wir ganz auf griechische Überlieferungen angewiesen. Herodot, der wichtigste Gewährsmann, schreibt sich immerhin Objektivität auf die Fahnen: Er wolle Zeugnis ablegen über die „staunenswerten Leistungen, die Hellenen und Barbaren gleichermaßen…
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Wenn es je einen Krieg gegeben hat, der aus der Sicht der Sieger beschrieben wurde, dann waren es die Abwehrkämpfe griechischer Stadtstaaten gegen die persische Invasion von 499 bis 479 v. Chr. Ohne griechische Quellen wüssten wir gar nicht, dass dieser Krieg stattgefunden hat. Kein einziges persisches Dokument verliert auch nur ein Wort darüber. Keine Tonscherbe, kein Bilddokument verweist auf den Einsatz persischer Flotten und Heere in Griechenland.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Feldzüge aus persischer Sicht weitgehend erfolglos blieben und mit schweren Niederlagen endeten. Warum sollte man militärische Rückschläge im fernen Westen an die große Glocke hängen, wenn deren Geläut die persische Autorität anderswo untergraben und Untertanen zu Aufständen animieren würde.
Doch was ebenso eine Rolle spielte: Die persische Reichsideologie hatte keinen Platz für triumphale Feldzugsberichte; nicht der Verlauf der Kriege, sondern ihr Ergebnis, eine friedlich-geordnete Welt unter persischer Führung, bildete das Selbstverständnis der Supermacht, und wo es Rückschläge gab, blieben sie unerwähnt.
Anders die griechische Welt: Schon die Epen Homers handeln von Kriegen und heroischen Kämpfen, und auch die Lyrik der Folgezeit spielt vielfach in einem militärischen Ambiente. Die Perserkriege setzten diese Tradition fort, und noch mehr als das: Sie bewirkten eine zweite Revolution der griechischen Literatur.
Dichter greifen die kriegerischen Ereignisse als Erste auf
Eingeleitet wurde sie von Dichtern, die anlässlich der Sieges- und Totenfeiern in den Heldentaten der Perserkämpfer ein neues Thema fanden, das mit dem Krieg um Troja wetteifern und an ihn anknüpfen konnte.
Von Simonides von Keos (557/56 – 468/67 v. Chr.) stammt das berühmte Epigramm, das die 300 bei den Thermopylen gefallenen Spartaner des Leonidas sprechen lässt: „Wanderer, kommst Du nach Sparta, verkündige dort, du habest / uns hier liegen gesehen, wie ihr Gebot es befahl“.
Er verfasste darüber hinaus längere „Klagegedichte“ (Elegien) auf die großen Schlachten. Dabei werden die Kämpfer – etwa in einer Passage über die Platää-Schlacht – konsequent in die Tradition der Helden des Trojanischen Krieges eingebunden: Ein erster Hinweis darauf, in welchem Maß der Perserkrieg zum neuen Gründungsmythos hellenischer Sieghaftigkeit wurde, der Vergangenheit und Gegenwart in einem heroischen Glorienschein miteinander verband.
Doch dabei blieb es nicht. Viele fragten sich, wie es eigentlich dazu kam, dass man der Supermacht der antiken Welt so erfolgreich Widerstand leisten konnte. Dieses Interesse bewegte eine zweite Literaturgattung, die in der Zeit der Perserkriege ihre erste Blüte erlebte: die Tragödie.
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Sie geht auf einen Chorgesang zu Ehren des Dionysos zurück, dem im 6. Jahrhundert v. Chr. ein Solist als Dialogpartner hinzugefügt wurde. Das bildete die Keimzelle des dramatischen Zusammenspiels von Schauspielern auf einer Bühne und dem Chor auf einem kreisförmigen Platz davor.
Die erste Tragödie wurde 534 v. Chr. in Athen beim Fest der „Großen Dionysien“ aufgeführt, und das waren fortan auch der Ort und die einzige Gelegenheit, für die Tragödien verfasst wurden. Als Stoffe wählten die Dichter Ereignisse mit Handlungsverläufen, die einen Protagonisten vor schwierige Entscheidungen stellten und ihn mit deren Konsequenzen konfrontieren. Meist spielen die Geschichten in der mythischen Vergangenheit. Doch mit den Perserkriegen wird erstmals ein zeitgenössisches Ereignis behandelt. Das zeigt, wie groß der Erklärungs- und Verarbeitungsdruck war.
So brachte Phrynichos im Jahr 493/92 die (nicht erhaltene) Tragödie „Der Fall von Milet“, das dramatische Ende des sogenannten Ionischen Aufstandes, auf die Bühne. Das Stück soll die Zuschauer so erschüttert haben, dass sie in Tränen ausbrachen, woraufhin der Dichter zu einer hohen Geldbuße verurteilt und eine Wiederaufführung verboten wurde.
16 Jahre später war er mit der Tragödie „Die Phönissen“ erfolgreicher. Gemeint sind die Frauen der mit den Persern verbündeten Phöniker. Das Stück thematisierte somit die Niederlage des Xerxes bei Salamis aus der Sicht der Verlierer, das Geschehen spielt am Perserhof.
