Auch für junge deutsche Adlige war die Grand Tour Pflicht, zumindest wenn sie unter ihresgleichen mit Respekt behandelt werden wollten. Fürstensöhne erwarben sich dabei auch das intellektuelle und politische Rüstzeug für ihre künftige Zeit an der Macht.
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Die Söhne des Adels, die sich als Kavaliere in Begleitung ihres Hofmeisters auf europaweite Reisen begaben, waren oft noch sehr jung. Selten zählten sie mehr als 20 Jahre, meist sogar erst 15 oder 16. Das bedeutete, dass der mit der Aufsicht betraute Erzieher, meist ein namhafter Gelehrter bürgerlicher Herkunft, verantwortlich war für einen entsprechend unreifen, dem Pädagogen im gesellschaftlichen Status aber weit überlegenen Jugendlichen.
Das konnte zu Konflikten führen, in denen die Autorität des Betreuers so schwach wurde, dass die Zöglinge sich mit ihren Eigenmächtigkeiten sogar in tödliche Gefahr bringen konnten. Es war dann die größtmögliche Katastrophe für den Hofmeister, seinem Auftraggeber melden zu müssen, dass er ein ihm „anvertrautes Kleinod“ nicht mehr zurückbringen würde.
In seinem Werk über „Leben und Tod des weiland Hochwohlg. Herrn Jacob Friedrich Maydel“ verarbeitete der Hofmeister Johann Besser 1678 einen solchen traumatischen Vorfall in einer Kombination aus Biographie, Rechtfertigungsrede und Trauerbezeugung wegen des „blutigen Endes“ eines erst 19-Jährigen. Bessers Auftrag war es gewesen, den jungen Kurländer aus einem sehr alten deutschbaltischen Geschlecht zunächst zum Jurastudium nach Leipzig zu begleiten.
Als der Heißsporn sich jedoch in einem Wirtshaus von Soldaten provozieren ließ und schließlich in eine gewalttätige Auseinandersetzung geriet, konnte der Erzieher es nicht verhindern, dass sein Schützling in einem vorgeblichen Fechtduell zu Tode kam – und zwar durch einen Pistolenschuss in den Rücken, also unehrenhaft.
Seiner Auftraggeberin, der Witwe Anna Sibylla von Maydel, die als Vormund des früh Verwaisten eingesetzt war, musste der Lehrer schweren Herzens mitteilen, dass der „geliebte Pflegesohn“ ihm bei der „Rettung seiner Ehre“ trotz aller Vorsicht „von einer Mörderischen Faust“ entrissen worden sei.
Mit der Grand Tour verbunden ist oft der Besuch einer Universität
Das Reisen im großen Stil war Teil der professionellen, langwierigen und bisweilen äußerst kostspieligen Erziehung adliger Sprösslinge. Die Grand Tour ermöglichte dem Zögling eine ausgiebige Begegnung mit anderen Höfen in fremden Umgebungen, sie sorgte nicht nur für eine fundierte Sachkenntnis, sondern auch für die Festigung eines jungen Charakters durch verschiedene Lebenssituationen.
Die Reisezeit betrug insgesamt etwa zwei bis drei Jahre, dies hing von einem möglicherweise längeren Aufenthalt in Universitätsstädten ab. Die jungen Herren waren in dieser Zeit zwar aus dem direkten Verfügungsradius der väterlichen Autorität entfernt, der Kontakt mit dem heimatlichen Hof blieb jedoch straff geregelt. Am Etappenort war stets mit entsprechenden Anfragen der Daheimgebliebenen zu rechnen, die per Brief ausführliche Berichte und minutiöse Abrechnungen verlangten.
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Meist reisten die ältesten Söhne eines Adelshauses in recht großer Begleitung: Die Suite (Gefolge) bestand bei reichsständischen Prinzen aus etwa 20 Personen mit den verschiedensten Zuständigkeiten. Junge Freiherren oder Grafen mussten sich mit sechs Begleitpersonen begnügen.
