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„Die Wüste bevölkerte sich mit Mönchen …“
Gegen Anfang des 4. Jahrhunderts erfasste eine starke asketische Bewegung die christliche Gemeinde in Ägypten. Immer mehr Männer und Frauen entschieden sich dafür, ein einfaches Leben in der Wüste zu führen. Die ersehnte Abgeschiedenheit fanden die Pioniere des Mönchtums dort nicht immer.
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Fast 20 Jahre lebte Antonius „der Große“ allein in einem verlassenen römischen Kastell in der ägyptischen Wüste. Das Leben in der Einsamkeit schien ihm die Möglichkeit zu eröffnen, dem christlichen Ideal näherzukommen. Allerdings suchten ihn immer wieder Besucher auf, um seinen Rat und seinen Zuspruch zu erbitten. Sie gingen sogar so weit, mit Gewalt das Tor zum Kastell aufzubrechen. Auch ein Ortswechsel brachte keine Besserung: Ein Leben in echter Einsamkeit war ihm nicht vergönnt.
Es erscheint als Paradox, dass über diejenigen, die auf ihrer Suche nach Einsamkeit den größten Erfolg hatten, nicht berichtet werden kann, hingegen die Berichte über den, der sich vor Besuchern kaum retten konnte, groß an der Zahl sind. Antonius gilt auch deshalb als der erste Mönch (von griechisch: mónos = allein), weil er nicht allein blieb, weil die Zahl seiner Besucher und derer, die seinem Vorbild folgen wollten, so außerordentlich groß war.
Das 4. Jahrhundert brachte für das Christentum umwälzende Veränderungen und große Konflikte mit sich: Auf seine Legalisierung im Römischen Reich folgte schon bald der arianische Streit, der um die Frage kreiste, ob Jesus Christus wesensgleich mit Gott sei. Parallel dazu entwickelte sich – scheinbar aus dem Nichts – eine mönchisch-klösterliche Lebensform, welche die Kirche über Jahrhunderte hinweg prägen sollte.
Das Motiv der ersten Mönche: die Flucht aus der belebten Welt
Am Anfang dieser monastischen Bewegung standen charismatische Einzelgänger wie Antonius. Kurz nach dem Tod seiner wohlhabenden christlichen Eltern soll er beim Besuch des Gottesdienstes Jesus’ Zurechtweisung des reichen jungen Mannes vernommen haben: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!“ (Mt. 19, 21). Beim nächsten Besuch, so berichtet es der Verfasser seiner Vita, Bischof Athanasius von Alexandria, habe er dann das Wort von der rechten Sorge vernommen: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ (Mt. 6, 34). Für Antonius war sein Weg damit vorgezeichnet: Nachdem er die Erziehung seiner jüngeren Schwester organisiert hatte, suchte er einen alten Mann auf, der in der Nähe seines Dorfes ein Einsiedlerleben führte, nahm sich diesen als Vorbild und begann, ein asketisches Leben zu führen.
Das Vorbild beweist: Antonius’ nunmehr eingeschlagener Lebensweg war nicht radikal anders. Asketische Bewegungen waren beileibe nichts gänzlich Unbekanntes, und auch geistliche Gemeinschaften gab es schon – und doch erscheint der junge Antonius als Innovator innerhalb der christlichen Gemeinde Ägyptens.
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Den direkten Weg in die Wüste wählte er dabei zunächst nicht. Rund 15 Jahre blieb er in der Nähe von Siedlungen, ehe er sich aufmachte und jenes Kastell in der Einöde bezog, in dem er seinen einsamen Kampf gegen die Dämonen beginnen sollte.
Ist bei Antonius zumindest der Anlass für seinen Gang in die Wüste überliefert, so gilt dies für die meisten anderen „Wüstenväter“ nicht. Deutlicher ist jedoch ihr Ziel auszumachen: die Errettung der eigenen Seele. Immer wieder kreisen die überlieferten Texte um die Frage, was der Mensch tun kann, um gerettet zu werden. Der Gang in die Wüste, um der Unreinheit der weltlichen Gesellschaft zu entkommen, erscheint als erster logischer Schritt. Doch auch an etwas anderem wird in den Texten kein Zweifel gelassen: Die wahre Arbeit beginnt damit erst. Und niemand solle es wagen, sich ohne gründliche Unterweisung auf den Weg zu machen!
