Die beiden Epen „Ilias“ und „Odyssee“ entstanden im späten 8. Jahrhundert v. Chr., also am Übergang von den „Dunklen Jahrhunderten“ zum archaischen Griechenland. Diese Zeit war geprägt durch wichtige gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen – die sich auch in den Versen widerspiegeln.
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Die Epen „Ilias“ und „Odyssee“ sind die ältesten überlieferten Texte in griechischer Sprache. Sie wurden um 700 v. Chr. erstmals niedergeschrieben – also in einem Zeitraum, in dem die Griechen erst seit wenigen Generationen über eine eigene Schrift verfügten.
Das griechische Alphabet entstand als eine modifizierte Übernahme der westsemitischen Konsonantenschrift. Im Gegensatz zur Silben- und Symbolschrift der Linear-B-Tafeln der mykenischen Kultur bestand dieses Alphabet aus einer begrenzten Anzahl von Zeichen für Konsonanten und Vokale – Letztere stellen die entscheidende Neuerung dar, durch die die Griechen das reine Konsonantensystem der Phöniker abwandelten und ihrer Sprache anpassten.
Die genauen Umstände der Entstehung dieses Alphabets sind Gegenstand einer Forschungsdebatte. Ihre zentralen Aspekte lassen sich in drei Fragen bündeln: 1. Wer erfand das Alphabet? 2. Wo wurde es entwickelt? 3. Welchem Zweck sollte es zunächst dienen? Heute geht die Forschung davon aus, dass das griechische Alphabet von einem einzelnen griechischsprachigen „Erfinder“ oder den Angehörigen einer kleinen Gruppe entwickelt wurde, die miteinander in unmittelbarem Austausch standen.
Weniger Einigkeit herrscht bei der Frage nach dem Ort der Übernahme. In dieser Hinsicht sind immer noch zahlreiche Optionen denkbar. Die „Erfindung“ des Alphabets lässt sich unter anderem auf Euböa, Rhodos, Kreta oder Zypern sowie in Al Mina, einer Siedlung an der Mündung des Orontes an der syrischen Küste, durchaus plausibel begründen. Zu favorisieren ist dabei ein Ort, der nicht nur an einem Schnittpunkt verschiedener Handelswege liegt, sondern zugleich belastbare archäologische Indizien für ein dauerhaftes Zusammenleben von Griechen und Phönikern in einem bilingualen Ambiente bietet.
Das 8. Jahrhundert v. Chr., in das diese Innovation gehört, war in vielerlei Hinsicht eine Zeit des Neuanfangs. Das Vordringen einer agrarisch orientierten Wirtschaftsweise und die Konsolidierung größerer Gruppen als Siedlungsgemeinschaften waren dabei nur einzelne Aspekte eines umfassenden Veränderungsprozesses. Zugleich lässt sich eine Intensivierung der Kontakte zum Orient diagnostizieren, die auch in den „Dunklen Jahrhunderten“ von 1200 bis 800 v. Chr. niemals abgebrochen waren.
Die Verschriftlichung von „Ilias“ und „Odyssee“ galt in der Homer-Forschung lange Zeit als Endpunkt einer um 700 v. Chr. bereits jahrhundertelangen Überlieferungsgeschichte durch professionelle Sänger. Die Epen wurden daher der Gattung der mündlichen Dichtung zugeschrieben. Doch gerade der literarische Charakter der beiden Werke lässt sich mit dieser Theorie nicht in Einklang bringen. „Ilias“ und „Odyssee“ werden deshalb heute als kreative Schöpfungen außerordentlicher Dichter interpretiert, die an die Sagentraditionen der unmittelbar vorausgehenden drei bis vier Generationen anschlossen und auf dieser Basis in einem Ambiente der Schriftlichkeit Werke von dramatischer Komplexität und hohem ästhetischen Reiz komponierten, indem sie Mythen und Heldengeschichten aus einzelnen Landschaften zu einer großen Erzählung zusammenfügten (siehe auch Artikel Seite 30).
