Im Sommer des Jahres 1361 ballte sich über der Ostseeinsel Gotland eine Gefahr zusammen, die die nordische Handelswelt verändern sollte. In diesem Sommer, so berichtet die Chronik des Franziskanerklosters in Visby, kam der dänische König Waldemar IV. Atterdag das erste Mal nach Gotland. Er führte ein großes Heer mit sich, dem auch viele deutsche Fürsten angehörten, und kämpfte vier Tage lang mit den Bauern des Landes von Maria Magdalena, dem 22. Juli, an zuletzt vor dem südlichen Tor der Stadt. Unzählige Bauern, heißt es, seien vor der Stadtmauer gefallen. Die Stadt selbst habe der König durch Verhandlung gewonnen. Waldemar blieb nur einen Monat auf Gotland; als er Ende August Visby verließ, nahm er einen großen Teil seiner Reichtümer mit sich.
Wer war der dänische König, der das einst mächtige Visby bezwang und seinem Reichtum und seiner Handelsherrschaft ein jähes Ende bereitete? Als Waldemar Atterdag 1336 mündig wurde, war es um das dänische Königtum denkbar schlecht bestellt. Sein Vater, König Christoffer II., hatte weite Teile seines Landes verpfändet – unter anderem an Schweden und an die holsteinischen Grafen. Dänemark verfügte über keine zentrale Regierung mehr, die Herrschaft über die einzelnen Provinzen übten die verschiedenen Pfandherren aus. Da sein Vater aufgrund seiner katastrophalen Politik außer Landes gehen mußte, wuchs Waldemar in Norddeutschland, vermutlich bei seinem Schwager Markgraf Ludwig von Brandenburg auf.
Waldemar war der dritte Sohn König Christoffers. 1336 waren sein Vater sowie sein ältester Bruder Erich bereits gestorben; der zweitälteste Otto saß in einem holsteinischen Gefängnis und ging geistiger Verwirrung entgegen. Als Waldemar 1340 als dänischer König anerkannt wurde, begann er die Restitution seines Reichs mit der Einlösung Seelands und gewann schließlich auch Kopenhagen zurück. In den folgenden Jahren erwarb er eine Burg nach der anderen durch Eroberung oder Einlösung des Pfandes. 1350 bezeichnete er es als sein politisches Ziel, “das Reich Dänemark und alle Länder, die dazu gehören – so wie es die edlen Herren König Erik [Erik VI. sein Onkel] und König Christoff II. [sein Vater] in ihrer Obhut hatten – wieder in unsere Hand und unserer Erben Hand zu bringen.”
Dieses Ziel verfolgte er diplomatisch geschickt auf jede nur mögliche Weise. Nachdem Seeland, Fünen und Nordjütland wieder in seiner Hand waren, richtete sich sein Blick auf Schonen. Die dänischen Provinzen Schonen, Hålland und Blekinge hielt der schwedische König Magnus Erikson bereits seit 30 Jahren zum Pfand. Bei der Regelung der Erbfolge im Jahr 1355 hatte Magnus, der seit 1319 über Norwegen und Schweden herrschte, seinen älteren Sohn Erik für Schweden und den jüngeren Håkon für die norwegische Herrschaft bestimmt. Da Erik kaum Einfluß zugestanden wurde, erhob er sich – von Graf Adolf von Holstein und einigen schwedischen Adeligen unterstützt – gegen den Vater und erzwang 1357, daß ihm der südliche Teil Schwedens übertragen wurde. Sein Vater verbündete sich nun mit Waldemar gegen den rebellischen Sohn. Das Bündnis bekräftigte man Anfang 1359 mit einer Verlobung von Waldemars damals siebenjähriger Tochter Margarethe mit König Håkon von Norwegen – und Waldemar begann, Schonen für den schwedischen König zurückzugewinnen. Doch als Erik unvermutet im selben Jahr starb, war das Bündnis für den schwedischen König gegenstandslos geworden. Waldemar nutzte aber seinerseits die schwedische Opposition gegen Magnus aus, um das verpfändete Schonen zu gewinnen – nun für die dänische Krone. Als er im folgenden Jahr endgültig Schonen, Blekinge und Südhålland eroberte, brach Håkon mit Einverständnis seines Vaters die Ehevereinbahrung mit der dänischen Prinzessin Margarethe und verband sich stattdessen mit der Holsteinerin Elisabeth. Diese Ehrverletzung bot dem dänischen König den willkommenen Anlaß zu einem Angriff auf schwedische Krongüter. Waldemar brachte eine große Flotte zusammen und eroberte zunächst Öland, dann Gotland, das unter schwedischer Schutzherrschaft stand. Während Öland bald wieder an Schweden zurückfiel, blieb Gotland fast 300 Jahre, bis 1645, unter dänischer Herrschaft. Der Eroberungszug Waldemar Atterdags war weniger gegen die Hansestädte, als vielmehr gegen Schweden gerichtet. Er muß sich aber bewußt gewesen sein, daß ein Überfall auf Visby die mächtigen Hansestädte gegen ihn aufbringen würde.





