Edvard Munch beginnt 1894, als er in Berlin lebt, im Alter von 31 Jahren druckgraphisch zu arbeiten. Das in den folgenden Jahrzehnten bis ins hohe Alter in Deutschland, Paris und Norwegen geschaffene umfangreiche druckgraphische Werk spiegelt sowohl sein Leben als auch seine Faszination für die besonderen Qualitäten der gewählten Ausdrucksmittel wider. Experimentierfreudig versteht er es, die spezifischen Eigenschaften der druckgraphischen Techniken, der Radierung, der Lithographie und des Holzschnitts, meisterhaft und innovativ mit komplexen Inhalten zu verbinden.
Die gewählten Motive gleichen weitgehend jenen seiner zuvor entstandenen Gemälde. Als Maler ist Munch 1894 bereits ebenso bekannt wie umstritten. Vor allem der Skandal um die 1892 aufgrund der Empörung von Publikum und Kritikern geschlossene Ausstellung seiner Gemälde im Verein Berliner Künstler entfachte die Diskussion um seinen freien Umgang mit Farben und Formen seiner Bildgegenstände. Die heftige Ablehnung durch die konservativen Stimmen im Berlin jener Jahre schlägt dem Skandinavier ebenso entgegen wie dem französischen Impressionismus.
Jenseits der Farbe beginnt Munch in Berlin prägende Motive seiner Gemälde wie „Das Mädchen am Fenster“, „Der Tag danach“ oder „Das kranke Kind“ zunächst in Radierungen zu übertragen. Diese in Kenntnis zeitgenössischer Meisterwerke wie der Radierungen Max Klingers (1857–1920), aber offenbar ohne langwierige Anleitung geschaffenen frühen Kaltnadelarbeiten sind von erstaunlicher Qualität und zeugen von einer vielversprechenden Begabung. Gemeinsam mit fünf weiteren Tiefdrucken sind sie in einer 1895 von Julius Meier-Graefe in Berlin verlegten Mappe mit Radierungen Edvard Munchs enthalten. Von dieser seinerzeit erfolglos angebotenen Edition besitzt das Städel seit 1912 eine vollständige Mappe der in nur zehn Exemplaren auf Japanpapier gedruckten Vorzugsausgabe.
Bereits 1894, als Munch zu radieren beginnt, entstehen auch seine ersten Lithographien. Unter den über 30 ausgestellten Beispielen in dieser Technik finden sich eindrückliche Bilder, die differierende Stimmungen der Liebe thematisieren („Meer der Liebe“, „Loslösung II“, „Vampyr II“). Zwei lithographierte Fassungen zur „Eifersucht“ (1896) legen einen Vergleich mit dem späteren Gemälde gleichen Titels in der Galerie des Städel nahe. Munchs „Gasse“ bietet einen visionären Kommentar zur „Frau als Objekt der Begierde“, der im lithographischen Werk von Henri Toulouse-Lautrec einen Ahnen hat.
Einzigartig gelingt es Munch, schwer fassbare psychische Zustände und Empfindungen zwischen den Geschlechtern ins Bild zu setzen. Kaum spürbar verlassen seine Motive die alltägliche Welt und finden ihre Entsprechung zum modernen Seelenleben. Seine symbolisch verdichteten Gefühle muten einfach an und sind von tiefem Sinn erfüllt.