Die Entourage des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau und seines Bruders bestand 1765 etwa aus zwei Kammerdienern, einem Architekten und Bildhauer, hinzu kamen deren jeweilige Diener, ein Reisemarschall – der das wichtige Reisejournal verfasste –, Friseur, Leibschneider, Koch und zwei Kammermusiker.
Die Leitung aber hatte der Hofmeister, der die ganze Reise organisierte, die Kavaliere betreute und die rechenschaftspflichtige Kommunikation mit dem heimatlichen Hof übernahm. Er war gegenüber den jungen und minderjährigen Kavalieren weisungsbefugt. Dem Hofmeister unterstand der ebenso nichtadlige Informator oder Praezeptor, der für den Sachunterricht vor Ort und die Bildungsinhalte zuständig war. Als akademisch qualifizierte und meist selbst schon weit gereiste Persönlichkeit konnte er wie der Hofmeister mit einer hohen Entlohnung rechnen. Die Kammerdiener waren dagegen für das praktische Wohl zuständig: Bekleidung, Körperpflege, Zimmerausstattung. Für die Bedienung während der Mahlzeiten sorgten Lakaien oder gleichaltrige adlige Pagen. Die Pflege bei Erkrankungen besorgte der mitreisende Balbier, oft mit Instruktionen des aus Kostengründen zu Hause verbleibenden Hofarztes.
Zu den hohen Personalkosten für dieses Gefolge kamen weitere enorme Sachkosten, meist für Miete, Verpflegung und Heizung, ferner für den Transport mit Kutschen – man benötigte Pferde, Schmiede und Wagner –, Schlitten oder Fähren. Bei Bedarf beschäftigte man zudem einen kostspieligen „Kurier“, dessen Aufgabe es war, im Voraus zur nächsten Poststation zu galoppieren, um dort einen rascheren Pferdewechsel zu erwirken oder eine standesgemäße Unterbringung für die Nacht zu organisieren. Ihn galt es mit Extrageldern auszustatten, damit er seine Vermittlungsaufgaben „erfolgreich“ durchführen konnte.
Überhaupt waren Trinkgelder im Rahmen einer blühenden Bestechungspraxis kein geringer Kostenpunkt in dieser Zeit, so etwa auch bei Passierscheinen oder Gesundheitszeugnissen. Um bei den angesehenen Höfen etwa zur Besichtigung ihrer Kunstschätze vorgelassen zu werden, flossen vorab hohe Beträge. Die aristokratische Mitwelt urteilte im Sinne des „symbolischen Kapitals“ erbarmungslos streng über die finanzielle Potenz einer Dynastie.
Das Reisen inkognito ist günstiger und mit mehr Freiheiten verbunden
Das einzige Mittel, Kosten zu sparen, war das Inkognito. Dadurch konnte man sich auf ein reduziertes Zeremoniell und schlichtere Bekleidung beschränken. Es ermöglichte, den üblichen „theatralischen Wind und Dampf der Höfe“ (Carl von Moser) etwas zu reduzieren. Das Inkognito – Erkennung oftmals erwünscht – gewährte zudem Bewegungsfreiheiten. Daran knüpften sich psychologisch auch Identitätsfragen der Heranwachsenden, oft verbunden mit willkommenen Fluchtmöglichkeiten vor dem Rollenzwang. Die Jugendlichen nutzten dies nicht zuletzt auch für erotische Eskapaden.
Im Endeffekt konnte eine etwa dreijährige Reise dann bis zu 23 000 Reichstaler kosten, das entspricht umgerechnet auf heute etwa einem Betrag von 700 000 Euro. Das bedeutete für viele Höfe eine kaum zu stemmende Ausgabe, die nicht selten mehr als zehn Prozent der Hofeinkünfte verschlang. Man zog die Landstände mit Sondersteuern zur Mitfinanzierung heran oder verschuldete sich derart hoch, dass die Rückzahlung oft noch die nächste Generation belastete.
