Die mittlere Jungsteinzeit ist in Westeuropa durch monumentale Grabbauten gekennzeichnet. Fast überall entlang der europäischen Atlantikküste begannen Menschen damals, ihre Toten in Großsteingräbern, Grabhügeln und anderen Megalith-Bauwerken zu bestatten. Eine der frühesten Manifestationen dieser Megalith-Kulturen ist die Cerny-Kultur, die vor rund 6500 Jahren im Pariser Becken entstand und sich dann bis in die Normandie ausbreitete. Typisch für diese Kultur sind lange Grabhügel aus aufgeschütteter Erde.
300 Meter lange Grabhügel
In Fleury-sur-Orne in der Normandie liegt eine der bekanntesten und bisher am besten erforschten Grabstätten der Cerny-Kultur. Hier finden sich 32 bis zu 300 Meter lange Grabhügel, in denen typischerweise jeweils nur eine Person, seltener zwei oder drei Tote bestattet wurden. Beigaben von Pfeilspitzen, Bögen und möglicherweise auch Köchern kennzeichnen dabei Tote mit besonders hohem Status und entsprechend großen Grabhügeln. Radiokarbondatierungen von 15 in Fleury-sur-Orne bestatteten Toten deuten darauf hin, dass die meisten dieser Grabhügel in der Zeit von 4600 bis 4300 v. Chr. entstanden, drei der Gräber sind etwas jünger und stammen aus der Zeit nach 4000 v. Chr.
Um mehr über die Toten und die hinter den Bestattungspraktiken stehende Sozialstruktur der Cerny-Kultur zu erfahren, haben nun Maïté Rivollat von der Universität Bordeaux und ihre Kollegen 14 der 19 bisher ausgegrabenen Toten aus dieser Grabstätte einer Genomanalyse unterzogen. Anhand von DNA-Vergleichen wollten sie unter anderem herausfinden: “Wurde die Stätte von einer homogenen Gruppe genutzt? Umfasst die Grabstätte eine oder mehrere biologische Familien und welche Abstammungen lassen sich aus der genetischen Struktur schließen?”, schreibt das Team.
Männer statt Familien
Die DNA-Analysen ergaben: 13 der 14 Toten waren männlichen Geschlechts, aber größtenteils nicht direkt miteinander verwandt. Die Ausnahme waren zwei jeweils zu zweit in einem Grabhügel bestattete Individuen, die sich als Vater-Sohn-Paare erwiesen. Damit unterscheidet sich die Bestattungspraxis der Cerny-Kultur deutlich von der Megalith-Kulturen in Irland und Großbritannien: “In Irland enthalten Ganggräber Kammern, die bis zu mehreren Dutzend Toten enthalten können”, berichten Rivollat und ihre Kollegen. Dabei handelt es sich oft um enge Verwandte. In England wurden in einem neolithischen Grabhügel 27 ebenfalls eng miteinander verwandte Toten gefunden. “Das spricht dafür, dass die Begräbnis-Organisation auf einem Familiensystem beruhte”, so die Archäologen.
Anders in Fleury-sur-Orne: Zwar waren die Toten in den verschiedenen Grabhügeln größtenteils ähnlicher Herkunft, nicht aber Angehörige derselben Familie oder Verwandtschaftsgruppe. Daraus schließen die Forscher, dass sich die soziale Struktur und die Zuordnung eines hohen Status in den verschiedenen regionalen Ausprägungen der Megalith-Kulturen durchaus unterscheiden konnte. Die Dominanz der männlichen Toten in den Hügelgräbern der Cerny-Kultur deutet nach Ansicht von Rivollat und ihrem Team aber auf eine männlich-dominierte Weitergabe von soziopolitischer Autorität hin. Die Bestattung der beiden Vater-Sohn-Paare könnte zudem auf ein patrilineares Gesellschaftssystem hinweisen.





