Die Sinnhaftigkeit dieses Konzepts zeigt sich gleich an der ersten Veröffentlichung aus der Reihe, dem Buch über die Spätantike von Rene Pfeilschifter, Professor für Alte Geschichte an der Universität Würzburg. Der Leser kann sich auf eine sehr gut lesbare, allgemeinverständliche und dabei fachkundige und forschungsorientierte Darstellung freuen. Die beiden thematischen Schwerpunkte, im Untertitel des Buches benannt, sind passend gesetzt.
Von drei Strukturfaktoren sieht der Autor die Spätantike geprägt: vom Untergang durch Gewalt, von dem einen, dem christlichen Gott und schließlich den vielen Herrschern. Die zeitliche Spanne beträgt etwa 350 Jahre. Die „entscheidende Schwelle“ sieht der Autor – und das ist gut begründet – in der Expansion der soeben islamisch gewordenen Araber. Alle wichtigen Zäsuren und Kaiser finden ihren gebührenden Platz, jedes der drei Jahrhunderte erhält etwa 75 Seiten.
Wohltuend ist, dass sich der Autor nicht um eigene dezidierte Urteile herumdrückt: Die „Konstantinische Wende“, so sagt er, „heißt mit vollem Recht so: Sie war eine persönliche Entscheidung Konstantins, die er unbedrängt traf, die also auch anders hätte ausfallen können“, und die Restaurationspolitik Kaiser Julians Apostata sieht er nicht von vornherein als zum Scheitern verurteilt an, denn „Geschichte ist offen“.
Pfeilschifter verteidigt auch nachdrücklich die Auffassung vom gewaltsamen Untergang der Antike und hält nichts davon, verharmlosend von einem bloßen Wandel oder innerer Dekadenz zu sprechen. Und als Grund für den Todesstoß führt er an: „Weil das Reich geteilt war“. Ausführlich und anschaulich werden die Plünderung Roms durch Alarich 410 und ihr gewaltiger Eindruck auf die Menschen der Zeit beschrieben („größer wohl als die Wirkung des 11. September in unseren Tagen“).
Ein Zwangsstaat sei das spätantike Imperium nicht gewesen, wie es die ältere Forschung noch gesehen hatte, denn dazu seien der Staatsapparat und die Bürokratie gar nicht in der Lage gewesen. Um die Funktionsweise des spätantiken Reichs, vor allem in Konstantinopel, zu erklären, greift Pfeilschifter immer wieder auf das von Egon Flaig erarbeitete „Akzeptanzsystem“ zurück, das den Kaiser in Abhängigkeit von und in beständiger Kommunikation mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen agieren ließ.
Wie schön hätte es sich bei dieser thematischen Ausrichtung noch gefügt, wenn der Autor jene neue, in die Zukunft weisende, geistliche mit weltlicher Politik verbindende Kraft in Italien etwas ausführlicher behandelt hätte: Papst Gregor den Großen. Pfeilschifter hat ein brillantes Buch vorgelegt, das den Stoff so beherrscht, dass es Schwerpunkte setzen kann, die die Zeit als Ganzes verstehen helfen. Er ist zudem immer auf der Höhe der Forschung, deren Diskussionen en passant einfließen. Sparsam, aber passend sind auch die eingestreuten Bezüge zur Gegenwart: Es ist von „Überregulierung“ die Rede, vom „Roman way of life“, Diokletian wird zum „antiken Dagobert Duck“, Konstantin zum „gerissensten Gangster“, der Wagenlenker Kalliopas zum „Lionel Messi des Hippodroms“.