Die Reiseunternehmung galt aber als wertvolle Investition in die Zukunft, die künftige Stärke und Konkurrenzfähigkeit einer territorialen Herrschaft hing schlichtweg von der Qualifikation des nachfolgenden Regenten ab. Und die „jungen Herren“ würden ja gerade „durch solche Reisen unterscheiden lernen, welche Leute aufrichtiges Gemüths sind und welchen zu vertrawen ist oder nicht“, so der Erzieher Georg Engelhard von Löhness 1622 in seinem Fürstenspiegel „Aulico-Politico“. In diesem Sinne könnte man vermuten, dass der eingangs erwähnte 19-jährige Jacob Friedrich Maydel vielleicht sein Leben hätte retten können, hätte er sich zum Zeitpunkt seines verhängnisvollen Besuchs einer Gaststätte am Ende seiner Lehrjahre in der Fremde befunden.
Verhandlungsgeschick öffnet die Türen zu bedeutenden Bibliotheken
In örtlichen Bildungseinrichtungen konnte man zudem auf bedeutende Gelehrte der Zeit treffen, um sich neben einem soliden Sachwissen auch Grundfertigkeiten in der fachlichen Diskussion über wissenschaftliche Inhalte zu verschaffen. Ob man dabei Zugang zu wirklich hochrangigen Einrichtungen erhielt, etwa zur Bibliothek des Vatikans, hing oft vom Zufall oder vom Verhandlungsgeschick des vorgeschickten Agenten ab.
Umgekehrt war aber auch die gesellschaftliche Elite in den Zielorten daran interessiert, dass Besucher als Multiplikatoren fungierten. Entsprechend wollte man die Gäste beeindrucken. „Ich habe oftmals bemerkt, dass zwanzig bis dreyßig Zimmer in den untersten und besten Stockwerken nur zum Staat und für das Auge der neugierigen Fremden haben dienen müssen, unter dessen daß sich der Herr des Hauses mit seiner Familie in dem obersten Stockwerke gar schlecht und enge beholfen.“ So beobachtete es Johann Georg Keyßler (1693–1743), der mit den Söhnen und Enkeln des Grafen Andreas Gottlieb von Bernstorff durch Europa reiste und eine vielgelesene Reisebeschreibung in Briefform publizierte: „Neueste Reise durch Teutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweitz, Italien, und Lothringen“ (1740/41).
Ausschlaggebend für den Erfolg einer derart aufwendigen Reise war, ob man bei angesehenen Höfen in den inneren Zirkel gelangen konnte, um sich dort persönlich vorzustellen. Das war nicht einfach, die Forschung spricht hier von einem „architektonisch gestalteten Filtersystem“. Alle Beteiligten, vom Fürsten bis zum fremden Besucher, hatten ihren festen Ort in einer konzentrischen Aufstellung, die ständische Rangordnung sollte stets sichtbar bleiben, alle Positionen und Verläufe waren „zierlich“ (angemessen) geordnet. Dabei war es wichtig, ob man nur in der Nähe oder tatsächlich neben dem ranghöchsten Fürsten sitzen durfte. Wer gar bei einem Empfang stehen musste, hatte schlechte Karten.
Das wichtigste Gut für die Mitwirkung auf dem „Schau-Platz Aller Ceremonien“ („Theatrum Ceremoniale“), so der Titel einer zeitgenössischen Analyse durch den Historiker Johann Christian Lünig (1662–1740), blieb aber das Empfehlungsschreiben eines namhaften Gönners.
Wurde der Zugang zu einem Hof gewährt, bildete dann der tadellose Auftritt die nächste Hürde. Die vorteilhafte Selbstdarstellung erfolgte vor allem über die verbale Kommunikation. Neben der klassischen Rhetorik war im Sinne der actio auch ganz wörtlich auf den „Auftritt“ zu achten. Plumpes Auftreten mit der Ferse etwa galt als bäuerlich und war verpönt, dagegen zeugten das anmutige Schreiten und eine bemessene Körperhaltung, vor allem aber die absolute Körperbeherrschung von „innerem Adel“. Für die Sicherheit der entsprechenden Bewegungen sorgten professionelle Fecht- und Tanzmeister.
