Das 10. Jahrhundert war die Blütezeit des islamischen Spanien in politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht; auch die Kultur erlebte eine erste Hochblüte, der indessen in den späteren Jahrhunderten noch weitere folgen sollten. Die Macht des Islam schien unzerstörbar, die Prachtentfaltung des Kalifats unübertrefflich. Die Hauptstadt Córdoba war eine Großstadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern und modernster Infrastruktur. Dem Glanz und der Größe des kalifalen Córdoba waren allenfalls Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs, sowie Bagdad, der Sitz des Abbasidenkalifats, oder Chang-An, die ferne Kapitale des chinesischen Kaiserreichs, vergleichbar.
Der kosmopolitischen Einwohnerschaft der Stadt standen über 2 000 öffentliche Bäder, ungezählte Moscheen mit den daran angeschlossenen Schulen sowie umfangreiche Bibliotheken mit dem Wissen der damaligen Welt zur Verfügung. Die Handelsbeziehungen umfassten den ganzen Mittelmeerraum, Waren und Moden aus aller Welt kamen in Córdoba zusammen. Gelehrte, Künstler und Dichter kamen von weit her und brachten ihr Wissen und Können in die Stadt. Der Ruhm der kalifalen Hauptstadt drang in alle Welt, weit über die Iberische Halbinsel hinaus. Botschafter des Heiligen Römischen Reichs und des byzantinischen Kaisers verbreiteten die Kunde von den Wundern des Kalifenstaats. Die Nonne Roswitha von Gandersheim (um 935 – um 975), die erste deutsche Dichterin, bezeichnete Córdoba als clarum decus orbis, die „berühmte Zierde des Erdkreises“; sie stützte sich dabei auf die enthusiastischen Berichte einer Gesandtschaft von Kaiser Otto I., die dem Kalifen in seinem Thronsaal die Aufwartung gemacht hatte.
Diese Hochblüte wurde ermöglicht durch das Wirken des bedeutendsten Herrschers, den das maurische Spanien hervorgebracht hat: Abd ar-Rahman III. (912 – 961) aus dem Geschlecht der Omaijaden. Sein Beiname an-Nasir, „der Sieger“, zeigt deutlich, worauf sich seine Herrschaft gründete: auf militärische Erfolge. An dieser Stelle ist ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des omaijadischen Emirats angebracht.
Die Einigung und interne Konsolidierung des Reichs war nach dem Tod von Abd ar-Rahman I. durch innere Zwistigkeiten bedroht. Im Lauf des 9. Jahrhunderts kam es immer wieder zu größeren und kleineren Erhebungen gegen die omaijadische Zentralmacht. Dabei spielte das Erbübel der Araber (und auch der Berber) die entscheidende Rolle: die Rivalität zwischen konkurrierenden Stämmen. Seit den ältesten Zeiten lagen die arabischen Geschlechter miteinander in Fehde; das Leben der Beduinen in vorislamischer Zeit war von ewigen Kriegen geprägt. Im unaufhörlichen Kampf der „Söhne von X“ gegen die „Söhne von Y“ mussten die Männer ihre Tapferkeit unter Beweis stellen. Nun war diese Daseinsform vielleicht dem kargen Leben in der Arabischen Wüste angemessen, mit fortschreitender Zivili‧sation indessen erwies sie sich nur noch als Hindernis. An die Stelle der Stammessolidarität mit ihren Gesetzen von Ehre und Blutrache sollten übergeordnete Loyalitäten treten: zu der vom Propheten geforderten Gemeinschaft der Gläubigen im „Haus des Islam“ und zum islamisch geprägten Staat des Prophetennachfolgers (khalifa).





