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Die Tochter des Papstes
Jahrhundertelang war Lucrezia Borgia (1480–1519) als Giftmischerin und Blutschänderin verschrien. Tatsächlich war die Tochter Papst Alexanders VI. (amt. 1492–1503) die meiste Zeit ihres Lebens eine bloße Figur auf dem unübersichtlichen politischen Schachbrett ihres Vaters. Erst nach seinem Tod konnte sie sich als Herzogin von Ferrara den Respekt ihrer Zeitgenossen verdienen.
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Als Lucrezia Borgia am 30. Dezember 1501 ihre dritte Ehe schloss, kam die Wahl ihres Partners überraschend. Der Vater des Bräutigams, Herzog Ercole von Ferrara, hatte vor Kurzem noch den Anhängern des Dominikanerpredigers Girolamo Savonarola Unterschlupf gewährt, der die Missstände in der Kirche angeprangert hatte und dafür hingerichtet worden war. Doch Ercole erkannte die politischen Vorteile der Ehe. Und Alexander? Den scherte wenig, was in der Vergangenheit vorgefallen war, solange sich neue Möglichkeiten ergaben.
Kaum ein anderer Papst setzte so sehr auf Familienbande wie Alexander VI. An sich wurde Nepotismus an der Kurie seit Langem geduldet. Angesichts der Machtverhältnisse in Rom, wo die Adelsclans der Orsini und Colonna um Einfluss kämpften und viele Kardinäle mehr Interessenvertreter ihrer Herkunftsländer denn Wahrer der Interessen der Kirche waren, war es für die Päpste wichtig, Personen um sich zu wissen, denen sie vertrauen konnten. Doch Alexanders Methoden gebührten sich eher für weltliche Fürsten als für den Stellvertreter Christi auf Erden.
Lucrezia war nur eines von vier Kindern des Kardinals Rodrigo Borgia mit seiner langjährigen Geliebten Vanozza Cattanei. Der Vizekanzler der Kurie handhabte die Affäre diskret, doch seine Kinder mit ihr – Juan, Cesare, Lucrezia und Jofre – erkannte er als solche an.
Zur Erziehung wurde Lucrezia an Rodrigos Cousine Adriana de Mila übergeben. Die hatte in den Orsini-Clan eingeheiratet, und bei ihr wurden Lucrezia die Konventionen und Werte des römischen Adels vermittelt. Zu ihrem engsten Umfeld zählte bald auch die junge Ehefrau von Adrianas Sohn Orsino: Giulia Farnese galt als die schönste Frau Roms – und wurde bald zur Geliebten von Lucrezias Vater.
Als Lucrezia zehn Jahre alt war, begann ihr Vater, sich nach einem Ehemann für sie umzusehen. Erster Kandidat war der katalanische Adelige Querubí Joan de Centelles. Der Ehevertrag mit ihm war bereits unterzeichnet, als mit Gasparo da Procida ein besserer Kandidat auf der Bildfläche erschien. Also wurde ein weiterer Ehevertrag unterzeichnet, doch auch dieser nicht erfüllt, denn am 11. August 1492 änderte sich für die Familie Borgia alles.
Der französische König Karl VIII. erhebt Anspruch auf Neapel und erobert die Stadt – wenn auch nur kurz
Nach dem Tod von Papst Innozenz VIII. war Giuliano della Rovere als Favorit ins Konklave eingezogen, doch auf Vorschlag des Mailänder Kardinals Ascanio Sforza hin machte Rodrigo das Rennen. Als Lucrezia am 12. Juni 1493 mit Giovanni Sforza, dem Herrn von Pesaro, verheiratet wurde, war dies vor allem eine Dankesgeste gegenüber der Mailänder Familie Sforza. Und doch war Alexander bemüht, sich vom Mailänder Einfluss schnell wieder freizumachen, denn hinter dem Mailänder Einfluss verbarg sich französischer Einfluss, und Frankreichs Interessen in Italien entsprachen nicht denen des Papsttums.
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Bereits seit Langem erhoben die französischen Könige Anspruch auf den Thron von Neapel, wo eine Nebenlinie des Hauses Aragón regierte. Ein französisches Regiment in Süditalien hätte jedoch die Machtbalance in Italien gefährdet. Also fädelte der Papst die Heirat zwischen seinem Sohn Jofre und Sancia von Aragón ein, einer unehelichen Tochter des neapolitanischen Thronfolgers Alfonso. Außerdem überredete er seinen Schwiegersohn Giovanni, in den militärischen Dienst Neapels zu treten. Doch diese Manöver schienen zum Scheitern verurteilt, als ein großes französisches Heer loszog, um Neapel gewaltsam in Besitz zu nehmen.
