Im Jahr 1525 wurde in Zürich eine ganz besondere Bibelausgabe gedruckt: das Alte Testament vom deutschen Buchdrucker und Verleger Christoph Froschauer. Diese Bibelversion enthielt erstmals eine ausführliche Landkarte, gezeichnet vom berühmten deutschen Renaissance-Maler Lucas Cranach dem Älteren. Heute sind nur noch wenige Exemplare dieses Werkes erhalten. Sie werden in Bibliotheken weltweit aufbewahrt und konserviert, darunter ein Exemplar in der Wren Library des Trinity College Cambridge. Der Historiker Nathan MacDonald von der Universität Cambridge hat die Darstellung Cranachs nun näher untersucht und mit verschiedenen Bibeltexten verglichen.
Die Karte zeigt demnach die Stationen der 40-jährigen Wanderung der Israeliten durch die Wüste, nachdem diese aus der Sklaverei befreit und Ägypten verlassen hatten. Sie bebildert damit den Verlauf einer der berühmtesten biblischen Geschichten. Darüber hinaus zeigt die Karte auch die Teilung des Gelobten Landes in zwölf Stammesgebiete, nach der Ankunft der Israeliten im biblischen Land Kanaan. Dabei unterteilte Cranach – ähnlich wie frühere christliche Karten aus dem Mittelalter – das Gebiet beidseitig des Jordans in zwölf Landstreifen mit klaren Grenzen.

Erste Karte des Gelobten Landes – mit Fehlern
Wo diese Grenzen historisch angeblich verliefen, ist in der Bibel beschrieben, verfasst im ersten Jahrhundert nach Christus vom jüdisch-römischen Historiker Flavius Josephus. Allerdings vereinfachte dieser die wahren Grenzverläufe in seinen Beschreibungen. „Josua 13–19 bietet daher kein völlig kohärentes, konsistentes Bild davon, welches Land und welche Städte von den verschiedenen Stämmen bewohnt wurden. Es gibt mehrere Unstimmigkeiten“, so MacDonald. Zudem war die Karte geografisch nicht genau und enthielt Fehler. Beispielsweise wurde die Karte so gedruckt, sodass das Mittelmeer östlich von Palästina erschien.
„Dennoch half die Karte den Lesern, die Dinge zu verstehen“, so MacDonald. Denn viele Christen nahmen die Bibel damals sehr wörtlich, darunter die Gläubigen während der Reformationszeit, zu denen auch Froschauer gehörte. Die Geschichten und Personen der Bibel zu bebildern und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ist im Alten Testament ausdrücklich verboten und wurde damals sehr ernst genommen, Karten des Heiligen Landes zu erstellen war hingegen erlaubt. Karten wie die von Lucas Cranach dem Älteren boten den Christen daher eine seltene Möglichkeit, die räumlichen und zeitlichen Ereignisse der Bibel besser zu verstehen. Auf der Karte konnten sie beispielsweise nachverfolgen, wo der Berg Karmel, die Städte Nazareth und Jericho sowie der Fluss Jordan lagen, und so auf virtuelle Pilgerreise gehen. „In ihrem inneren Auge reisten sie über die Karte und begegneten dabei der heiligen Geschichte“, so MacDonald.
Bibelkarte als Treiber für politische Kräfte
Froschauers Bibel und Cranachs Karte folgten dabei zwar einem bestehenden Trend, Karten mit territorialen Einteilungen zu erstellen, befeuerten diesen Trend aber zugleich enorm, betont der Historiker. Denn diese und spätere anschauliche Darstellungen des Heiligen Landes in verschiedenen Protestantischen Bibelausgaben veranlassten die Menschen dazu, zunehmend über weltliche Grenzen nachzudenken. „Als immer mehr Menschen Zugang zu Bibeln aus dem 17. Jahrhundert erhielten, verbreiteten diese Karten ein Gefühl dafür, wie die Welt organisiert sein sollte und welchen Platz sie darin hatten“, erklärt MacDonald. Die Menschen verstanden die Linien demnach als Gottes Ordnung der Welt. Die Darstellung von Staatsgrenzen übertrug sich im späten fünfzehnten Jahrhundert auch auf weltliche Atlanten statt religiöse Karten. Die Linien markierten fortan politische Grenzen und Einflussgebiete. „Bibelkarten, die die Gebiete der zwölf Stämme abgrenzen, waren mächtige Akteure bei der Entwicklung und Verbreitung dieser Ideen“, sagt MacDonald.
Die dargestellte Teilung des Heiligen Landes in Stammesgebiete veranlasste allerdings auch einige Christen dazu, diese Territorien als ihr angestammtes Recht und von den Juden geerbt zu betrachten. Diese Ansicht von vermeintlich rechtmäßiger Souveränität übertrug sich ebenfalls auf die politische Welt und führte erstmals zu einer Art Nationalgedanken. Dieser wiederum floss in spätere Bibelausgaben und die darin geschilderten Texte ein und veränderte die Überlieferung der einst unpolitischen Heiligen Schrift.
Problematisch ist dies nach Ansicht des Historikers, wenn fundamentale Christen heute die komplexe und langwierige Entwicklungsgeschichte der Bibel ignorieren und darin geschilderte Grenzen verteidigen wollen, die es so einst jedoch nie gab. „Für viele Menschen ist die Bibel bis heute ein wichtiger Leitfaden für ihre grundlegenden Überzeugungen zu Nationalstaaten und Grenzen“, sagt MacDonald. „Sie betrachten diese Ideen als biblisch autorisiert und daher als grundlegend wahr und richtig.“ MacDonald betont jedoch, dass politische Grenzen und damit verbundene gesellschaftliche Ordnungen keine göttliche oder religiöse Grundlage haben. Er warnt davor, Ideologien auf Grundlage der vielfach umgeschriebenen und dabei verfälschten oder vereinfachten Texte der Bibel aufzubauen.
Quelle: University of Cambridge; Fachartikel: The Journal of Theological Studies, doi: 10.1093/jts/flaf090





