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Diplomatie beim Lanzenstechen
Im Juni 1520 traf Franz I. den englischen König Heinrich VIII. in der Nähe von Calais zu einem spektakulär inszenierten Ritterturnier. Man feierte damit den zwei Jahre zuvor unterzeichneten Friedensvertrag von London. Auch Heinrich VIII. sah sich in der europäischen Machtpolitik zu Höherem berufen.
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Seit dem frühen Morgen des 7. Juni 1520 herrschte in den Lagern der beiden Könige, die wenige Kilometer auseinander lagen, geschäftige Nervosität. Hunderte Ritter ließen sich von ihren Knappen einkleiden, Pferde wurden gesattelt, Schwerter und andere Waffen auf Hochglanz poliert. Erst um fünf Uhr am Nachmittag war alles bereit, und drei Kanonenschüsse gaben das Signal, dass die Züge der Monarchen sich aufeinander zu bewegen sollten.
Als der jeweils andere Tross in Sicht kam, brach kurz Panik aus, und es kam zum Stillstand. Beide Prozessionen bestanden aus rund 4000 Reitern und Fußsoldaten. Solch ein Anblick erinnerte die kampferprobten Teilnehmer unweigerlich an eine Schlacht. Doch diesmal standen sich die „Heere“ der Franzosen und Engländer in friedlicher Absicht gegenüber. Schließlich setzten sich alle wieder in Marsch.
Zur Begegnung kam es laut dem anwesenden Botschafter des italienischen Stadtstaats Mantua „etwa anderthalb Meilen von der französischen Grenze entfernt, wo zwei Hügel eigens für diesen Anlass aufgeschüttet wurden, einen Bogenschuss von dem anderen entfernt“.
Während Tausende Teilnehmer in völliger Stille verharrten, ritten Heinrich VIII. und Franz I. langsam die Hügel hinunter. Als sie nebeneinander zum Stehen kamen, nahmen sie zum Gruß ihre Hüte ab. Dann stiegen sie vom Pferd und umarmten sich herzlich – Trompeten und Posaunen hoben an.
Zwei „Könige von Frankreich“ an einem Tisch
Beim ersten Austausch warmer Worte in einem nahen Zelt kam es zu einem peinlichen Moment: Bei den offiziellen Titeln Heinrichs VIII. wurde auch „König von Frankreich“ verlesen. Heinrich wies den Herold an, man möge diesen Titel streichen. Franz I. rettete die Situation, indem er sagte: „Mein Bruder, nun, da du mein Freund bist, bist du der König von Frankreich, König all meiner Besitztümer und von mir selbst; aber ohne Freundschaft erkenne ich keinen anderen König von Frankreich an als mich selbst.“
Die Herrscher von Frankreich und England waren sich über Jahrhunderte meistens auf dem Schlachtfeld begegnet. Die englischen Ansprüche auf den französischen Thron gingen auf das Haus Plantagenet im 14. Jahrhundert zurück – daher trug Heinrich auch noch immer den Titel „König von Frankreich“. Der Vertrag von London erschien vor diesem Hintergrund wie der Anbruch einer neuen Zeit. Dem wichtigsten Berater Heinrichs VIII., Thomas Wolsey, Kardinal und Erzbischof von York, war es 1518 gelungen, nicht nur Frankreich und England an den Verhandlungstisch zu bringen, sondern halb Europa.
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Das Ergebnis, des auch als „Universalfrieden“ bekannt gewordenen Vertrags von London, stellte einen Nichtangriffspakt dar, den gleich sieben europäische Staaten unterzeichneten: Frankreich, England, das Heilige Römische Reich, der Kirchenstaat, Spanien, das Herzogtum Burgund und die Niederlande. Angesichts der damaligen Bedrohung durch das Osmanische Reich schien man im Abendland näher zusammenzurücken.
Kardinal Wolsey wollte den Geist von London durch ein gemeinsames Turnier bestärken, an dem die Könige von England und Frankreich teilnehmen sollten. Als Austragungsort legte man die englische Enklave Calais fest, der letzte Zipfel, der vom einst großen englischen Territorium auf dem Kontinent übriggeblieben war. Heinrich VIII. sollte sein Lager bei Guînes aufschlagen, das noch zu England zählte, Franz I. beim benachbarten, aber bereits französischen Ardres. Dazwischen wurde der Turnierplatz eingerichtet.
Die Vorbereitungen waren äußerst umfangreich. Quasi auf der grünen Wiese wurde eine Infrastruktur für die Entourage der beiden Delegationen geschaffen: jeweils rund 6000 Menschen, darunter Hunderte Adlige und Ritter. Die Teilnehmer sollten in Zelten schlafen, allerdings nicht in gewöhnlichen Zwei-Mann-Zelten, sondern üppigen Konstruktionen in der Form von großen Pavillons.
