Viele präkolumbische Kulturen Mittelamerikas, darunter auch die Maya, Mixteken und Azteken, hielten wichtige Ereignisse in Codices fest. Diese wurden auf Tierhaut oder dem aus dem Bast von Baumrinden hergestellten Amatl-Papier gezeichnet. Meist wurden dafür Farben aus pflanzlichen oder mineralischen Pigmenten verwendet. Mithilfe von Bildern und ideografischen Zeichen dokumentierten die präkolumbischen Kulturen damit wichtige reale Ereignisse, aber auch religiöse Mythen. Andere Codices dienten dazu, Kalenderdaten, Abstammungen oder auch Tributzahlung niederzuschreiben. Die fertigen Codices wurden ziehharmonikaartig zu einer Art Buch gefaltet.
Drei Aztekencodices wiederentdeckt
Die meisten Codices der Azteken aus der Zeit vor der spanischen Eroberung wurden von den europäischen Missionaren und Konquistadoren im 16. Jahrhundert zerstört. Die Dokumente galten als potenziell subversiv und standen der Christianisierung und “Umerziehung” der indigenen Bevölkerung entgegen, so die vorherrschende Ansicht. Doch in einigen Gebieten blieb die Tradition lebendig und es wurden auch nach der spanischen Eroberung noch neue Codices hergestellt. Typisch für diese sogenannten gemischten Codices sind Abbildungen in traditioneller Darstellungsweise, die durch Texte in der Aztekensprache Nahuatl oder auf Spanisch ergänzt werden.
Jetzt berichtet das mexikanische Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte (INAH) von einer spektakulären Wiederentdeckung und dem Erwerb dreier solcher Aztekencodices. Erste Hinweise auf diese historischen Dokumente entdeckten Archäologen der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) bereits vor 15 Jahren, als sie bei einer Einladung in ein Privathaus im Bezirk Coyoacán Aufnahmen aztekischer Piktogramme auf einem Monitor gezeigt bekamen. Die Originale bekamen die Forschenden jedoch erst vor zwei Jahren zu sehen – und erst dann konnten sie genauer feststellen, worum es sich handelte.
Karte, Bestandsliste und eine Geschichte von Tenochtitlán
Die Analysen ergaben, dass es sich um drei 400 bis 450 Jahre alte Aztekencodices handelte. Diese stammten aus dem Ort San Andrés Tetepilco, südlich von Mexiko-Stadt und waren über Jahrhunderte hinweg in einer Familie weitervererbt worden. Die Codices wurden aus Amatl-Papier hergestellt, auf das eine Schicht Gips, Cochenille-Lack, Tinten aus Pflanzen und Kohle sowie Indigo für die Farben Rot, Ocker-Gelb, Schwarz und Blau aufgetragen wurden. Unter den drei Fundstücken ist ein Codex, der auf einer Karte die Gründung der Stadt Tetepilco darstellt und wertvolle Informationen über Orte der damaligen Zeit liefert. Der zweite Codex besteht aus zwei zusammengeklebten Amatl-Blättern und enthält eine Bestandsliste der Kirche von San Andrés Tetepilco. Zum Inventar gehörten demnach unter anderem: fünf rote, wahrscheinlich von einem Priester getragene Anzüge, Blasinstrumente, ein Stuhl, Banner und Darstellungen religiöser Motive.