Nachdem der Versuch der Neapolitaner, die Franzosen auf der Via Emilia bei Bologna zu stoppen, misslungen war und angesichts dessen, dass die Colonna und Orsini gar nicht daran dachten, ihnen den Weg durch den Kirchenstaat zu verwehren, zog Karl VIII. an Silvester 1494 in Rom ein, wo er Alexander das Versprechen abrang, ihn nach erfolgter Eroberung mit Neapel zu belehnen. Ebendort gelang es König Alfonso und nach seiner Abdankung auch seinem Sohn Ferdinand nicht, effektiven Widerstand zu organisieren. Ohne größere Gegenwehr nahmen Karls Truppen die Stadt ein – nur um von einer neuartigen Krankheit besiegt zu werden: der Syphilis. Bald erkrankte auch Karl VIII. Die Franzosen zogen ab, und Ferdinand kehrte auf den Thron zurück, nur um wenige Wochen später selbst zu sterben.
Alexander hatte Glück gehabt, doch die französische Kampagne zeigte, dass auf den römischen Adel kein Verlass war. In der Folge scharte er seine Kinder eng um sich. Juan diente als Generalkapitän der päpstlichen Streitkräfte, Cesare als Kardinal, und Lucrezia agierte im Vatikan als eine Art donna di palazzo, lag doch ihr eigener Palast, in dem auch Adriana und Giulia Farnese lebten, direkt am Petersplatz.
Inzestvorwürfe und eine Mordanschuldigung überschatten den Ruf der Familie Borgia
Während der Haushalt der Damen zur Anlaufstelle für Gesandte und Bittsteller wurde, überlegte Alexander, wie er Lucrezias Ehe mit Giovanni Sforza wieder lösen könnte. Das kanonische Recht bot zwei rechtliche Möglichkeiten: die Annullierung mangels Vollzugs oder eine von vornherein ungültige Eheschließung. Der Umstand, dass vor der Ehe zwei weitere Eheverträge existierten, schien letztere Möglichkeit nahezulegen, doch nachdem Giovanni sich sträubte, dem Ansinnen zuzustimmen, bewegte Alexander seine Tochter dazu, Antrag auf Annullierung mangels Vollzugs zu stellen – womit Giovanni Impotenz unterstellt wurde.
Der beklagte sich bei seinem Verwandten, dem Mailänder Herzog Ludovico „il Moro“. Er beteuerte, er habe sehr wohl die Ehe mit Lucrezia vollzogen, sehr oft sogar. Ludovicos Vorschlag, öffentlich seine Potenz unter Beweis zu stellen, lehnte er jedoch ab. Als klar wurde, dass der Mailänder Herrscher den Konflikt scheute, stimmte Giovanni der Annullierung zu, aber erst, nachdem er die Anschuldigung erhoben hatte, dass Alexander die Auflösung nur deshalb verlange, weil er selbst mit Lucrezia verkehren wolle – ein Vorwurf, der Lucrezia bis zu ihrem Tod verfolgen sollte.
Dann führte ein zweiter Vorfall dazu, dass der Ruf der Borgia weiter litt. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1497 wurde Lucrezias Bruder Juan brutal ermordet. Verdächtige gab es reichlich, doch bald kam das Gerücht auf, dass sein eigener Bruder Cesare dahintersteckte. Dran war an dieser Theorie wohl eher nichts – doch war dies nicht der einzige Mordfall, in dessen Zusammenhang Cesares Name fiel.
Nach Juans Tod sollte der nun die Rolle des weltlichen Arms der Familie übernehmen. Dafür hätte er den Kardinalshut ablegen und Carlotta, die Tochter König Friedrichs von Neapel, heiraten müssen. Dass ein Kardinal zurück in den weltlichen Stand trat, war ein völlig unerhörter Vorgang – und doch setzte Alexander sich durch. Was die geplante Eheschließung anging, wurde er allerdings vom neuen französischen König Ludwig XII. nach allen Regeln der Kunst ausgespielt.
Lucrezias kurze zweite und glückliche dritte Ehe
Mit freundlicher Unterstützung vom päpstlichen Legaten in Frankreich – Giuliano della Rovere – hintertrieb Ludwig die Ehe mit Carlotta. Stattdessen verkuppelte er Cesare mit der südfranzösischen Adeligen Charlotte d’Albret. Außerdem übertrug er ihm das Herzogtum Valentinois. Der Sohn des Papstes wurde so zum Lehnsmann Ludwigs! Immerhin: Mithilfe französischer Söldner gelang es Cesare, einige der kleinen Signori des Kirchenstaates aus ihren Herrschaften zu vertreiben – woraufhin er von seinem Vater zum Herzog der Romagna erhoben wurde.