Ein Schlüsselbegriff im einsamen Kampf um das Heil ist logismós. Das griechische Wort ist kaum zu übersetzen und bezeichnet im weitesten Sinne jede Art von geistiger Regung und Aktivität. In den Augen der Wüstenväter barg diese vor allem eins: Gefahr. Die Gefahr dunkler Gedanken oder Versuchungen, Anwandlungen von Gier, Faulheit, Unglauben, Stolz oder porneía – sexueller Sünden in Gedanken, Worten oder Taten.
Im Kampf gegen die logismoí empfahlen die Wüstenväter eine Reihe von Gegenmaßnahmen: den weitestgehenden Verzicht auf Nahrung und Schlaf, harte körperliche Arbeit und das beständige, andauernde Gebet. Vor allem aber mahnten sie zur Demut, denn ohne Demut diene alles Fasten, aller Verzicht, alle Arbeit, alles Gebet, ja selbst jeder Akt der Nächstenliebe nur der Pflege der eigenen Eitelkeit. Lieber solle man einen mäßigeren Weg des asketischen Lebens einschlagen als zu versuchen, andere darin zu übertreffen.
Diese Ansicht teilte auch Antonius. Laut einer bekannten Anekdote sah ihn einmal ein Jäger mit einigen jüngeren Mönchen scherzen und empörte sich über dieses scheinbar frivole Verhalten. Antonius forderte ihn daraufhin auf, seinen Bogen stärker und stärker zu spannen. Als der Jäger anmerkte, dass der Bogen zerbrechen werde, wenn er ihn zu stark spanne, kommentierte Antonius trocken: „Das Gleiche gilt für das Werk Gottes.“
Die Wüstenväter wussten um den Wert der discretio, jener Kunst, das rechte Maß zu finden, die später von Benedikt von Nursia zur „Mutter aller Tugenden“ erklärt wurde. Dass asketische Übungen nur etwas nützen, wenn sie richtig angewandt werden, erklärte etwa Evagrius Ponticus: „Lesen, Beobachten und Beten beruhigen einen wandernden Geist; Hunger, Arbeit und Isolation stillen brennendes Verlangen; Psalmgesang, Langmut und Barmherzigkeit beruhigen den Zorn – wenn diese Dinge zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Maß angewandt werden. Was unverhältnismäßig ist oder nicht zur rechten Zeit getan wird, hat nur eine kurzfristige Wirkung und ist eher schädlich als nützlich.“ Wer zu extremen Formen der Frömmigkeit greife, nur um seinen Mitmenschen die eigene Tugendhaftigkeit zu demonstrieren, der verfalle dem Stolz, der schlimmsten aller Todsünden. Zu fasten sei gut, zu hungern hingegen dumm. Oder, wie es Cassian formulierte: „Ein übermäßiges Enthalten von Speisen kann nicht nur die geistige Standhaftigkeit zum Wanken bringen, sondern auch die Wirksamkeit des Gebetes in Folge der körperlichen Ermüdung lähmen.“
Besucher folgen den Eremiten auch tief in die Wüste
Wenn Besucher erschienen, so waren sich die Wüstenväter einig, sei die eigene Lebensweise an deren Bedürfnisse anzupassen, der Wunsch nach Isolation dem Gebot der Gastfreundschaft unterzuordnen und auch das Fasten zu unterbrechen. In den Sprüchen der Väter heißt es dazu: „Fasten hat seinen Lohn, aber wer aus Liebe isst, erfüllt zwei Gebote: Er hat seinen eigenen Willen aufgegeben und das Gebot der Nächstenliebe erfüllt, indem er seine Brüder erfrischt hat.“ Als Antonius sein Kastell in der Wüste schließlich verließ und an eine tiefer in der Wüste gelegene Oase zog, wurde er weiterhin von Besuchern bedrängt.
Doch er war nicht der einzige „Wüstenvater“, der Schüler um sich scharte. Viele Anhänger sammelten sich etwa um einen ehemaligen Balsambauern namens Ammon. Die ernsthafteren unter ihnen um Makarius von Alexandria gründeten in der Folge die vielleicht bekannteste Eremitensiedlung in Ägypten: Kellia. Bis zu 500 Mönche lebten hier in einzelnen, aber nicht allzu weit voneinander entfernt gelegenen Zellen. Noch abgelegener, in der sketischen Wüste südwestlich des Nildeltas, lag die Siedlung der Mönche um Makarius den Ägypter. Wie Ammon und sein Namensvetter aus Alexandria war auch er persönlich mit Antonius bekannt. Denn ganz so isoliert, wie es den Anschein hatte, lebten die Mönche in der Wüste nicht. Im Gegenteil pflegten sie den Austausch, besuchten sich gegenseitig und suchten den Rat der anderen.
