Claude Gellée, genannt Le Lorrain („der Lothringer“) oder einfach Claude Lorrain, wurde um 1600 in Chamagne, einem Dorf bei Nancy, in Lothringen geboren. Als Heranwachsender gelangte er nach Rom, wo er, bis auf eine kurzzeitige Rückkehr in seine Heimat 1625, bis an sein Lebensende blieb. Von Beginn an konzentrierte sich der Künstler auf die Landschaftsmalerei und war mit seinen Gemälden bald so erfolgreich, dass er den Papst, mächtige Kardinäle und europäische Fürsten zu seinen Auftraggebern zählen konnte. Ab Mitte der 1630er-Jahre bis an sein Lebensende konnte Lorrain, der keine große Werkstatt unterhielt und so gut wie keine Schüler hatte, der Nachfrage nach seinen Gemälden kaum nachkommen. Sein Œuvre umfasst rund 250 Gemälde, 1.200 Zeichnungen und 44 Druckgrafiken.
In seiner Malerei verarbeitete Claude Lorrain Zeichenstudien, die auf zahlreichen Wanderungen durch die ländliche Umgebung Roms entstanden, in präzise entwickelten Kompositionen zu zeitlos klassischen Landschaften. Bereits zu Lebzeiten wurde Claude Lorrain besonders in Italien und Frankreich geschätzt. Im 18. Jahrhundert fand seine Kunst dann vor allem in England größte Bewunderung. Englische Reisende, die auf ihrer standesgemäßen „Grand Tour“ nach Italien kamen, erwarben viele seiner Gemälde. Auch der Hauptteil seiner Zeichnungen und etliche Radierungen befinden sich heute in englischen Sammlungen.
Die Werke Claude Lorrains übten nicht nur einen prägenden Einfluss auf die englische bildende Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts aus, wie zum Beispiel auf den britischen Maler William Turner, sondern vor allem auf die englische Gartenkunst. Die für Lorrain typische idealisierte Landschaft, die durch genaueste Planung scheinbar natürlich erscheint, spiegelt sich darin wider. Diese Besonderheit beschrieb Deutschlands berühmtester „Grand Tourist“, Johann Wolfgang von Goethe, als er über Claude Lorrain sagte, seine Bilder hätten „die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit“ und „im Claude Lorrain erklärt sich die Natur für ewig“. Goethes Wertschätzung des Künstlers reflektiert, dass dieser nicht nur auf englische, sondern auch auf deutsche Künstler des 18. Jahrhunderts, besonders auf die in Rom tätigen Landschaftsmaler, wie beispielsweise Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, einen starken Einfluss ausübte. Da Lorrains Werke jedoch hauptsächlich von wohlhabenden englischen Reisenden erworben wurden, sind sie heute in deutschen Sammlungen nur punktuell vertreten.
Das Städel besitzt neben fünf Zeichnungen und etwa 40 Radierungen ein bedeutendes spätes Gemälde des Meisters, die „Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint (Noli me tangere)“ (1681). Zusätzlich konnte das Haus in den letzten Jahren eine seltene Radierung aus der spektakulären Folge des „Feuerwerks“ (1637) und eine bedeutende Zeichnung aus dem sogenannten Wildenstein-Album, die „Tänzerin mit Tamburin und Dudelsackspieler“ (1648), erwerben, die als eine der schönsten Figurenstudien Claude Lorrains gilt. Dieser Ankauf wurde 2008 durch die Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Hessischen Kulturstiftung ermöglicht. Das Wildenstein-Album bestand aus einer Auswahl von Zeichnungen Claude Lorrains, die schon wenige Jahre nach dem Tod des Künstlers zusammengestellt und erst nach 1960 aufgelöst und verkauft wurde. Für das Städel Museum boten diese Ankäufe einen wunderbaren Anlass, sich gemeinsam mit dem Ashmolean Museum in Oxford Claude Lorrain in einem umfangreichen Forschungs- und Ausstellungsprojekt zu widmen.