Lucrezias zweiter Ehemann wurde derweil Alfonso von Salerno, ein Neffe Friedrichs von Neapel. Der war an sich keine schlechte Partie, geriet jedoch bald in Verdacht, politisch nicht hundertprozentig loyal zu sein. Am 15. Juli 1500 überlebte er ein Attentat, kurz darauf wurde er jedoch erdrosselt im Krankenbett aufgefunden. Täter war wahrscheinlich Michele Corella – Cesares Mann fürs Grobe.
Mit gerade einmal 20 Jahren war Lucrezia damit frei für jene dritte Ehe, für die Alexander nun Alfonso d’Este vorschlug, dessen Vater Ercole nicht nur ein Kritiker der Borgia war, sondern auch ein treuer Verbündeter Frankreichs. Aus Sicht der neureichen Borgia besaßen die Este jedoch den Glanz des alten Geschlechts. Zudem grenzte ihr Herzogtum an Cesares Interessengebiete in der Romagna. Auf der anderen Seite verschaffte die doppelte Absicherung gegenüber Frankreich und dem Papst Ercole politischen Spielraum. Sein Hauptgegner war Venedig. In den 1480ern hatte das Herzogtum im Salzkrieg Gebietsverluste gegenüber der Serenissima hinnehmen müssen, die es seitdem zu restituieren trachtete.
Dafür, dass die Ehe wirklich zustande kam, war letztlich Ludwig XII. verantwortlich. Der schloss im November 1500 einen Geheimvertrag mit Ferdinand von Aragón: Gemeinsam wollten sie Friedrich von Neapel absetzen und sein Königreich unter sich aufteilen. Doch da der Papst der Lehnsherr über Süditalien war, brauchten sie seine Zustimmung. Um diese zu erhalten, versprach der französische König dem Papst, Cesare als Herzog der Romagna anzuerkennen und Ercole davon zu überzeugen, seinen Thronerben mit Lucrezia zu verheiraten.
Angesichts der Umstände blieb dem nur, den Preis hochzutreiben. Neben einer gewaltigen Mitgift von 200 000 Dukaten konnte er auch den Umzug der Papsttochter von Rom nach Ferrara aushandeln. Bei der Eheschließung am 30. Dezember 1501 in Rom war der Bräutigam selbst nicht anwesend. Sein Bruder, Kardinal Ippolito, vertrat ihn per procurationem. Lucrezia sollte ihren neuen Gemahl jedoch früher kennenlernen als gedacht.
Alfonso d’Este ist heute als Mäzen berühmter Künstler wie Tizian und Bellini bekannt. Damals galt er als Sonderling. Statt dem Hofleben zu frönen, ging er angeln, töpferte und beschäftigte sich mit der Geschützgießerei. Er aß lieber allein als in Gesellschaft und unternahm seine ausgedehnten Reisen durch Europa bevorzugt inkognito. Dazu passt, dass er, kurz bevor Lucrezias Reisegesellschaft das Herzogtum erreichte, unangekündigt in ihrer nächtlichen Unterkunft auftauchte und, nachdem er sich eine Weile mit ihr unterhalten hatte, still und heimlich wieder abreiste. Die feierliche Einholung der Braut entspannte sich durch dieses Vorgehen ungemein.
Nach der Ankunft Lucrezias in Ferrara glänzten die Este mit Kultiviertheit: Hatten in Rom anlässlich der Eheschließung Stierkämpfe auf dem Petersplatz stattgefunden, so ließ Ercole erstmals aus dem Lateinischen übersetzte Plautus-Komödien aufführen. Anders als Rom war Lucrezias neue Heimat zudem eine sehr moderne Stadt. Zu ihrem bevorzugten Aufenthaltsort wurde jedoch bald ihre Sommerresidenz in Belriguardo. Als Handlungsort von Goethes „Torquato Tasso“ ist Belriguardo in die Literaturgeschichte eingegangen, und auch Lucrezia förderte Dichter wie Ercole Strozzi und Pietro Bembo. Doch nicht die schönen Künste, sondern die Politik bestimmten ihren Lebensweg.
Ohne Vater und Bruder kann Lucrezia frei agieren
Am 18. August 1503 starb Alexander VI. inmitten turbulenter politischer Ereignisse. Nachdem es den spanisch-französischen Verbündeten gelungen war, Friedrich von Neapel abzusetzen, hatten sie sich zerstritten. Als das französische Heer im April 1503 bei Cerignola eine Niederlage gegen die Spanier einstecken musste, wurde als Vasall des französischen Königs auch Cesare Borgia zur Fahne gerufen. Auf dem Weg nach Süditalien war er gerade in Rom, als sein Vater starb.