Dieser Kunstgriff war das Vorbild für die erste vollständig erhaltene Tragödie, die Aischylos (525–456 v. Chr) im Jahr 472 v. Chr. unter dem Titel „Die Perser“ aufführen ließ. Ort der Handlung ist die persische Königsresidenz Susa, wo der Ältestenrat und die Mutter des Königs auf die Nachricht vom Ausgang der Seeschlacht bei Salamis warten, bis ein Bote das Unfassbare, die katastrophale Niederlage des Xerxes, offenbart. Die für die Tragödie typische Spannung entsteht dadurch, dass die Zuhörer die Folgen miterleben, welche die Entscheidung des Xerxes, Griechenland anzugreifen, nach sich zog, und darüber belehrt werden, weshalb dies so war.
Als entscheidenden Grund für die Niederlage gibt Aischylos durch den Mund des Geistes des Dareios an, dass Xerxes in seiner Hybris (Hochmut) die von den Göttern gesetzte Grenze zwischen Ost und West am Hellespont überschritten und ihn sein Vater nicht hinreichend vor den Folgen gewarnt hätte.
Zwischen Pathos und Selbstkritik
Diese Deutung machte Eindruck. Aischylos hatte bei Marathon gekämpft und an der Seeschlacht von Salamis teilgenommen. Ihm nahm man ab, was er auf die Bühne brachte. Sein Werk ist nicht nur eine wichtige Quelle für den Verlauf der Kämpfe und die Stimmung der Athener Bürgerschaft sieben Jahre nach Kriegsende; es ist auch eine Warnung an seine Landsleute, dass der Hang zum Hochmut jeden Menschen erfassen kann, gerade wenn man einen großen Sieg errungen hat.
Schon hier schwingen die für die Griechen typische Fähigkeit zur Selbstkritik sowie das Bemühen mit, den Ausgang der Perserkriege universal und anthropologisch zu deuten. Dies schloss ein genuines Interesse am Gegner ein. Es gedieh vor allem an der kleinasischen Küste der Ägäis, die viel früher von der persischen Weltreichbildung betroffen war.
Bereits Jahrzehnte vor den Perserkriegen begannen weise Männer der großen Hafenstädte Kleinasiens damit, sich mit dem neuen Faktor der Weltgeschichte auseinanderzusetzen. Sie taten dies in einem geistigen Klima, das die Natur der Welt und ihre Menschen auch unabhängig von göttlichen Kräften erklären wollte; meist bezeichnen wir ihre Anfänge als Naturphilosophie. Um sich von den Dichtern abzusetzen und leichter argumentieren zu können, schrieben sie in Prosa.
Hekataios von Milet (um 560 – 480) widmete den Persern ein eigenes Kapitel seiner Erdbeschreibung. Etwas später verfasste sein Landsmann Dionysios ein Buch über die Geschichte Persiens, dem ähnliche Werke anderer Autoren folgten. Auch wenn von ihnen nur wenige Zitate überliefert sind, sind sie doch Zeugnisse dafür, dass sich seit der Mitte des 5. Jahrhunderts die Erinnerung an die Perserkriege in mannigfaltige Literaturformen auch jenseits der epischen und dramatischen Dichtung verdichtete.
Allerdings wurde es eine Generation nach den Ereignissen immer schwerer, Zeitzeugen zu finden. Vor diesem Hintergrund wird der Erfolg verständlich, den ein Mann namens Herodot feierte, als er in den 420er Jahren v. Chr. sein Werk über die Perserkriege der griechischen Welt präsentierte.
Herodot war ein weitgereister Mann aus dem kleinasiatischen Halikarnassos an der Schnittstelle zwischen persischem und griechischem Einflussgebiet. Wie andere Gelehrte der nahen Hafenstädte war er fasziniert von der Vielgestaltigkeit der Länder
und Völker, die durch das Perserreich in den Erfahrungshorizont der Griechen gerieten. Deshalb ist auch sein Werk umfassend angelegt.
Der erste Teil verfolgt die Vorgeschichte und die Ursachen der Perserkriege bis auf ihre in die Frühzeit reichenden Anfänge; die anschließende Schilderung der persischen Expansion wird durch ethnographische Exkurse über die Völker unterbrochen, auf die die Perser trafen. Erst ab dem fünften Buch (von insgesamt neun) setzt die Darstellung der eigentlichen Perserkriege mit der Schilderung des Ionischen Aufstandes ein.
Herodot betont die Verantwortung der Menschen für ihre Handlungen
Die auf den ersten Blick recht unausgewogen erscheinende Stoffverteilung wird durch eine schlüssige Generalthese zusammengehalten. Sie besagt, dass der Expansionsdrang östlicher Monarchien und ihr Hochmut zu den Auseinandersetzungen mit den Griechen geführt hätten.