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Mit dieser Deutung der Epen wird die Frage, welche Art von Gesellschaft sie widerspiegeln, auf neue Weise virulent. Dabei ist die Vorstellung, dass die Epen als sorgfältig tradierte Erinnerung an die mykenische Epoche (1450–1200 v. Chr.) zu verstehen sind, schon seit einigen Dekaden obsolet. Die reich ausgestatteten Gräber und die luxuriösen Paläste dieser Ära, an denen sich eine Neigung zu glanzvoller Statusdemonstration erkennen lässt, schienen ja nur vordergründig das passende Ambiente für die Helden vom Schlage eines Achilleus oder Agamemnon zu sein.
Bei genauerer Analyse hat sich herausgestellt, dass das allgemeine Bild, das die Epen zeichnen, keine Übereinstimmungen mit der mykenischen Zivilisation zeigt. Die einfachen Verhältnisse, die die Texte zumal in den unbetonten „Hintergrundschilderungen“ beschreiben, in die die heroischen Episoden des erzählerischen „Vordergrundes“ eingebettet sind, unterscheiden sich grundsätzlich von der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Organisation des Palastsystems.
Eine Konfrontation der Epen mit der materiellen Hinterlassenschaft der letzten drei bis vier Generationen vor ihrer Verschriftlichung bestätigt diesen Befund. Das allgemeine Ambiente, in dem die Helden agieren, sowie die Charakterisierung der sozialen Hierarchien, der institutionellen Ordnung und der Wertewelt vermitteln ein Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Zeit ihrer schriftlichen Fixierung um 700 v. Chr.
Angehörige der Elite sind stolz auf ihre Ahnenreihe
Eine Interpretation der Epen, die diesen Vorgaben folgt, zeigt, dass „Ilias“ und „Odyssee“ eine stratifizierte Gesellschaft widerspiegeln, in der sich eine Elite von der Masse der freien Bauern abhebt. Die Angehörigen dieser Elite, die in sich wiederum gegliedert ist und deren Spitzengruppe Helden vom Kaliber eines Achill, Agamemnon oder Odysseus bilden, zeichnen sich zunächst durch vornehme Abkunft aus. Die epischen Helden rezitieren gern und oft ihre umfangreichen Genealogien und rühmen sich der Kriegstaten ihrer Vorfahren.
Allerdings ist diese Art von Ahnenstolz stets beschränkt auf die Einzelpersönlichkeit, die auf diese Weise ihre Ansprüche auf Prominenz im Vergleich zu anderen Standesgenossen untermauern und sich einen hohen Rang in der Hierarchie der Helden sichern will. Diese Selbstdarstellung als Nachkomme herausragender Heroen reflektiert ein Stadium des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses, in dem sich die Vorstellung noch nicht verfestigt hatte, dass die Elite als Gruppe einen abgeschlossenen Stand darstellt, der primär durch sein Geblüt von der Masse geschieden ist. Aus vornehmer Abkunft resultierte noch keine „Automatik“ der Standeszugehörigkeit.
Diesem Befund entspricht eine Binnengliederung der homerischen Gesellschaft in einzelne Häuser – oíkoi. Mit dem Terminus oíkos wird in den Epen einerseits ganz konkret ein Wohnhaus benannt, andererseits wird er verwendet, um alle zu einem Hauswesen gehörenden Personen und Besitztümer zu bezeichnen: Der Oikos war also zugleich eine soziale und eine wirtschaftliche Einheit.
Das Familienoberhaupt, der Oikosherr, war der alleinige Besitzer des Landes, der Sklaven, des Viehbestandes und aller anderen Reichtümer, die sich in den Vorratskammern stapelten. Diese in der „Odyssee“ beschriebenen Verhältnisse entsprechen der Lebensweise in den griechischen Siedlungen späterer Jahrhunderte, in denen weitverzweigte Abstammungsgemeinschaften ebenfalls keine Rolle spielten.
Die Zugehörigkeit zu größeren Verwandtschaftsgruppen bestimmte weder die Beziehungen des einzelnen Oikosherrn zu Seinesgleichen noch seine Position und seine Einflussmöglichkeiten auf der Ebene des Gemeinwesens, in dem er mit seiner Familie ansässig war.
Maßgebend für die Geltung des Oikosherrn in diesen Gemeinschaften und darüber hinaus war sein Reichtum. Dieser Reichtum war in ein komplexes Netz weiterer Überlegenheitsmerkmale eingebunden. Besitz war in der homerischen Gesellschaft zugleich Voraussetzung und Konsequenz der Überlegenheit in anderen Bereichen des Lebens. Seinem Erwerb dienten die meisten Aktivitäten der Helden.
