Der Sammelband, der an die Ergebnisse früherer Arbeiten zur Geschichte der Universität Tübingen anschließt, enthält zahlreiche Einzelstudien, die über bisherige Forschungsergebnisse hinausgehen. Die bemerkenswerte Dynamik innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeit, die Planungseuphorie für neue, politisch gewollte Fächer, die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der formalen und inhaltlichen Gleichschaltung sowie der unterschiedlichen Formen der ‚Selbstgleichschaltung’, die damit einhergehende aggressive Personalpolitik, die verschiedenen Schattierungen zwischen Anpassung und verhaltenem Autonomiestreben werden in Einzelfallstudien untersucht. Viele Professoren schätzten die Machtergreifung der Nationalsozialisten falsch ein, nicht wenige begrüßten sie, nur ganz wenige haben vereinzelt Widerstand geleistet. Die große Mehrheit versuchte durch Anpassung, (Selbst-) Gleichschaltung, Opportunismus oder innere Emigration mit der neuen Konstellation fertig zu werden und ihre Karriere zu gestalten. Die Universität Tübingen hat keinen exponierten Vertreter des Widerstands hervorgebracht. So haben beispielsweise die Mediziner keinerlei Bedenken gehegt, ob die Zwangsterilisationen mit dem ärztlichen Ethos vereinbar wären. Auch am Tübinger Beispiel zeigt sich, dass der Nationalsozialismus an den deutschen Universitäten nicht auf eine kleine Tätergruppe reduziert werden kann.
Das Eingehen auf den Rassendiskurs des „Dritten Reiches“ gehört sicherlich zu den wichtigsten Veränderungen, die sich an der Universität ereigneten. Viele Fächer nahmen rassenkundliche Themen auf und verarbeiteten sie in einer den neuen politischen Verhältnissen konformen Weise. Zu einem besonderen Schwerpunkt wurde dabei die universitäre „Judenforschung“, die – so lässt sich zeigen – an eine lange Tradition christlich motivierter Judenfeindschaft anknüpfen konnte. So behauptete der katholische Dogmatiker Karl Adam, die Ziele des Christentums und des politischen Antisemitismus des Nationalsozialismus stimmten weitgehend überein. Der Tübinger evangelische Neutestamentler Gerhard Kittel plädierte in seiner Schrift Die Judenfrage für den Ausschluss der Juden aus der deutschen Gesellschaft. Sein Werk brachte es zu unrühmlicher Bekanntheit besonders durch die hypothetische Überlegung, dass letztlich nichts anderes übrig bliebe, als alle Juden umzubringen, falls es nicht gelingen sollte, zu einer befriedigenden Segregationslösung zu kommen. Keine andere Universität in Deutschland musste 1933 weniger Juden entlassen, weil bereits lange vorher die Anstellung von Juden verhindert worden war. Der Universitätskanzler August Hegler betonte mit Stolz am 25. Februar 1933 im Großen Senat: „[…] man habe hier die Judenfrage gelöst, dass man nie davon gesprochen habe.” Auf diesem Hintergrund bildete sich eine Form des „wissenschaftlichen Antisemitismus“ heraus, der im September 1942 in die Ernennung des evangelischen Theologen Karl Georg Kuhn zum außerplanmäßigen Professor für die Erforschung der „Judenfrage“ einmündete. Etliche Professoren äußerten sich dezidiert antisemitisch und versuchten, mit ihrem Antisemitismus in der politischen Lage Opportunitätsgewinne zu machen.