Diese wurden ausgekleidet mit teuren Stoffen wie Samt, Seide oder einem mit Gold- und Silberfäden durchwebtem Tuch. Dieser Brokatstoff gab dem Ereignis letztlich auch seinen Namen: im Englischen „Field of Cloth of Gold“, im Französischen „Camp du Drap d’Dor“. Deutsche Historiker haben dies etwas schwülstig mit „Feld vom güldenen Tuch“ übersetzt.
Trotz der hehren Absichten wurde umgehend klar, dass das Gipfeltreffen eine Bühne für Versuche bieten würde, die jeweils andere Seite zu übertrumpfen. So bedeckte Heinrichs spektakulärer temporärer „Palast“ bei Guînes eine Fläche von rund einem Hektar. Begrenzt wurde das aus Holz errichtete rechteckige Gebäude von vier aus Ziegeln gesetzten Türmen.
Der König und seine Gattin Katharina von Aragón waren in verschiedenen Flügeln des Gebäudes untergebracht. Ein französischer Besucher bemerkte beeindruckt, die Räume seien „durchflutet von Licht aus Glasfenstern, die bis zum Boden reichen“. Die Glasmalereien stellten frühere englische Monarchen dar.
Ein Rotwein-Brunnen begeistert die Besucher
Neben einem prunkvoll dekorierten Festsaal, versetzte auch ein Brunnen, aus dessen Fontänen Rotwein floss, die Besucher in Erstaunen. Über die genaue Ausgestaltung der Anlagen auf französischer Seite, die vermutlich nicht weniger prunkvoll waren, wissen die Quellen wenig zu berichten. Immerhin ist vermerkt, dass der italienische Architekt Domenico da Cortona (1465–1549) für die Entwürfe der Anlagen bei Ardres bezahlt wurde.
In den 14 Tagen nach dem eingangs beschriebenen ersten Treffen der beiden Könige standen die Turnierspiele im Mittelpunkt. Die beiden zentralen Protagonisten waren jung genug, um selbst an einzelnen Disziplinen teilzunehmen. Heinrich war 28, Franz 25.
Mit immensem Aufwand hatten die englischen Rüstungsmacher für Heinrich einen Harnisch geschmiedet. Doch Heinrichs geschickte Handwerker gerieten unerwartet unter Zeitdruck. Denn Franz I., der für die Ausrichtung der Turniere verantwortlich war, schlug kurzfristig beim Fußkampf eine Regeländerung vor. Deswegen musste die Rüstung, ein sogenannter Tonnenrockharnisch (englisch: tonlet armour), schnell angepasst werden. Er ist heute noch Teil der Sammlung der Royal Armouries, der königlichen Rüstkammer in London.
Es war nicht vorgesehen, dass die Könige direkt gegeneinander antreten sollten. Stattdessen führten sie jeweils ein Team an. Allerdings war der Wettstreit kein „Länderspiel“ Frankreich gegen England, denn die Landsmannschaften wurden gemischt. Wie bei jedem Turnier war das Lanzenstechen, der Joist, bei dem die Ritter aufeinander zu ritten, ein Höhepunkt.
Aus Sicht des englischen Historikers Glenn Richardson waren Heinrich VIII. und Franz I. die idealen Protagonisten für ein Schauspiel, wie es hier aufgeführt wurde. Da die beiden jungen Männer auch physisch den Typus des Kämpfers repräsentierten, standen sie symbolisch für Männlichkeit und Krieg. Kardinal Wolsey habe nun das Kunststück vollbringen wollen, zu zeigen, dass solche geborenen Krieger auch anders konnten.
Richardson schreibt: „In voller Rüstung und mit spektakulären, farbenprächtigen Wappen präsentierten Heinrich und Franz der versammelten Elite, der Welt und sich selbst ein beeindruckendes Schauspiel. Jeder Ritter zelebrierte seine Fähigkeit, sowohl Krieg zu führen als auch diesen im Sinne der ritterlichen Brüderlichkeit zu unterlassen. … Wolsey war entschlossen, dass das ,Field of Cloth of Gold‘ alle Fürsten von neuem lehren sollte, wie man Frieden stiftet.“
Festgelage mit mit bis zu 50 Gerichten pro Gang
Zur „ritterlichen Brüderlichkeit“ gehörte das gegenseitige Einladen zu Gelagen in den beiden temporären Palästen bei Guînes und Ardres. Dabei wurden mehrere Gänge mit jeweils bis zu 50 Gerichten aufgefahren. Bei den Getränken hatten die Franzosen vorzügliche Weine aus Burgund und Bordeaux (einstmals englischem Territorium) zu bieten. Im englischen Lager sorgte eine eigens eingerichtete Brauerei für reichlich Nachschub an Bier.