Soweit das möglich war, waren die Mönche Selbstversorger. Antonius etwa bewirtschaftete einen kleinen Garten, der ihm das Nötigste zum Leben lieferte. Er hatte den Vorteil, an einer Süßwasserquelle zu leben. Gaben die harschen Bedingungen in der Wüste nicht genug zum Überleben her, so blieb den Mönchen nichts anderes übrig, als Produkte herzustellen, die sie bei vorüberziehenden Händlern oder im nächsten Dorf gegen Nahrungsmittel eintauschen konnten. Eine häufig genannte Ware sind aus Schilf geflochtene Körbe, Siebe und Matten, Seile aus Flachsfaser und Leinen, das als Luxusprodukt galt. Wer des Schreibens kundig war, arbeitete als Kopist, und auch die Papierherstellung wird als Tätigkeitsfeld genannt.
Hauptnahrungsmittel war eine sehr harte und haltbare Brotvariante, die vor dem Essen angefeuchtet werden musste, außerdem Linsen, mitunter auch anderes Gemüse, Öl und Essig. Unverzichtbar war Salz, getrunken wurde Wasser, aber auch von Weinkonsum ist in den Quellen die Rede.
Begleitet wurde die Arbeit von dauerndem Gebet und Meditation, wobei Letztere die ständige Rezitation von Psalmen und Bibelversen bezeichnete, die leise, aber auch laut erfolgen konnte. Denn das von allen Mönchen angestrebte Ziel der hesychía, der Ruhe oder Stille, bezeichnete keine äußere, sondern eine innere Stille, eine Abwesenheit des ständigen inneren Gesprächs, die zu wahrer Ruhe und Gelassenheit des Geistes führen sollte. Auch Reden war daher nicht verboten, nur unnützes Reden zu vermeiden. Im Zweifel zu schweigen sollte auch davor schützen, zu lügen, zu lästern oder zu fluchen.
Vor diesem Hintergrund war die Zelle als Rückzugsort unabdingbar. Ein Mönch sollte nicht mehr als nötig in der Welt herumlaufen, sondern sich nach Möglichkeit in seiner Behausung aufhalten. Nicht verboten war es indes, den Rat eines Weiseren zu suchen, und andersherum sollten die Älteren ihre Schüler im Auge behalten, um ihnen zu helfen, auf dem rechten Weg zu bleiben.
Die Suche nach dem rechten Maß des Kontakts zu anderen zählte für die Wüstenväter zu den zentralen Fragen ihres Lebens, die immer wieder diskutiert wurden. Dass das Leben in einer Gemeinschaft auch viele Vorteile bot, wussten sie sehr wohl. Nicht zuletzt diente die Gruppenbildung auch der eigenen Sicherheit. Überfälle auf Eremitensiedlungen und Plünderungen sind mehrfach belegt.
Für die Thebais wird Pachomius zur prägenden Figur
Während sich geordnete Formen eines solchen Zusammenlebens, das zunächst wohl eher ein Nebeneinanderher- als ein Miteinander-Leben war, in der nitrischen Wüste erst langsam herausbildeten, verlief die Entwicklung in der oberägyptischen Thebais deutlich anders. Auch hier stand eine einzelne charismatische Figur am Beginn einer starken monastischen Bewegung: Pachomius, über dessen Leben etwa Palladius von Helenopolis berichtet.
Ins römische Heer zwangsrekrutiert, kam der junge Heide Pachomius fernab der Heimat in Kontakt mit christlichen Gemeinden. Zurück in Ägypten ließ er sich taufen, ehe er das Bedürfnis nach einem einsamen Leben entwickelte. Ähnlich wie Antonius ließ auch er sich von einem erfahrenen Eremiten, einem Mann namens Palaemon, anleiten. Doch eine Weile nachdem er sich in der Nähe von Tabennesis in die völlige Einsamkeit zurückgezogen hatte, erschien ihm ein Engel und machte ihm schwere Vorwürfe: „Für dich selbst hast du gesorgt und sitzt darum zwecklos in deiner Höhle. Geh fort und vereinige alle jungen Mönche und wohne mit ihnen zusammen und gib ihnen eine Regel nach dem Muster, das ich dir überreichen will!“
Anders als Antonius und die anderen frühchristlichen Einsiedler in Unterägypten beschritt Pachomius den Weg des zönobitischen Mönchtums (von griechisch: koinós bíos = gemeinschaftlich leben). Nicht nur seine eigene Seele, sondern auch die Seelen seiner Anhänger sollte er retten.
