Im Oktober 1532 schloss Gerhard Kremer (lateinisch: Mercator) sein Grundstudium an der Universität Löwen in Flandern ab. Dieses Grundstudium umfasste traditionell die Sieben Freien Künste („septem artes liberales“). Dazu gehörten Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Erst nach dieser allgemeinen Einführung begannen Studenten der frühen Neuzeit ihr eigentliches Studium der Theologie, der Rechtswissenschaften oder der Medizin. Doch Mercator tat nichts dergleichen. Stattdessen ging er nach Antwerpen und wandte sich in der Folge mit Begeisterung der Kosmographie, der Beschreibung der Erde und des Weltalls, zu. Sein Großonkel Gisbert Kremer, der dem jungen Gerhard das Studium ermöglicht hatte, dürfte darüber wenig begeistert gewesen sein. Er hatte gehofft, dass aus seinem Schützling einmal ein bedeutender Domherr würde. Doch was den Großonkel grämte, wurde der Kosmographie zum Segen.
Gerhard Mercator bzw. Kremer wurde am 5. März 1512 im flandrischen Rupelmonde geboren. Dieser Geburtsort war eher Zufall, denn seine Eltern stammten aus dem rheinischen Gangelt und waren damals bei dem schon erwähnten Gisbert Kremer zu Besuch. In Gangelt verbrachte Gerhard die ersten Jahre seiner Kindheit, doch 1518 reiste die Familie neuerlich nach Rupelmonde, dieses Mal nicht, um den Onkel zu besuchen, sondern um sich dauerhaft dort niederzulassen. Nach dem frühen Tod seiner Eltern kam Gerhard in die Obhut seines Großonkels, der ihn zunächst auf das Kollegium der Brüder vom Gemeinsamen Leben nach ‘s-Hertogenbosch schickte. Auf der Universität sollte er seine Ausbildung dann fortsetzen.
Als – modern gesprochen – Studienabbrecher musste sich Gerhard Mercator eine berufliche Basis schaffen, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Zumal er 1536 die Löwener Bürgertochter Barbara Schellekens heiratete und im Jahr darauf das erste Kind zur Welt kam. Die junge Familie ließ sich in Löwen nieder, wo die Kosmographie in großer Blüte stand. Mit der praktischen Anwendung dieser Wissenschaft ließ sich gutes Geld verdienen. Karten, Globen oder mathematisch-astronomische Instrumente waren damals höchst populär.
Mercators kartographisches Erstlingswerk war eine sechsblättrige Karte des Heiligen Landes, die 1537 erschien. 1538 folgte eine erste Weltkarte („Orbis Imago“); zwei Jahre später legte Mercator seine „Sehr genaue Beschreibung von Flandern“ vor. Auf der 123 mal 96 Zentimeter großen Karte brachte er dank platzsparender Schreibweise in einheitlicher Kursivschrift mehr als 1000 Ortsbezeichnungen unter. Zur Anwendung der Kursivschrift verfasste Mercator sogar ein Handbuch. Die Kursivschrift, die Mercator in seinem „Weltatlas“ auf ihren Höhepunkt führen sollte, konnte sich bald gegen die Fraktur durchsetzen und bestimmte den Kartenstil der folgenden Jahrhunderte.





