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Drei Tage Musik und Frieden
Unweit der Metropole New York versammelten sich im Sommer 1969 Hunderttausende junger Leute, um ihre Lieblingsbands zu sehen. Woodstock, das Festival, das in die Geschichte eingehen sollte, hätte beinahe nicht stattgefunden. Und mehrfach drohte es, zum Desaster zu werden. Dennoch gelten die drei Tage vom 15. bis zum…
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Um drei Uhr nachmittags am 15. August 1969 sollte eines der größten Konzerte der Geschichte beginnen. Aber „Sweetwater“, die Band, die eigentlich das Fest einleiten sollte, stand im Stau, so wie fast alle anderen Bands. Alle Straßen, die zur Wiese des Molkereibesitzers Max Yasgur führten, waren verstopft. Das Festival war kurz davor, sich als Desaster zu entpuppen – ein Schwebezustand, in dem es sich seit der Planungsphase befand und den es bis zuletzt beibehalten sollte.
Dennoch hatten viele der herbeiströmenden Gäste schnell das Gefühl, dass das mit dem Slogan „Woodstock Music and Art Fair: Three Days of Peace and Music“ beworbene Ereignis das Zeug hatte, zur Legende zu werden. Die Organisatoren, die teilweise für das Chaos verantwortlich waren, hießen John Roberts, Joel Rosenman, Artie Kornfeld und Michael Lang. Sie waren alle Mitte 20 und eigentlich in keiner schlechten Position, um ein Musikfestival auf die Beine zu stellen: Roberts konnte Kapital vorschießen; Kornfeld war Vizepräsident des Musiklabels Capitol Records und dort verantwortlich für etwa 30 Hits; Lang, der waschechte Hippie der Gruppe, hatte bereits das zweitägige „Miami Pop Festival“ organisiert, das immerhin 40 000 Besucher angezogen hatte; und Rosenman trieb die Gruppe mit seinem Elan vor sich her.
Der Plan der vier sah vor, eine große Fläche zu mieten, eine riesige Bühne und eine großartige Sound-Anlage aufzubauen und die berühmtesten Bands dieser Tage mit mehr als großzügigen Gagen zu gewinnen. Mit den großen Namen und relativ niedrigen Eintrittspreisen (18 Dollar pro Karte im Vorverkauf) wollte man ein außergewöhnlich großes Publikum anziehen – vielleicht sogar mehr als 100 000 Gäste. Diese Menge wiederum sollte es ermöglichen, die Gagen auch zu bezahlen. Auf den Plakaten wurde zudem deutlich gemacht, dass es außer der Musik um die Versammlung von Hippies ging. Woodstock sollte ein großes, friedliches Picknick sein.
Aber schon bald gab es Probleme. Lang kannte die Gegend um Woodstock, hatte aber nicht mit dem Widerstand der Kleinstädter gerechnet. Die Stadt Woodstock, wo der Musiker Bob Dylan lebte, längst Idol seiner Generation, verweigerte die Zulassung. Das benachbarte Wallkill sagte schließlich ebenfalls ab. Erst in Bethel, wo Elliot Tiber, der den Hippies wohlgesinnte Sohn eines Motel-Besitzers, in der örtlichen Handelskammer saß, hatten die Organisatoren Erfolg. Trotzdem gab es Spannungen: Tiber und der Molkereibesitzer Yasgur, der für 50 000 Dollar den Veranstaltungsort zur Verfügung stellte, wurden von zornigen Anwohnern bedroht.
Trotz der Bedenken konnte das Festival am 15. August 1969 beginnen. Hunderttausende machten sich auf den Weg und standen umgehend im Stau. Die Verkehrswege der ländlichen Gegend um Woodstock und Bethel waren nicht für diesen Andrang konzipiert. Zwischen 400 000 und 500 000 junge Leute wollten dabei sein – jene, die sich von dem Chaos schließlich abschrecken ließen und den Heimweg antraten, nicht mitgerechnet.
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Wer auf der Wiese eintraf, fand keine vollständige Absperrung des Geländes oder einen geregelten Kartenverkauf vor. Die Massen strömten auf das Gelände – mit oder ohne Ticket –, und die Organisatoren sahen sich gezwungen, das Festival kurzerhand zu einem Gratis-Event zu erklären. Sie hofften, dass ihnen der Dokumentationsfilm, der während der kommenden drei Tage gedreht werden sollte, den erhofften Profit noch liefern würde.
