Betrachten wir Kunstwerke und Objekte, die aus einer uns fremden Kultur stammen, geht es uns allen so: Wir empfinden sie als schön, unattraktiv oder belanglos und stehen ansonsten ratlos vor ihnen: Was zeigen sie uns, und was haben sie zu bedeuten? Wofür hat man sie verwandt? Besitzen Schmuckelemente eine Bedeutung, oder sind sie nur Dekor? Kurzum: Was verbirgt sich in und hinter den kulturellen Hinterlassenschaften, die wir betrachten?
Auch viele Objekte unserer eigenen Kultur, denen wir in den Museen begegnen, sind nicht (mehr) auf Anhieb zu entschlüsseln: Objekte sprechen nicht einfach aus sich selbst her‧aus. Wir benötigen eine informierte Hilfestellung, um sie einzuordnen und die Geschichte zu erkennen, die sie erzählen. Je nach Exponat können ganz unterschiedliche Fragen aufkommen. Erfüllte es zum Beispiel einen praktischen Zweck, dann inter-essiert, wie es von wem und wann unter welchen Bedingungen verwandt wurde. Was erzählt ein Objekt über die Gesellschaft bzw. über die gesellschaftliche Gruppe, in der man es gebrauchte? Ebenso wichtig kann die Frage nach der Herstellungstechnik sein, nach den dafür zuständigen Handwerkern, Technikern oder Wissenschaftlern, ob es kostbar und exklusiv war oder Massenware. Ritualgegenstände erklären sich kaum von selbst, wenn man die dazugehörigen Rituale nicht kennt. Um zu dechiffrieren, was ich auf einem Gemälde aus der frühen Neuzeit sehe, muss ich etwa die Geschichte der abgebildeten Personen und die Symbolsprache der Kunst dieser Zeit kennen.
Interessant ist aber nicht nur die ursprüngliche Geschichte eines Exponats, sondern auch, wann, wie und warum es ins Museum gelangte. Was hat die Neugier der Sammler geweckt, was sollte damit demonstriert werden? Derartigen Fragen geht die hier beginnende Serie nach. Jeden Monat stellen wir Objekte vor, die wir in Kooperation mit großen kulturhistorischen Museen im deutschsprachigen Raum ausgewählt haben. Sie werden in einen thematischen und/oder chronologischen Zusammenhang gestellt und danach befragt, was an ihnen spannend ist. Da zugleich die beteiligten Häuser kurz vorgestellt werden, entsteht en passant ein Überblick über wichtige kulturgeschichtliche Museen. An den Anfang haben wir zwei Exponate gestellt, deren ästhetischer Reiz unterschiedlicher kaum sein könnte: einen Prunkschild und ein Pfefferkorn. Beide wurden – zu unterschiedlichen Zeiten – als mu‧seums‧würdig eingeschätzt. Die Frage ist also, was es mit ihnen auf sich hat.
Der Prunkschild des Kapetingers
Das Unglück geschah am 30. Juni 1559 bei einem Tjost, dem Kampfspiel, bei dem zwei Ritter in voller Rüstung zu Pferde aufeinander zu reiten und versuchen, sich gegenseitig mit einer Lanze vom Pferd zu stoßen. Heinrich II., König von Frankreich, traf auf Gabriel de Montgomery, seinen dritten Gegner an diesem Tag. Der Zusammenprall war so heftig, dass beider Lanzen splitterten – doch es gab keinen Sieger. Der König verlangte Revanche. Die Kontrahenten stießen erneut hart aufeinander. Beide Pferde bäumten sich auf. Montgomery senkte seine Lanze nicht schnell genug, so dass der geborstene Stumpf das Visier Heinrichs anhob und ihm ein Splitter ins Auge drang. Obwohl ihn die besten Ärzte des Landes operierten, starb der König zehn Tage später.