Doch anders als bei Aischylos oder den Epikern spielen die Götter nur eine untergeordnete Rolle. Die Menschen selbst sind für ihre Geschichte verantwortlich. Mit der Konkurrenz zu den Dichtern und der Wahl der Prosa geht so auch eine Rationalisierung historischer Ereignisse einher.
Für diese neue Sicht steht Herodot ein mit seiner Person. Wie ein moderner Romanautor oder Verfasser einer wissenschaftlichen Abhandlung stellt er seinen Namen an den Anfang des Werkes: „Dies ist die Darlegung der Erkundung des Halikarnassiers Herodot, damit weder die von Menschen ausgehenden Begebenheiten im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten noch die großen staunenswerten Leistungen, die Hellenen und Barbaren gleichermaßen aufzuweisen haben, ohne Anerkennung bei der Nachwelt bleiben; die Erkundung aber bezog sich neben manchem anderen vor allem auf die Frage, wer für den Krieg [der Hellenen und Barbaren] gegeneinander verantwortlich war“ (Übersetzung: Uwe Walter).
Um seinem Publikum klarzumachen, worauf es sich einließ, definierte er die Gattung, der sich der Autor bedient: Es handelt sich um eine „Darlegung“ (apodeixis) seiner „Erkundung“ (historie). Apodeixis bedeutet so viel wie ein öffentlicher Vortrag einer Argumentation. Der Begriff historie erhebt den Anspruch, dass diese Argumentation auf genauer Beobachtung (Autopsie), Befragung und Sammlung empirischer Daten beruhte; man könnte dieses Vorgehen als Forschung bezeichnen.
Erst danach benennt Herodot die Absicht seines Bemühens und das Untersuchungsobjekt selbst. Mit dem Ziel, die großen Taten der Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, reiht er sich zunächst ein in übliche Traditionen. Doch dann kommt die Überraschung: Er will die Taten der „Hellenen und Barbaren“, das heißt der Perser, gleichrangig behandeln. Das ist eine Absage an alle Triumphgesänge und Selbstüberhöhungen, denen alle Kriegsgewinner der Geschichte so leicht erliegen. Nur so lasse sich die Frage klären, weshalb es zu diesem Krieg kam und – so wäre sinngemäß hinzuzufügen –, wie er weiter verlief und weshalb er diesen Ausgang nahm.
Was Herodot hier vorlegt, ist provozierend und nur aus dem Kontext der griechischen Geistesgeschichte an der kleinasiatischen Küste zu erklären. Schon Homer hatte Griechen und Trojaner als ebenbürtig beschrieben. Doch die Prosa-Autoren der Folgezeit wollten ohne Rückgriff auf Götter und Helden die Natur und den Menschen ohne einseitige Vorannahmen und Traditionen erklären. Indem Herodot ihre Darstellungs- und Argumentationsmuster auf vergangene, von Menschen ausgehende Ereignisse bezog, schuf er einen neuen Erkundungsraum, ein neues Feld der Argumentation und ein Genre, das wir als Geschichtsschreibung bezeichnen.
„Freilich brauche ich nicht alles zu glauben“
Natürlich kann man Herodot nicht an den Maßstäben und Möglichkeiten moderner Geschichtsschreibung messen. Oftmals sieht er sich mehr als Bewahrer mündlicher Traditionen, er wolle „berichten, was berichtet wird“. Doch immerhin fügt er hinzu: „Freilich brauche ich nicht alles zu glauben“. Sicherlich wollte er damit seine Hörer zum Mit- und Weiterdenken anregen. Man kann den Hinweis aber auch als eine Distanzierung von allzu leichter Beeinflussung verstehen sowie als Versprechen, nicht den erstbesten Überlieferungen zu vertrauen, sondern abzuwägen, wie das Geschehen wahrscheinlich abgelaufen sein könnte.
Es gibt keinen Grund, an der Ernsthaftigkeit dieses Bemühens zu zweifeln. Für seine Seriosität spricht nicht nur die Tatsache, dass er Erkundigungen an den Orten des Geschehens einzog; vor allem hat er sich nicht von antipersischen Chauvinismen anstecken lassen, wie sie in bestimmten Kreisen Athens aufkamen. Zudem gilt es zu bedenken, dass sein Werk in einer Zeit ohne etablierte Buchkultur von den Regeln des mündlichen Vortrages geprägt war, ja geprägt sein musste.
Vor diesem Hintergrund galt es als legitim, historische Abläufe so zu rekonstruieren, wie sie dem Autor plausibel erschienen. Ferner erwartete man eine literarisch ansprechende Gestaltung, die Hörer bei der Stange hielt und ihnen einen ästhetischen Genuss verschaffte.
Dementsprechend hat sich Herodot bei der Komposition der Ereignisse von den Techniken der Epik, der Lyrik und Tragödie, nicht aber von deren Inhalten und Argumenten inspirieren lassen. Berücksichtigt man dies, so bleiben Herodots „Historien“ nicht nur die wichtigste Quelle der Perserkriege. Sie bilden auch den Beginn der westlichen Geschichtsschreibung.
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