Während die Gäste ihre Zelte aufbauten, sich auf die Wiese legten, einander kennenlernten und Gras rauchten, versuchten die Organisatoren, den Auftakt ihres Festivals zu retten. Zuerst gab es ein paar freundliche Durchsagen und Yoga auf der Bühne, aber irgendwann war klar,
dass es bis zum Eintreffen der meisten Bands noch lange dauern würde.
Der Einzige, der sich zwei Stunden nach dem offiziellen Beginn schon auf dem Gelände befand, war Richie Havens, einer der wenigen schwarzen Musiker, die in Woodstock auftreten sollten. Er wurde gebeten einzuspringen. Und so begann das Festival mit einem dreistündigen Konzert, bei dem Havens und seine Band ihr komplettes Repertoire spielten. Als Havens alle Stücke gespielt hatte, setzte er zu einer improvisierten Version des Liedes „Motherless Child“ an; es entstand die erste Hymne Woodstocks: „Freedom“.
Auf Havens folgte Country Joe McDonald, der eigentlich nur als Gast gekommen war. Er widersetzte sich erst, ließ sich aber schließlich überzeugen. Mit einem Gefühl der Unsicherheit ging er auf die Bühne, hatte das Gefühl, das Publikum mit seiner Musik nicht zu erreichen, und kam dann auf eine Idee. „Gebt mir ein F!“, rief er. „F!“, schallte es tausendfach zu ihm zurück. Er ließ die versammelte Hippie-Gemeinde „Fuck“ buchstabieren und rufen. Der gefeierte Tabubruch, eingerahmt von seinem „I-Feel-Like-Im-Fixin-To-Die-Rag“ wurde zum nächsten Woodstock-Hit.
Auf McDonald folgte John Sebastian, Gitarrist und Sänger der Band „Lovin’ Spoonful“; auch er war eigentlich nur als Zuschauer angereist. Im Rausch entfiel ihm immer wieder der Text, aber das wohlwollende Publikum half ihm lautstark.
Währenddessen setzte die U. S. Army Hubschrauber ein, um die Bands aus dem Stau zu holen. Das reguläre Programm konnte beginnen. Trotzdem ging es holprig weiter: Carlos Santana hätte wegen seines Drogenkonsums um ein Haar nicht auftreten können, Janis Joplin war stark alkoholisiert, der Manager von „The Who“ wollte Vorkasse sehen, und auch der Auftritt von „Canned Heat“ wäre fast gescheitert.
Das größte Problem des Festivals waren aber nicht die Bands, sondern die zahlreichen organisatorischen Mängel, die letztlich alle darauf hinausliefen, dass Woodstock 400 000 Gäste eigentlich nicht fassen konnte. Es gab nur 600 Toiletten, und wer nicht über eine Stunde Schlange stehen wollte, ging in die umliegenden Wiesen. Außerdem reichte die Verpflegung nicht aus. Es fehlte an Essen und Trinkwasser. Gouverneur Nelson Rockefeller war drauf und dran, 10 000 Nationalgardisten nach Woodstock zu schicken, um eine Katastrophe zu verhindern. John Roberts konnte ihn jedoch überzeugen, dass die Hippies die anrückende Nationalgarde als Bedrohung wahrnehmen und deshalb negativ reagieren würden. Hilfe blieb also aus.
Die Notsituation hatte allerdings einen unerwarteten Effekt: Die Verantwortung für ein gutes Gelingen des Festivals wurde von den Organisatoren auf die Gäste übertragen, ob diese das merkten oder nicht. Essen und Trinken wurden solidarisch geteilt, die Versuche Einzelner, Profit aus der Sache zu schlagen, schnell unterbunden, und das ohnehin starke Gemeinschaftsgefühl noch um ein Vielfaches verstärkt.
Auch die zuvor so besorgten Anwohner taten nun alles, um zu helfen: Sie bereiteten Essen zu, stellten ihre Gartenschläuche zum Trinken und Duschen zur Verfügung und bekamen dabei einen durchweg positiven Eindruck von ihren Gästen. Die Polizisten, die außerhalb ihrer Dienstzeit als Sicherheitskräfte angeheuert hatten, verhielten sich freundlich und hilfsbereit. Sie folgten der Richtlinie, den allgegenwärtigen Drogenkonsum, die öffentliche Nacktheit und diverse andere Verstöße gegen geltendes Recht zu ignorieren.
Dann setzte das Gewitter ein. Es vertrieb die Künstler von der Bühne und verwandelte die Wiese in ein Moor. Entsetzt realisierten die Organisatoren, dass die Menge in Gefahr war. Die Scheinwerfertürme, auf die zahlreiche Zuschauer geklettert waren, schwankten im Sturm hin und her. Von schlecht isolierten Kabeln ging außerdem das Risiko von Stromschlägen aus. Doch alle hatten Glück: Das Gewitter zog vorbei, ohne dass jemand dabei zu Schaden kam. Das Festival konnte weitergehen.