Entsprechend verschieden gestaltete sich demnach das Leben im Kloster des Pachomius: Nicht allein, sondern zu zweit oder zu dritt wohnten die Mönche in ihren Zellen, gearbeitet, gegessen und gebetet wurde gemeinsam. Auch wurde hier stärker auf Bildung geachtet als in der nitrischen Wüste, wo der Grundsatz galt, dass auch ein ungebildeter Mann Weisheit erlangen kann, und vor intellektuellen Spitzfindigkeiten sogar eher gewarnt wurde: Jene Mönche im Kloster des Pachomius, die nicht lesen konnten, wurden angehalten, es zu lernen. Das neue Konzept war überaus erfolgreich: Als Pachomius um 345 starb, sollen in acht Klöstern, darunter auch einem Frauenkloster, Tausende Mönche und Nonnen gelebt haben. Nach seinem Tod scheint der Klosterverband des Pachomius zwar schnell wieder auseinandergebrochen zu sein, die zönobitische Form des Mönchtums sollte sich jedoch in der Zukunft weitestgehend durchsetzen.
Trotz aller Zurückgezogenheit gelang es aber auch den frühesten Vertretern der monastischen Bewegung in Ägypten nicht, sich den kirchenpolitischen Erschütterungen ihrer Zeit ganz zu entziehen. Zwar schärften die Alten den Jungen ein, Dispute und Streit zu vermeiden und nicht so vermessen zu sein, über die Ansichten anderer zu urteilen, und doch sind wenigstens zwei schwere Konflikte belegt.
Der grundsätzlichere dieser Konflikte war der arianische Streit. Glaubt man Bischof Athanasius von Alexandria, so sah sich im Zuge dessen sogar Antonius dazu veranlasst, aus der Wüste nach Alexandria zu ziehen, um gegen die Arianer zu predigen. Allerdings war ebenjener Athanasius, der einst selbst am wegweisenden Konzil von Nicäa (325) teilgenommen hatte, der vielleicht bedeutendste Gegenspieler der arianischen Bewegung.
Theologische Streitfragen beschäftigen auch die Wüstenväter
Anlass für eine weitere schwere Erschütterung des friedlichen Zusammenlebens in der Wüste war der sogenannte origenistische Streit. Hintergrund waren die Ansichten des längst verstorbenen Gelehrten Origenes (185–um 253). Kern des Konflikts war die Frage nach der korrekten Vorstellung, die sich Gläubige von Gott machen sollten: Die sogenannten Antropomorphiten stellten ihn sich in Menschengestalt vor, die Anhänger des Origenes fanden dies unangemessen. In der sketischen Wüste dominierten die Antropomorphiten, in Kellia die Origenisten.
Der Konflikt wäre wohl nie eskaliert, hätte Bischof Theophilos von Alexandria nicht versucht, erst die eine und dann die andere Gruppe als Anhänger in seinem innerkirchlichen Machtkampf mit Johannes Chrysostomos, dem Patriarchen von Konstantinopel, auf seine Seite zu ziehen. So verurteilte er erst die Lehren der einen, dann die der anderen Partei, was zu hitzigen Auseinandersetzungen und auf einer lokalen Synode sogar zu Handgreiflichkeiten führte.
Fest steht: Auch in der Abgeschiedenheit der Wüste konnten die Mönche sich nicht völlig aus der Welt samt ihrer theologischen Disputationen zurückziehen, ob sie es nun wollten oder nicht. Für die weitere Entwicklung des christlichen Mönchtums waren ihre nachträglich aufgezeichneten Geschichten und Denksprüche (Apophthegmata) gleichwohl von großer Bedeutung. Bis weit ins Mittelalter dienten sie als Bezugspunkt und Quelle der Inspiration, fanden Nachahmer und Bewunderer. Praktisch jeder größeren Reformbewegung des Mittelalters, aber auch vielen protestantischen Gruppen der Neuzeit galten sie als Vorbilder, denen es nachzueifern galt.
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