Ludwig XVI. starb, nachdem er bis zum Schluß seine Unschuld in einem rechtswidrigen Gerichtsverfahren beteuert hatte, auf dem Revolutionsplatz (heute Place de la Concorde) in Paris unter der Guillotine. Bevor seine letzten Worte auf einen Wink des Scharfrichters Sanson im Trommelwirbel des Exekutionstribunals erstickten, zeigte er gleichwohl Entschlossenheit. Mit dem Tod vor Augen, versuchte er ein letztes Mal, zu seinem Volk zu sprechen: „Franzosen, ich sterbe unschuldig, ich verzeihe den Urhebern meines Todes, und wünsche, daß mein Blut nicht auf Frankreich zurückfalle.” Die öffentliche Hinrichtung Ludwigs XIV. war ein einmaliger Vorgang in der europäischen Geschichte. Ein einziges vergleichbares Beispiel, von den Revolutionären und dem im Temple internierten König aus unterschiedlichen Blickwinkeln oft herangezogen, hatte es in der englischen Geschichte gegeben. Dort war König Karl I. am 30. Januar 1649 auf Betreiben Oliver Cromwells durch einen Sondergerichtshof als „Tyrann”, der Recht und Ver-fassung Englands verraten habe, hingerichtet worden. Doch im Gegensatz zu England hat die Revolution in Frank-reich langfristig gesehen nicht nur einen König, sondern auch das Königtum eliminiert.
Wer war dieser König, dem ein derart außergewöhnliches, bis heute in mancherlei Hinsicht rätselhaftes Schicksal zuteil wurde? Louis Auguste de Bourbon wurde am 23. August 1754 in Versailles als viertes von acht Kindern des Dauphin von Frankreich geboren, der seinerseits der älteste Sohn Ludwigs XV. war. Seine Mutter Maria Josepha war die Tochter des Kurfürsten von Sachsen und späteren Königs von Polen. Der königlichen Rangfolge entsprechend, erhielt Ludwig bei seiner Geburt den Titel eines Herzogs von Berry. Aber im Alter von elf Jahren kannte er bereits sein zukünftiges Schicksal: Er sollte König werden. Kurz nachein-ander waren sein Bruder Ludwig (1761) und sein gleichnamiger Vater (1765) gestorben.
Obwohl der König sich nach Kräften bemühte, die komplizierten Staatsgeschäfte zu verstehen, ließ seine Wankelmütigkeit in der Wahl der verantwortlichen Politiker und des einzuschlagenden politischen Kurses die Katastrophe erahnen. Zerrieben zwischen den Vorstellungen einer ultrakonservativen Hofclique, den Einflüsterungen seiner Frau und den Belehrungen der Reformminister Turgut und Necker, lavrierte Ludwig bis 1789 zwischen Reform und Revolution. Von Nachteil war ebenso der wachsende Einfluß von Marie-Antoinette auf die Auswahl und Abwahl der Reformministerien. Die anfangs in Frankreich willkommene Königin geriet immer mehr in den Strudel öffentlicher Denunziation. Ihr nicht zuletzt durch die Halsbandaffäre (1785/86) ramponiertes öffentliches Ansehen schadete auf längere Sicht auch dem König und der gesamten Monarchie. Mirabeau wird sich später spöttisch äußern: „Der König hat nur einen einzigen Mann, das ist seine Frau.” Über seinen Privatgemächern in Versailles hatte sich Ludwig ein kleines Handwerkszimmer einrichten lassen, in dem er mit großem Talent Schlösser, Schlüssel und Möbel anfertigte. Welch eine Paradoxie: Der König von Frankreich schmiedete und tischlerte, um sich sein eigenes Königreich einzurichten. Mit Vorliebe hielt er sich in den Dachetagen von Versailles auf, warf einen Blick durchs Fernrohr, um die Weite der grandiosen Gartenanlage ins Blickfeld zu nehmen, umgeben von streunenden Hunden und Katzen. So bildeten sich zuallerst der Hof, dann die Öffentlichkeit ihr Urteil über einen mittelmäßigen König, den ein einfältiger Charakter ebenso charakterisierte wie eine durchaus ehrenwerte Haltung. Der Historiker François Furet weicht in seinem Urteil nur wenig von dem der Zeitgenossen Ludwigs ab: Zu ernsthaft, zu pflichtbewußt, zu sparsam, zu keusch und in seiner letzten Stunde zu mutig. Michelet war noch einen Schritt weiter gegangen und erblickte im gelebten Königtum das Grundübel des Ancien Régime. Das eigentliche Drama des Niedergangs vollzog sich laut Michelet bereits unter Ludwig XV. Als sein Nachfolger den Thron bestieg, war die Monarchie bereits tot.