Weil das Gewitter den weiteren Konzertverlauf um mehrere Stunden nach hinten verschoben hatte, endete die Musik nicht wie geplant am Sonntagabend, sondern setzte sich durch die Nacht bis zum Montagmorgen fort. „The Who“, „Santana“, „The Greatful Dead“, „Jefferson Airplane“, „Blood, Sweat & Tears“, das Trio um Johnny Winter, „Creedence Clearwater Revival“ und „Sha Na Na“ führten die ungebrochen euphorische Menge durch das Gewitter und aus ihm hinaus.
Tief in der Nacht wurden dann allerdings viele von der Müdigkeit übermannt. John Fogerty, der Gründer von „Creedence Clearwater Revival“ erinnerte sich später: „Wir waren bereit zu rocken und warteten und warteten, und endlich waren wir an der Reihe. Es war drei Uhr morgens, und zu dem Zeitpunkt war eine halbe Million Leute eingeschlafen. Die waren völlig weg. Es war irgendwie wie ein Gemälde einer Dante-Szene, lauter Körper aus der Hölle, alle ineinander verschlungen und schlafend, bedeckt mit Schlamm. Und das ist der Moment, an den ich mich erinnern werde, so lange ich lebe: Eine Viertelmeile entfernt, in der Dunkelheit, am anderen Ende dieser Schüssel hat ein Typ sein Feuerzeug angeknipst, und durch die Nacht höre ich ,Mach dir nichts draus, John, wir sind bei dir!‘ Den Rest der Show habe ich für diesen Typen gespielt.“
So spielten die großen Bands ihre Zuschauer in den Schlaf, begleiteten sie durch die Nacht und weckten sie am frühen Morgen. Wer am Montagmorgen noch in Woodstock und dazu schon wach war, der bekam den letzten Auftritt des Festivals zu sehen: Jimmy Hendrix gab vor etwa 30 000 Zuschauern ein denkwürdiges Konzert, dessen Höhepunkt seine Interpretation der US-amerikanischen Nationalhymne war, so wie er sie schon fünf Monate zuvor auf dem „Los Angeles Forum“ und im Juni beim „Denver Pop Festival“ zum Besten gegeben hatte.
Indem er das Kreischen fallender Bomben nachahmte, traf er den Kern der in Woodstock versammelten Hippie-Bewegung: Das Gefühl, dass sich der amerikanische Traum als Alptraum entpuppt hatte, aus dem man erwachen wollte, dass es aber auch einen Plan gab, wie dies zu tun sei: Frieden und Musik – damit hatten Woodstocks Organisatoren geworben. Und die meisten Zuschauer hatten das Gefühl bekommen, dass es wirklich Hoffnung auf eine bessere, friedliche Welt gab, in der die utopischen Ideen junger Menschen verwirklicht werden konnten. Sie hatten einen neuen amerikanischen Traum gefunden.
Wer bis zum Montag geblieben war, konnte sich mitunter nur schwer von der Bühne trennen. „Mehr, mehr, mehr“, skandierten Tausende. Aber mehr gab es nicht. Nach und nach leerte sich die Wiese. Von lächelnden Polizisten verabschiedet, die ihnen das Peace-Zeichen entgegenreckten, machten sich die letzten Gäste auf den Heimweg – wehmütig, begeistert, hoffnungsvoll.
Die Presse, die während des Festivals noch voller Entsetzen über das Chaos und den Dreck geschrieben hatte, begann bald, Woodstock als Triumph der Hippie-Bewegung zu deuten. Die Außenseiter hatten sich hier zu Hunderttausenden zusammengefunden und ihre Utopie gelebt, ohne Gewalt und ohne Aggression, dafür mit Geduld, Solidarität und Hilfsbereitschaft.
Dabei hatten sie der Polizei, den Anwohnern und letztlich der ganzen Welt vorgeführt, wie harmlos und in der Tat wie freundlich und umgänglich sie waren. In Woodstock, so wurde bald geschrieben, floss alles zusammen, was diese junge Bewegung ausmachte.
Der Dokumentationsfilm, an dem unter anderem auch der junge Martin Scorsese mitwirkte, sollte diese Wahrnehmung für alle Zeit festschreiben. Auch wenn Woodstock nicht die Welt umkrempelte, wie es viele der Feiernden gehofft hatten, so wurde es doch zur kollektiven Erinnerung einer Generation, die vieles anders machen wollte und zunehmend selbstbewusst das bestehende System herausforderte.
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