„Die Republik“, so wird die vergangenheitsbesessene und zugleich in dauernder Revision befindliche politische Kultur charakterisiert, „war Baustelle und Rumpelkammer in einem. Ihre Zukunft wurde mitten im Ramsch der Vergangenheit errichtet.“ Die Bedeutung des Volkes, eines der meistdisku-tierten Forschungsprobleme der letzten Jahre, erfaßt Holland treffend: Die Römer hätten gewußt, daß sie weder als Sklaven eines Königs noch als Gefolge von Aristokratencliquen jemals imstande gewesen wären, die Welt zu erobern. Neben dem Naserümpfen über die konkrete Plebs stand bei den hohen Herren immer die abstrakte Vorstellung von einem idealen Volk.
Der Grundwiderspruch des politischen Systems, das bei seinen Eliten einen „quälenden Hunger nach Ansehen“ hervorrief, ohne talentierten Einzelpersonen einen wirklichen Gestaltungsspielraum geben zu können, manifestierte sich zuerst und gleich sehr drastisch an den Grac?chen; ihr Wirken und Ende hat „endgültig jene Reformen verhindert, für die sie gestorben waren“.
Akademische Blässe oder postmoderne Lust an verspielten Brechungen sind Hollands Sache nicht; er zeigt vielmehr im Duktus eines betont nüchternen, bisweilen heroisch anmutenden Realismus die Kraft und Bewegungsenergie dieser Republik, die Brutalität des politischen Lebens, die Extravaganzen der Frontmänner und den schmalen Grat, auf dem jeder von ihnen nach vorn stürmte. „Jeder ehrgeizige Politiker mußte zugleich die Eigenschaften des Verschwörers in sich tragen“, heißt es etwa im Zusammenhang mit denglänzend geschilderten Umtrieben Catilinas, über die Holland übrigens völlig zu Recht sagt, daß sie „hinter einem Nebel von Desinformation verborgen“ seien. Die Ausbeutung der Sklaven, die würgende Verschuldung und die Bereitschaft zu Gewaltausbrüchen sind in seiner Analyse dialektisch verschränkt mit Leittugenden, die jeden lebendigen Republikanismus bis heute auszeichnen: der Kultur des Bürgerrechts, der Leidenschaft für Freiheit, der tiefen Furcht vor Schimpf und Schande.
Wendungen aus der politischen Sprache unserer Zeit aktualisieren das geschilderte Geschehen, ohne zu platten Gleichsetzungen zu verkommen. Die ausgehende Römische Republik in die jeweils eigene Welt hineinzuholen und sie dadurch neu zu beleuchten, das haben in ihrer Zeit Theodor Mommsen und Ronald Syme meisterhaft verstanden. Ein Vergleich mit ihnen wäre unfair, denn Hollands Buch will keine genuine Forschungsleistung im Sinne echter Innovation sein, obwohl sich etwa zu Gestalten wie Lucullus und Pompeius weiterführende Reflexionen finden. Doch auch der kundige Leser profitiert von dem hier vorgeführten Nachdenken und Zuspitzen. „Rom“, so heißt es zur Begründung der Fragestellung, „war die erste und bis vor kurzem einzige Republik, die zur Stellung einer Weltmacht gelangte, und es ist in der Tat schwierig, eine andere Episode der Geschichte zu finden, die unserer eigenen Zeit fesselnder einen Spiegel vorhält“.