Insbesondere war es die Kunst der Konversation, über die man sich erfolgreich in die Hofgesellschaft einbringen konnte: „Denn kein nothwendiger Stück der politen Welt ist, als wann man mit einem ieden honetten Menschen, er sey, wes Standes er wolle, bey Gelegenheit sich mit anständigen Gesprächen unterhalten kann.“ So formulierte es der Architekturtheoretiker Leonhard Christoph Sturm (1669–1719) in seinem Werk „Die geöffnete Raritäten- und Naturalien-Kammer“ (1704).
Geschult im Umgang mit verschiedenen Meinungen
Zum Ende des Jahrhunderts spezifizierte dies Franz Posselt (1753–1825) 1795 in seiner „Kunst zu reisen“: Der Hofmann solle „nicht immer zu einerley Gesellschaft halten, und blos mit solchen Personen umgehen, die einerley Meinung mit ihm haben“, sondern auch „mit mehreren Menschen sprechen, Gegenstände von mehreren Seiten aus betrachten unter alle möglichen Gesichtspunkte gestellt und das Urtheil, so er dann darüber fällt, muß notwendiger Weise weit richtiger und gründlicher ausfallen. Ein freyer und mannichfaltiger Umgang mit Menschen von verschiedenen Parteyen, Meinungen und Gesinnungen ist daher das beste Mittel, Vorurtheile abzulegen“.
Erfahrene Hofmänner verfügten zudem über einen nützlichen Fundus von Eindruck machenden Begriffen und „Bonmots“, die sie mit gutem Effekt jederzeit in den Gesprächsverlauf einstreuen konnten. Diese Praxis sollte noch lange in der Bezeichnung „Konversationslexikon“ weiterleben. Als besonders nützlich erwies sich auch das Führen von Personenregistern zu den jeweiligen „conaissancen“ – bis hinunter auf die Ebene des Klatsches: mit „curiösen Neuigkeiten“, Sensationen und Affären konnte man – wohldosiert natürlich – jede Konversation effektvoll würzen und sich besonderes Gehör verschaffen.
Mitunter sahen sich die jungen Prinzen aber auch mit Vorurteilen konfrontiert. So galten deutsche Fürsten etwa in Frankreich als plump, ungehobelt und schwerfällig. Die französischen Höfe, insbesondere natürlich Versailles, stellten die Reisenden daher vor ganz besondere Herausforderungen: Wer hier bestand und in seinem Reisebericht erfolgreich von einer „gleichrangigen“ Aufnahme berichten konnte, hatte sein Ziel erreicht.
Der Nürnberger Poet Sigmund von Birken (1626–1681) sorgte mit seinem nachträglichen Reisebericht (1668) dafür, dass überregional bekannt wurde, welchen Erfolg der Markgraf Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (reg. 1655–1712) in Versailles zu verbuchen hatte. Der junge deutsche Fürst habe „hierbei eine solche amiableté“ an den Tag gelegt, „daß der König [Ludwig XIV.] daraus ein sonderbares Vergnügen schöpfte / und die / so bey Hofe waren / bekennten / S. May. hätte noch nie mit einem fremden Fürsten oder Ambassadeur so viel / als mit diesem Hochfürstl. Prinzen geredet.“
Aus Sicht des Adels erschien daher der später von bürgerlicher Seite vorgetragene Vorwurf, die Grand Tour sei eine verschwenderische Luxusreise zum reinen Vergnügen der Jugend, als völlig unzutreffend. Die minutiös durchkonzipierte Reise war das Ergebnis harter Arbeit und essentiell für die biographische Weichenstellung der nächsten Generation.
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