Der Autor John Blake belässt es in seinem Band „Die Vermessung der Meere“ denn auch nicht bei einer bloßen Wiedergabe von Beispielen der Kartenkunst, sondern zeigt in einem ersten Kapitel, wie sich die Orientierung auf den Weltmeeren und die Navigation durch immer neue Erfindungen verbesserten. Sie dienten dazu, die Wege zu Welthandelsgütern sicherer und kalkulierbar zu machen. Es zeigt sich, dass dazu das Wissen und die Erfahrung von routinierten Kapitänen ebenso wie von unkonventionell denkenden Wissenschaftlern und exakt arbeitenden Kartographen notwendig war.
Wie bei jeder verkleinerten Abbildung kam es zudem dar-auf an, Vereinfachungen gegenüber der Natur systematisch vorzunehmen und die mit den Entdeckungsreisen rasant wachsende Raumkenntnis umzusetzen. Den Kartographen plagte dabei die Furcht vor leeren Flächen: Das Innere der Kontinente musste lange, nachdem bereits die Küsten bekannt waren, weiß bleiben, und erst jetzt verschwinden mit der Satellitenfernerkundung auch die letzten weißen Flecken von den Landkarten. Umso wichtiger war es in zurückliegenden Jahrhunderten, genaue Kenntnisse über den Küstenraum zu gewinnen.
In zehn Kapiteln wird sodann der Prozess des Kenntniszuwachses für einzelne zusammengehörende Teilräume dargestellt, die etwa in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Erschließung durch Europäer angeordnet werden, vom Mittelmeer bis zur Antarktis. Dabei werden auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt, ohne die der Erschließungsvorgang nicht zu verstehen ist. Einer knappen, aber durchaus inhaltsreichen Einführung folgen in diesen Kapiteln jeweils zahlreiche Beispielkarten. Allerdings ist unübersehbar, dass hier eine Grenze der Drucktechnik erreicht wurde: Viele Kartenoriginale mussten stark verkleinert werden, und trotz der guten Druckqualität ist die Genauigkeit des Originals oft nicht mehr erkennbar, können manche Namen nicht mehr gelesen werden.
Einen besonderen Pfiff erhält der Band aber dadurch, dass er nicht nur Beispiele aus dem europäischen Seekartenbestand aufgreift, sondern auch die Kartographie anderer, insbesondere asiatischer Seefahrernationen sprechen lässt. Deren Kartenmaterial wurde erst durch jüngere Forschungen erschlossen und verdient verstärkte Beachtung, weil es nicht eurozentrisch ausgerichtet ist. Für Freunde alter Karten ist der Band sehr zu empfehlen, zur eigenen Lektüre oder zum Verschenken.
Rezension: Stadelbauer, Jörg