Den Rechnungsbüchern der englischen Köche ist zu entnehmen, dass insgesamt 6475 Vögel geschlachtet wurden, darunter auch Federvieh, das man heute auf keiner Speisekarte mehr finden würde: Störche, Rohrdommeln, Kiebitze, Lerchen, Reiher, Schwäne und Pfauen. Letztere wurden nach dem Grillen in ihrem markanten Federkleid serviert. Auch die Zahl der von den Köchen verwendeten Eier wurde genau notiert: 98 050.
Der Tanz im Anschluss an das Essen geriet zu einer weiteren Disziplin des Turniers, hier galt es, alle anderen an Grazie und Höflichkeit gegenüber den Damen zu überbieten. Natürlich zählte auch die modische Eleganz des Gewands.
Heinrich VIII. und Franz I. wurden auf Schritt und Tritt von den für das Protokoll zuständigen Höflingen begleitet. Denn der kleinste Fauxpas hätte sich zu einem diplomatischen Eklat entwickeln können.
Den königlichen Entouragen musste daher der Atem gestockt haben, als aus einer Schnapslaune heraus ein König den anderen – wer es war, da gehen die Berichte auseinander – zu einem Ringkampf aufforderte, zum Glück nicht auf offener Bühne. Das Ergebnis war eindeutig: Der im bretonischen Ringkampf geübte Franz I. warf seinen Kontrahenten gekonnt zu Boden. Bezeichnenderweise schweigen die englischen Quellen zu diesem für Heinrich VIII. etwas peinlichen Intermezzo. Immerhin hatte es für den weiteren Verlauf des Gipfeltreffens keine Folgen.
Die historischen Ereignisse nach dem zweiwöchigen Spektakel lassen nur schwer erkennen, dass es in Bezug auf die oft angespannten politischen Verhältnisse zwischen Frankreich und England nachhaltige Veränderungen gegeben hätte. Der Historiker Glenn Richardson sieht die Ereignisse vom Juni 1520 aber zu Unrecht als reine Show ohne tieferen politischen Sinn diffamiert – eine Sicht, die besonders die Historiker des 19. Jahrhundert vertraten.
Richardson dazu: „Das ,Field of Cloth of Gold‘ war in erster Linie ein Turnier, das den Frieden und eine Allianz zwischen Frankreich und England, zwei alten Feinden, einläuten sollte.“ Der Historiker sieht bei den Protagonisten einen aufrichtigen Willen, durch Diplomatie und symbolische Handlungen, die den Idealen der Ritterlichkeit entstammten, künftige Kriege verhindern zu wollen, auch wenn – wie sich schnell zeigte – die sprunghafte Bündnispolitik der Zeit dies nicht zuließ. Bereits 1523 erklärte Heinrich VIII. – nun im Bund mit Kaiser Karl V. – Frankreich den Krieg.
Am 24. Juni endete das Treffen mit einer gemeinsam gefeierten und von Kardinal Wolsey gelesenen Messe – noch war Heinrich VIII. ein treuer Diener der katholischen Kirche. Die Engländer ließen während des Gottesdiensts einen riesigen Drachen in den Himmel aufsteigen. Laut einem Augenzeugen „flog in Kreisen ein prächtiges und innen hohles Monster ausgestreckt über den Himmel“. Als Chimäre vereinte der Flugapparat zwei Wappen in sich: den Salamander Franz I. und den walisischen Drachen der Tudors.
Zumindest Heinrich schien das „Field of Cloth of Gold“ als ein Höhepunkt seiner Regierungszeit in Erinnerung geblieben zu sein. Das kann man vielleicht daraus ableiten, dass er 1545 ein monumentales Gemälde in Auftrag gab, das die Szenerie in idealisierter Weise wiedergibt. Es ist heute in Hampton Court zu sehen, jenem Schloss, mit dem Kardinal Wolsey die königlichen Paläste in den Schatten stellte. Bei Heinrich VIII. kam das damals erwartungsgemäß nicht gut an.
Ende der 1520er Jahre sank der Stern des Kardinals. Ihm gelang es nicht, den englischen König aus der Ehe mit Katharina von Aragón zu befreien, damit dieser seine Geliebte Anne Boleyn heiraten konnte. Mit dem Rücken zur Wand schenkte Wolsey dem König Hampton Court. Es half alles nichts: 1529 wurde Wolsey entmachtet, im Jahr darauf starb er.
Das Gemälde von 1545 erinnert an das Meisterstück des Lordkanzlers – und den heute fast vergessenen Versuch zweier stolzer Könige, die damalige Welt etwas friedlicher zu machen.
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