Auch wenn es in dem mythischen Krieg gegen Troja vordergründig um eine schöne Frau, um männliche Ehre und unsterblichen Ruhm geht, so scheint hinter diesen Szenarien doch immer wieder eine ganz andere, profane Realität durch: In der den Dichtern und dem Publikum vertrauten Welt des ausgehenden 8. Jahrhunderts v. Chr. waren kriegerische Unternehmungen zumeist nicht mehr als Beutezüge mit begrenztem Radius oder Nachbarschaftsfehden um Viehherden und fruchtbare Äcker.
Wirtschaftlicher und militärischer Erfolg gehen Hand in Hand
In einer solchen Gesellschaft demonstrierte Besitz also stets auch die militärische Tüchtigkeit des Besitzers. Reichtum und Erfolg im Krieg ließen sich nicht voneinander trennen: Wer erfolgreich im Kampf war, war auch reich und angesehen und umgekehrt.
Die Besitztümer der Helden erscheinen bereits in den Epen als die Basis für die Herausbildung eines „adligen“ Lebensstils. Die Dichter räumen der Schilderung der Merkmale dieses Lebensstils – wie etwa der Beschäftigung mit Jagd und Pferdezucht, der Ertüchtigung in einer Reihe von sportlichen Disziplinen, der Ausrichtung von Gastmählern und dem Austausch von Geschenken – breiten Raum ein. Ja, sie stellen sie sogar als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen den Helden und den anderen Schichten heraus.
Die Individuen, die an diesem Lebensstil partizipieren, zeichnen sich durch ein breites Spektrum an Überlegenheitsmerkmalen aus: Dazu zählen neben Reichtum körperliche Kraft und Geschicklichkeit, Schönheit und athletische Fähigkeiten, Kriegsruhm und Redekunst. Diese Qualitäten waren allgemein als Ausweis individueller Vorzüglichkeit gesellschaftlich anerkannt und deshalb Gegenstand eines permanenten Konkurrenzkampfes. Das ausgeprägte Wettbewerbsethos, das sich in dieser Konkurrenz manifestierte, muss als übergreifendes Strukturmerkmal der Elite angesehen werden.
Die Oikoi, in denen die Helden mit ihren Familien und Anhängern leben, sind Teil von Siedlungen, die die Dichter als póleis bezeichnen. In ihren Texten finden sich somit die frühesten Belege für jenen Terminus, der dann, Jahrhunderte später, zum Schlüsselbegriff für eine politische Ordnung wird, die als kulturspezifische Besonderheit der antiken griechischen Welt gilt.
In den Epen ist die pólis bereits allgegenwärtig. Die Passagen, die von den Eroberungen, Plünderungen und Brandschatzungen von Troja und anderen Städten berichten, nennen dabei bereits ein wesentliches Merkmal der Poleis: Der Kampf um die Polis ist zuallererst einmal der Kampf um ihre Mauern. Für die Angreifer gilt es, Mauern, Türme und Tore zu erobern.
Zu einer Stadt gehören „breite Straßen“ und „weite Plätze“
Die homerische Polis sollte aber nicht auf die Funktion einer Fluchtburg reduziert werden. Die Mauer ist auch eine Metapher für die Einhegung eines Raumes, der damit von einer Siedlungsgemeinschaft in Besitz genommen und für die zu ihr gehörenden Menschen dauerhaft reserviert wurde. Die Polis als Raum ist darüber hinaus durch ihre planvolle Ausgestaltung gekennzeichnet. Troja, Sparta, Athen und andere der „großen“, „reichen“ und „schöngebauten“ Poleis bestehen nicht nur aus den Häusern ihrer Bewohner, sondern haben auch „breite Straßen“ und „weite Plätze“. Zuweilen gibt es auch eine Akropolis und Häfen wie beispielsweise auf Ithaka, der Heimat des Odysseus, wo laut dem 13. Buch der „Odyssee“ die Berge bis dicht an die Bucht heranreichen und „starkes Gewoge von außen“ nicht einmal bei „widrigen Winden“ in den Hafen hineinlassen, dessen Ende ein Ölbaum und eine Nymphengrotte markieren.