Für Cesare war dies lebensbedrohlich. Dank seiner Soldaten und indem er die Schatzkammer in seine Gewalt brachte, konnte er Zeit gewinnen. Doch als am 1. November Giuliano della Rovere als Julius II. den Stuhl Petri bestieg, war Cesares Schicksal besiegelt: Er wurde verhaftet und nach Spanien verbannt.
Der Tod des Vaters und die Verbannung des Bruders brachten für Lucrezia eine Minderung ihres politischen Status – und sorgten gleichzeitig dafür, dass ihr Leben nicht mehr maßgeblich von ihnen bestimmt wurde. Als dann am 25. Januar 1506 Ercole starb, wurde Alfonso neuer Herzog – und Lucrezia Herzogin.
Alfonso erwies sich als umsichtiger Herrscher – in turbulenten Zeiten. Mehrfach war die Stadt in den folgenden Jahren von Seuchen und vom Hochwasser betroffen. Dann schmiedeten seine Brüder Giulio und Ferrante Umsturzpläne, die jedoch aufgedeckt werden konnten.
Die Kontakte der Renaissancefürstin sichern Ferraras Überleben
Lucrezia sicherte ihren Status derweil, indem sie nach mehreren Fehlgeburten einen gesunden Thronfolger zur Welt brachte. Zudem setzte sie ihr eigenes Netzwerk zum Nutzen Ferraras ein. Als etwa Julius II. 1506 zur Eroberung Bolognas ansetzte, war man in Ferrara stets ausgezeichnet informiert, da Lucrezia täglich ein aktuelles Lagebild von ihrer Nichte Angela erhielt, einer Tochter Juans, die mit dem Herrn von Sassuolo bei Bologna verheiratet war.
Kompliziert wurde es, als Kaiser Maximilian, Ludwig XII., Papst Julius II. sowie Mantua und Ferrara im Frühjahr 1509 ein gemeinsames Vorgehen gegen Venedig beschlossen. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen zerbrach das Bündnis wieder – und Ferrara geriet nun ins Visier der Serenissima. Als im Dezember 1509 eine venezianische Flotte den Po entlang auf Ferrara zufuhr, schien das Schicksal der Stadt besiegelt. Doch in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember hob das Hochwasser die venezianischen Galeeren genau in die Schusslinie der am Ufer aufgestellten Geschütze der Verteidiger.
Das „Wunder von Polesella“ schien die militärische Macht Venedigs indes nicht lange aufzuhalten, zumal sich nun auch der Papst einschaltete. Nachdem das alte Bündnis zerbrochen war, näherte sich Julius Venedig an, hob das Interdikt über die Stadt auf und verhängte ein neues – über Ferrara. Auf Druck des Papstes trat auch Mantua dem neuen Bündnis bei – doch Lucrezia, die mit dem Markgrafen Francesco Gonzaga seit Langem eine Brieffreundschaft pflegte, konnte diesen dazu bewegen, nicht selbst militärisch aktiv zu werden. Mehr noch: Der Handels- und Verkehrsweg durch Mantua blieb für Ferrara weiterhin offen. So konnte Alfonso ausreichend viele Waffen und Söldner aus Frankreich heranführen, um eine effektive Verteidigung zu gewährleisten.
Die Gefahr blieb groß – bis Julius II. am 21. Februar 1513 starb. Der neue Papst Leo X. machte mit Pietro Bembo jenen Dichter zu seinem persönlichen Sekretär, der einst von Lucrezia protegiert worden war. Eines der ersten Dokumente, das er für Leo aufsetzte, war die Aufhebung des Interdikts über Ferrara.
Doch die Kriegsschäden waren immens. Lucrezia investierte fast ihr gesamtes Vermögen in den Wiederaufbau. Ihre wertvollen Juwelen verkaufte sie, um aus Neapel Wasserbüffel zu importieren, die im sumpfigen Podelta gut zurechtkamen und Milch für die Frischkäseherstellung lieferten.
Der Stress der vergangenen Jahre, mehrere Malariaerkrankungen, acht Geburten und vier oder fünf Fehlgeburten hatten ihr körperlich stark zugesetzt. Zur Fasten- und Adventszeit zog sie sich regelmäßig ins Kloster zurück. Am 14. Juni 1519 brachte sie mit 39 Jahren noch einmal ein Mädchen zur Welt. Doch weder Mutter noch Tochter sollten die Strapazen überleben.
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