Santiago de Compostela ist eine der bekanntesten christlichen Pilgerstätten weltweit. Schon seit dem Mittelalter pilgern Menschen auf dem Jakobsweg bis zur Kathedrale dieser Stadt, in der der Überlieferung nach das Grab des heiligen Apostels Jakobus liegen soll. “Beim Aufstieg von Santiago zur religiösen Prominenz spielte ein Mann eine besonders wichtige Rolle”, berichten Patxi Pérez-Ramallo vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena und seine Kollegen. Dabei handelt es sich um Bischof Teodomiro von Iria-Flavia. Dieser war in der Zeit zwischen 820 und 830 nach Christus der Beobachtung eines Einsiedlers nachgegangen, der über einen möglicherweise göttlichen Fingerzeig in Form eines Sternenregens über einem Feld berichtete.
Der Bischof ging der Sache nach und besuchte die Stelle selbst. “Nach Tagen des Fastens und der Meditation empfing er eine Offenbarung, nach der er die Gebeine des Apostels Jakobus in einem verlassenen Friedhof in Santiago de Compostela finden würde”, schildern Pérez-Ramallo und seine Kollegen die Überlieferung. Tatsächlich wurden an der besagten Stelle Gebeine gefunden, die als die des Apostels und zweier seiner Jünger galten. Der damals über Asturien herrschende König Alfonso II. ließ daraufhin eine Kirche über dem Grab errichten – aus ihr entstand die heutige Kathedrale von Santiago de Compostela.

Von wem stammen die Gebeine aus der Kathedrale?
Doch was wurde aus dem Entdecker des Grabes, Bischof Teodomiro? “Trotz seiner wichtigen Rolle wurden die Geschichte von der Entdeckung des Jakobsgrabes und die Existenz des Bischofs lange als Mischung aus Fakt und Fiktion gesehen, viele bezweifelten, dass es diesen Bischof überhaupt gab”, erklären die Wissenschaftler. 1955 jedoch schien der Beweis erbracht: Man entdeckte unter dem Fußboden der Kathedrale ein Grab samt Grabstein, das die darin liegenden Gebeine als die des Bischofs Teodomiro auswies. Ersten Untersuchungen zufolge stammten die Knochen tatsächlich von einem älteren Mann. 30 Jahre später ergaben osteoarchäologische Neuanalysen jedoch, dass diese Gebeine einer 50- bis 70-jährigen Frau gehörten – es konnte demnach nicht der Bischof sein. Widersprüche blieben jedoch bestehen.
Jetzt haben Pérez-Ramallo und sein Team den Fall neu aufgerollt. Sie unterzogen die Überreste aus der berühmten Pilgerstätte einer ganzen Batterie von Knochen-, Isotopen-, Radiokohlenstoff- und DNA-Analysen. Diese ergaben: Entgegen den Ergebnissen der letzten Untersuchungen enthält das Grab in der Kathedrale die Knochen eines erwachsenen Mannes, der wahrscheinlich über 45 Jahre alt war. Die Radiokarbondatierung ergab für das Alter der Knochen eine Zeitspanne von 673 bis 820 n. Chr. Nach Berücksichtigung von verfälschenden Faktoren stimme dies mit dem überlieferten Tod im Jahr 847 n. Chr. überein, berichten die Forschenden.