Vor allem haben homerische Poleis durchweg einen zentralen Platz, einen speziell reservierten „öffentlichen“ Raum, der von den Dichtern als agorá bezeichnet wird. Diese öffentlichen Räume werden als sorgfältig gestaltet charakterisiert: Sie sind gepflastert und mit steinernen Ehrenplätzen oder planvoll arrangierten Sitzreihen ausgestattet, und in ihrer Nähe liegen die heiligen Bezirke, die Opferstätten und die Tempel für die Schutzgottheiten der Poleis.
Schon in den Epen bezeichnet der Begriff „Agora“ sowohl diesen Platz selbst als auch seine wichtigste „öffentliche“ Funktion: die Versammlung der Gemeinschaft. Hier wird debattiert und gestritten, und hier ist auch der Ort der Rechtsprechung und der friedlichen Streitbeilegung. Hier finden Feste, athletische Spiele und religiöse Zeremonien statt, bei denen die ganze Bevölkerung präsent ist und aktiv teilnimmt.
Sowohl in der „Ilias“ als auch in der „Odyssee“ üben in vielen Poleis Könige (basileís) die öffentlichen Funktionen des Gemeinwesens aus. Dabei kann es sich einerseits um einen einzelnen „König“ handeln, der etwa im Namen der Gemeinde Opfer und Gebet vollzieht. Er hat zudem das Recht, den Ältestenrat einzuberufen, in dem jeweils die Oberhäupter der ranghohen Familien sitzen. Und auch das gesamte Volk kann er in einer Versammlung zusammenrufen, wann immer er es für notwendig hält. Darüber hinaus gehört auch die Rechtsprechung zu den Aufgaben des Königs.
Die Epen beschreiben eine Gesellschaft im Wandel
Andererseits beschreiben die Dichter auch andere Strukturen, in denen eine Gruppe von basileís diese Aufgaben gemeinsam ausübt. Die Epen spiegeln also einen Wandlungsprozess wider, bei dem ein einzelner „König“ von einer hierarchisch strukturierten Elite abgelöst wird, die kollektiv herrscht.
Wegen ihrer Konzentration auf die Welt der Heroen widmen die Dichter der Rolle breiterer Schichten der Bevölkerung im öffentlichen Raum wenig Aufmerksamkeit. Neuere Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass man daraus nicht auf eine generelle Bedeutungslosigkeit dieser Schichten im militärischen und politischen Leben schließen darf.
Hinter der Verherrlichung der Macht, der Leistung und der Ansprüche der Führungsschicht enthüllt die aufmerksame Lektüre eine andere Wirklichkeit. So sind die freien Bauern selbst in der „Ilias“ unverzichtbar.
Im Kampf monopolisieren die Einzelkämpfer mit ihren Gefolgsleuten vordergründig die Schlachtfelder. Dahinter scheint jedoch an vielen Stellen ein anderer Modus der Kriegführung durch, bei dem auch die Masse der Mannen intensiv in die Kämpfe involviert ist. Sie kämpfen in einer Aufstellung, die bereits Ähnlichkeit mit der späteren Phalanx – der dicht gestaffelten, einheitlich bewaffneten Kampfformation – zeigt, und führen in Massenschlachten die Entscheidung herbei.
Und auch im zivilen politischen Leben ist die Rolle des Volkes bedeutend. Bei den Versammlungen auf der Agora, bei denen es um Streitschlichtung und Beuteverteilung geht, ist es an den Entscheidungen beteiligt, die das Schicksal der Gemeinschaft betreffen.
Dieser Befund wirft abschließend die Frage nach den Motiven für die Verschriftlichung der Epen und nach den Gründen für ihren jahrhundertelangen kulturellen Einfluss auf. Wurden diese Texte genialer Dichter im Medium der Schrift so nachhaltig konserviert, weil sie eine Welt im Wandel widerspiegeln? Resultiert ihre Bedeutung für die griechische Ethnogenese daraus, dass sie neben affirmativen Abschnitten, die Glanz und Glorie der Führungsschicht am Beispiel ihrer imaginierten Vorfahren demonstrieren, auch Passagen enthalten, die durch die Kritik an dem allzu selbstherrlichen Verhalten einzelner Helden gemeinschaftsbezogene Verhaltensnormen propagieren und die Integration in die Gruppe einfordern?
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